Süddeutsche Zeitung

Sicherheitstraining für E-Scooter:Gefährliche Lässigkeit der Rollerfahrer

Lesezeit: 2 min

Die Zahl der E-Scooter-Unfälle hat sich im vergangenen Jahr verdreifacht. Bei einem Sicherheitstraining erklärt das Klinikum rechts der Isar, welche Risiken die Flitzer bergen und wie man am besten damit umgeht.

Von Melanie Strobl

Eigentlich sind sie leise. Flitzen an einem vorbei und machen keinen Lärm. Doch wenn es kracht, dann hört man sie. Elektrische Tretroller, auch E-Scooter genannt, sind auf Münchens Straßen allgegenwärtig. Vor allem bei heißen Temperaturen macht das Fahren Spaß - immerhin erzeugt der Fahrtwind bei einer Geschwindigkeit von bis zu 20 Kilometer pro Stunde einen erfrischenden Luftzug. Doch was so lässig und spielerisch aussieht, ist längst nicht ungefährlich.

319 E-Scooter-Unfälle verzeichnete das Münchner Polizeipräsidium im vergangenen Jahr - drei Mal mehr als jeweils in den beiden Vorjahren. Verletzte landen oft bei Michael Zyskowski, Unfallchirurg am Klinikum rechts der Isar. "Wir hatten eine Zeit, in der wir zwei E-Scooter-Fahrer pro Tag bei uns in der Klinik hatten", sagt er.

Die Zahl der Unfälle stieg nach Angaben des Universitätsklinikums mit den Lockerungen der Corona-Schutzmaßnahmen signifikant. Deutlich mehr Menschen nutzen die Flitzer. Vor allem Kopfverletzungen kommen häufig vor, erzählt Zyskowski, denn viele Fahrerinnen und Fahrer tragen keinen Helm und sind nicht an das Gefährt gewöhnt. Um Unfälle zu vermeiden, haben Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler des Uniklinikums mit einem E-Scooter-Anbieter ein Fahrsicherheitstraining ins Leben gerufen.

Eva Bartsch stand noch nie auf einem E-Scooter. "Bisher habe ich mich noch nicht getraut, aber ich wollte es schon immer mal probieren", sagt die 59-jährige Biologin. Bevor sie loslegen darf, bekommt Bartsch einen Helm und eine kurze Einweisung. Bremse, Gashebel und Blinker - wie und wo die Dinge zu bedienen sind, erfahren die Teilnehmenden. Danach dürfen sie zwischen kleinen roten Markierungshütchen umherfahren, die auf dem Vorplatz der Uniklinik liegen. "Am Anfang war es ein bisschen wackelig, aber es macht Spaß", sagt Bartsch, nachdem sie ihre Testrunde gedreht hat.

Seit Juni 2019 dürfen E-Scooter in Deutschland fahren. In München sind nach Angaben des Mobilitätsreferats derzeit mehr als 13 000 im Einsatz. "Man darf den E-Scooter nicht als Spielzeug sehen, sondern als ernsthaftes Verkehrsmittel", sagt Zyskowski. Fahrerinnen und Fahrern fehle es häufig an Verkehrswissen - somit entstehen schneller Unfälle. Und: Oft steigen Personen betrunken hinter den Lenker.

Eine Studie der Universitätsklinik belegt, dass mehr als ein Drittel der E-Scooter-Unfälle auf zu viel Alkohol zurückzuführen ist. Was viele nicht wissen: Beim E-Scooter-Fahren gelten dieselben Alkoholgrenzwerte wie für Autofahrerinnen und Autofahrer. Heißt: Bis 0,5 Promille ist das Fahren auf den elektrischen Tretrollern erlaubt. Ausnahmen sind Personen unter 21 Jahren oder Führerscheinneulinge in der Probezeit. Diese dürfen nur nüchtern auf den E-Scooter steigen.

Nach dem Cruisen auf dem Gelände der Uniklinik hören die Teilnehmerinnen und Teilnehmer des Fahrsicherheitstrainings Zyskowski zu. Anhand einer Skelett-Abbildung erklärt er die unterschiedlichen Verletzungen, die sich nach E-Scooter-Unfällen am Universitätsklinikum gezeigt haben. Der Unfallchirurg sagt, dass etwa 40 Prozent der Verletzten, die zu ihm in die Klinik kamen, zum ersten Mal auf einem E-Scooter standen.

Deshalb sei das präventive Fahrsicherheitstraining so wichtig. Denn "beim Skifahren fährt man auch nicht das erste Mal die schwarze Piste", so Zyskowski. Zum Abschluss gibt er den Teilnehmenden noch drei Take-Home-Messages mit. Erstens: Nicht betrunken fahren. Zweitens: Üben, bevor man sich auf den Straßenverkehr traut. Und drittens: Wenn möglich, einen Helm tragen. Dann steht dem E-Scooter-Fahrspaß nichts mehr entgegen.

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