Süddeutsche Zeitung

Architektur:"Stadt der Etablierten"

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Klimawandel, soziale Ungleichheit, mangelnder Wohnraum sind auch Krisen der Architektur. In München werden sie besonders sichtbar, sagt Jonas Langbein. In seinem Architekturpodcast erzählt er, wie er diese Stadt sieht - und warum die Lösungen in Bürogebäuden liegen können.

Von Luca Lang

Fast eine Million Quadratmeter ungenutzte Büroflächen in München im vergangenen Jahr. Ein Leerstand, fast eineinhalb Mal so groß wie der Münchner Westpark. Gleichzeitig warteten im Herbst 2021 knapp 15 000 Studierende auf einen Platz in einem Wohnheim. Und mit Blick auf den Start des Wintersemesters dürften die Wartelisten kaum kürzer geworden sein. Besteht bei den ungenutzten Flächen vielleicht das Potenzial, um genau diese Probleme des Münchner Wohnungsmarktes anzugehen? Fragen wie diese diskutiert Jonas Langbein, 29, beim Podcast FOAM.

FOAM steht für "Forum of Architecture Mediation". Ins Leben gerufen haben den Podcast Architektur-Studierende der TU München. Jonas ist einer der Hosts. Mit seinen Gästen spricht er über Themen, die auch er bei seinem Bachelor-Studium vermisste: Klimakrise, Wohnungskrise, soziale Ungleichheit - alles auch Krisen der Architektur. Antworten auf diese Themen fand Jonas in seinem Studium nicht. "Die Kacke ist einfach am dampfen", sagt der junge Architekt, "und die Ausbildung, die wir bekommen, zumindest so, wie wir es im Bachelor alle wahrgenommen haben, entspricht dem nicht so unbedingt."

"Architektur hat eine soziale, politische, ökologische, ökonomische Dimension."

Architektur sei mehr als "dieses schöne Bild oder das schöne Haus. Sondern sie hat eine soziale, politische, ökologische, ökonomische Dimension", sagt Jonas. Seit mehr als zwei Jahren entstehen bei FOAM Podcast-Folgen, die diese Dimensionen aufgreifen. Die Themen und Gäste sind dabei mindestens so unterschiedlich wie die Krisen und Probleme, auf die Jonas Antworten sucht. Die blinde Malerin Claudia Stiglmayr erzählt in einer Folge davon, was Architektur für sie bedeutet und der ebenfalls blinde Architekt Chris Downey erklärt, wie Architektur für Menschen mit Sehbehinderung die Stadt für alle verbessern kann. Skatboard-Fahrer erzählen zwischen dem Klappern der Bretter und Rollen, wie sie eine Stadt sehen. Und Jakob Bahret, auch einer der Hosts, spricht mit der Münchner Initiative "Zirkulaer" über die Nutzung zirkulärer Baumethoden, um den Ressourcenverbrauch zu minimieren.

Immer wieder geht es in dem Podcast auch um München. Um die Stadt, in der Jonas aufwuchs. "Eine Stadt der Etablierten", wie er sie nennt. "München ist für mich ein bisschen so eine Hassliebe", sagt er. Inzwischen verbringt er nur noch ein Drittel der Woche in seiner Laimer Wohngemeinschaft. Den Rest der Zeit ist er wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Bauhaus-Uni Weimar. Aber schon während seines Studiums in München merkte er, dass Freiräume fehlen. Räume, an denen junge Menschen die Stadt aktiv mitgestalten können. Deshalb fordern junge Münchner Aktionsbündnisse und Kollektive wie "Freiräumen" oder "die Städtischen" mehr Räume für Subkultur. Ihnen geht es um Kooperationsprojekte zwischen Stadtverwaltung, Bevölkerung und den unterschiedlichen Kollektiven oder das "Schaffen sozialer Begegnungsstätten", wie es in den Forderungen des Kollektivs "die Städtischen" heißt.

Die Frage des Geldes ist allgegenwärtig in München

Einer dieser raren Frei- und Kulturräume ist die Minna Thiel. Der Schienenbus aus den Fünfzigerjahren, ursprünglich nur als Zwischennutzung der Wiese vor der Filmhochschule geplant, ist seit 2017 Ort für Kulturprogramm und Café. Dort sitzt Jonas unter einem Baum, nicht weit entfernt von seiner ehemaligen Uni. Seine Haare sind etwas zerzaust, wahrscheinlich vom Fahrtwind - natürlich ist er mit dem Fahrrad unterwegs. Für Jonas zeigt die Minna Thiel, wie diese Begegnungsorte die Qualität einer Stadt verbessern können. Und trotzdem seien diese Orte in München oft an Konsum gebunden.

Die Notwendigkeit von Geld ist allgegenwärtig in München. Selbst die wenigen Freiräume in München könnten von jungen Menschen kaum genutzt werden, weil man aufgrund der Mietpreise darauf angewiesen sei, "den Rest der Zeit, die du nicht mit dem Studieren verbringst, zu arbeiten", sagt Jonas. Die Ausweichmöglichkeiten seien dann meist ökologische Räume wie die Isar und "da ist es schon schwierig, dass dort jeden Tag im Sommer solche Menschenmassen und Müllmassen hinziehen."

25 000 Menschen könnten in leerstehenden Büros Platz finden

Wie lässt sich dieses Problem aber lösen, wenn in einer Stadt wie München Fläche und Raum knapp sind? Noch mehr bauen? München ist bereits die am stärksten versiegelte Großstadt Deutschlands. Gerade mit Blick auf die Klimakrise könne das nicht mehr die Lösung sein. 14 Prozent der CO₂-Emissionen kommen aus dem Gebäudesektor - die Herstellung von Strom und Baustoffen noch nicht eingerechnet. Eigentlich seien wir in Deutschland an dem Punkt, an dem man sagen könne, "wir müssen nicht mehr bauen. Es geht darum mit dem Bestand zu bauen, klug zu managen."

Den Bestand managen, das heißt, dass man das, was bereits gebaut wurde, anders nutzen muss. Für Jonas liegt eine der Lösungen in Mehrfachnutzungen. Bürogebäude seien nicht nur durch Homeoffice und Pandemie leer, auch außerhalb der Arbeitszeiten bestehe hier Potenzial für ungenutzte Fläche. Eine ganze Folge des Podcasts beschäftigt sich mit dem Thema. Zu Gast ist Antonia Cruel, die sich in ihrer Masterarbeit mit dem Thema befasste. Sie rechnet vor: Leerstehende Büros in München ergeben zusammen eine Fläche von knapp einer Million Quadratmetern. Das könnte für mehr als 25 000 Menschen Platz bieten, bei einem durchschnittlichen Wohnflächenverbrauch von 39 Quadratmetern.

Mehrfachnutzungen können ein Ansatz sein, die Krisen der Stadt zu bewältigen

Sollen also Studierende dort wohnen, wo sonst Schreibtische und Bildschirme stehen? Sollen Freiräume für junge Menschen und Kultur entstehen, wenn Menschen die Akten in den Schrank stellen? Womöglich klingt das für viele zunächst abwegig, auch Jonas ist das bewusst. Trotzdem sieht er in diesen neuen Formen des Lebens eine Antwort auf die Frage, "wie die verschiedenen Nutzerinnen und Nutzer trotz des mangelnden Platzes ihre Interessen ausleben können, ihren Freiraum bekommen".

Erste Vorreiter zeigen, wie das funktionieren kann. Zum Beispiel die Arbeitsräume des Berliner Architekturmagazins ARCH+. Tagsüber recherchieren, schreiben, layouten die Journalisten, vor den Deadlines bestimmt auch mal in den Abend hinein. Wenn dann die Laptops zugeklappt werden, leben dort die Chefredakteure. Durch Vorhänge und Schiebetüren werden Privaträume wieder wohnlich, die Bar des Veranstaltungsraums wird wieder zur Küche. Für Jonas ist das ein Beleg, dass Mehrfachnutzungen eine Alternative zu etablierten Konzepten der Raumnutzung darstellen. Jonas geht sogar noch einen Schritt weiter: Mehrfachnutzungen können ein Ansatz sein, die Krisen der Stadt bewältigen.

Zu diesem Ergebnis kommt auch die Studie "MEHRRAUM, Die Zeitgerechte Stadt - Potentiale der Mehrfachnutzung" des Münchner Architekturbüros teamwerk-architekten im Auftrag des Ministeriums für Landesentwicklung und Wohnen Baden-Württemberg. Die Nutzung von bestehenden Bausubstanzen sei nicht nur ökologisch sinnvoll, auch Zwischennutzungen und geteilte Raumkonzepte könnten laufende Kosten senken. Und schließlich werde auch die Stadt lebenswerter - durch intensivierte Nachbarschaften, lebendigeren Austausch. "Schöne Räume sind ja nur dann schöne Räume, wenn sie von den verschiedensten Menschen genutzt werden", sagt Jonas.

Angesichts der immer weiter steigenden Mieten und des Mangels an Wohn- und Freiraum herrscht bei Jonas ein gewisses Unverständnis darüber, dass alternative Konzepte von Architektur und Stadtplanung noch nicht intensiver in diskutiert werden. Dabei sieht er auch die Politik in der Verantwortung, Konzepte der Mehrfachnutzung zu fördern, experimentelles Wohnen und temporäre Lösungen zuzulassen. Auch weil er sieht, dass nicht einmal Argumente wie Nachhaltigkeit "wirklich ziehen, sonst wäre da ja schon viel mehr passiert".

Auch bei FOAM ist es sein Anspruch den Diskurs in diese Richtung zu öffnen und dabei gerade junge Menschen mit neuen Ideen zu Wort kommen zu lassen. Die Folgen entstehen nach dem Open-Call-Prinzip. Aus den Einreichungen machen aktuell er und Jakob Bahret dann einen Podcast. Die Gedanken und Blickwinkel in den Gesprächen mit ihren Gästen zeigen neue Ansätze - ohne die Statik der klassischen Architektur, sondern eher wie Schaum, "der sich immer ändert, diese Dynamik hat", sagt Jonas.

"Die Krisen sind eh schon so groß", sagt Jonas, vielleicht müsse man bestimmte Baustandards, Reglementierungen und die Art, wie wir leben und wohnen wollen, hinterfragen. "Und man kann das vielleicht dadurch machen, dass man einfach mal etwas austestet." Die Minna Thiel durfte immerhin auch bleiben.

Junge Leute

München lebt. Viele junge Menschen in der Stadt verfolgen aufregende Projekte, haben interessante Ideen und können spannende Geschichten erzählen. Hier werden diese Menschen vorgestellt - von jungen Autoren.

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