Süddeutsche Zeitung

Mögliche Ziele von Terrorismus:Wie München gegen den Terror abgesichert wird

Terroristen müssen nur ein einziges Mal ihr Ziel erreichen, um ein Land in Angst zu versetzen - welche Sicherheitsmaßnahmen an bestimmten Orten in München daher gelten.

Die Oper

Die Münchner lieben ihr Nationaltheater und sie spielen selbst gerne große Oper, besonders im Festspielsommer. Die Foyers, die Freitreppe, der Max-Joseph-Platz vor der Bayerischen Staatsoper werden dann zum Laufsteg der Schönen und Reichen, aber auch der braven Kulturbürger und der Opern-Freunde. Ein Abend im Nationaltheater lebt vom freien Flanieren, vom Kommen und Gehen, vom Austausch zwischen drinnen und draußen.

Sicherheitskontrollen wie am Flughafen würden diese Atmosphäre zerstören, weshalb sich die sicht- und spürbaren Sicherheitsmaßnahmen im Besucherraum in Grenzen halten. Natürlich gebe es im Nationaltheater ein detailliertes Sicherheitskonzept, heißt es in der Oper. Doch allzu martialisch wolle niemand auftreten. Bis zu 2100 Zuschauer kommen abends ins Theater, um sie kümmern sich 45 Ordner am Einlass und 18 an den Garderoben, wo Besucher auch große Taschen abgeben müssen. Anders als etwa an der Metropolitan Opera in New York gibt es in München keine Taschen- und Personenkontrollen am Eingang. Auch personalisierte Tickets sind für den Münchner unvorstellbar: Das Kartenkaufen und -verkaufen bis kurz vor Vorstellungsbeginn gehört zu den Ritualen eines Opernabends.

Seit einigen Jahren ist aber der gesamte Bereich hinter der Bühne nur mit personalisierten Zugangskarten zu betreten, die Ware, die externe Lieferanten ins Haus bringen, wird kontrolliert. Dass Terroristen unbeobachtet im Theater Waffen deponieren, wie sie es vor der Geiselnahme im Moskauer Dubrowka-Theater 2002 taten, dürfte so ausgeschlossen sein. Verschärfte Vorkehrungen gibt es sonst nur bei Besuchen politischer Prominenz, wenn das Landeskriminalamt mit eigenen Sicherheitskonzepten und -kräften anrückt, so bei der Einheitsfeier 2012 mit Bundespräsident und -kanzlerin. Damals gab es auch am Max-Joseph-Platz intensive Personenkontrollen. Die dürften wohl auch künftig zur "Oper für alle" gehören. Bis zu 11 000 Menschen kommen im Juli zur Live-Übertragung einer Festspielaufführung. Als dieses Jahr dort Taschen kontrolliert worden sind, empfanden das manche Münchner schon als Zumutung.

Das Flüchtlingsheim

Die Bayernkaserne ist das bekannteste Militärareal Münchens, obwohl dort kein Soldat mehr dient. Dafür leben dort knapp 2000 Flüchtlinge in der Erstaufnahme-Zentrale für Oberbayern, darunter gut 500 unbegleitete Minderjährige. Vor einem Jahr, als die Verwaltung des Lagers kollabierte und Asylsuchende im Freien schliefen, galt die Kaserne als Symbol für Staatsversagen, inzwischen hat sie sich zur Vorzeigeunterkunft gemausert dank umfangreicher Hilfs- und Integrationsangebote.

Schon lange hat die Polizei das weitläufige Areal mit seinen zehn Wohngebäuden, das von einer Mauer und Zäunen umgeben ist, auf ihrer Liste gefährdeter Objekte, ebenso wie die anderen rund 200 großen und kleinen Asylheime in München und Umgebung. Aber nicht, weil man es für ein Ziel von Terroristen hielte, darauf gebe es keine Hinweise. Vielmehr fürchtet man gewaltbereite Fremdenfeinde. Regelmäßig fahren deshalb Streifen vorbei, mitunter stellt sich ein Polizeiwagen auch demonstrativ für längere Zeit vor das Kasernentor. Auch in Zivil sind Beamte präsent. Dabei ist sich die Polizei ihres Balanceaktes bewusst: Tritt sie zu massiv auf, stellt sich in der Nachbarschaft das Gefühl ein, bedroht zu sein. "Von den Flüchtlingen geht keine Gefahr aus", betont man im Polizeipräsidium wieder und wieder.

Die richtige Balance müssen auch die Stadt München sowie die Regierung von Oberbayern, das sind die für die Kaserne zuständigen Behörden, finden. Wie offen darf, wie abgeschottet muss das Areal sein, um die Flüchtlinge zu schützen? Bewohner, Mitarbeiter und Ehrenamtliche müssen an den Pforten ihren Hausausweis vorzeigen. Von Autos notieren die Wachleute die Kennzeichen. Zwei Sicherheitsfirmen sind dort präsent, eine ist "Jonas Better Place", sie betreut und beschützt Asylsuchende. Deren Chef Stefan Näther hat seine Leute an der Pforte und in den Häusern sensibilisiert: "Was ist anders?" Diese Frage sollen sie sich immer wieder stellen. Wenn zum Beispiel ein Lieferwagen ohne Firmenaufschrift auf das Gelände will - ist alles okay?

Der Christkindlmarkt

An diesem Wochenende beginnen in Deutschland zahlreiche Christkindlmärkte, darunter auch am Münchner Marienplatz und in der Fußgängerzone. Zigtausende Besucher zwängen sich durch die schmalen Budengassen, die Kaufingerstraße nebenan, Münchens Haupteinkaufsmeile, ist in der Vorweihnachtszeit rappelvoll. "Frei zugängliche öffentliche Räume zu schützen ist die schwerste und undankbarste Aufgabe der Polizei", sagt Marcus da Gloria Martins, Sprecher der Münchner Polizei. Wie sollte man das Areal auch schützen? Mit Zäunen und Zugangskontrollen? Detektoren und Körperscannern? Zugangsscheinen und Pollern? "Einen hundertprozentigen Schutz gibt es nicht", sagt der Polizist.

Die Terrordrohung im Jahr 2009, bei der das Oktoberfest als mögliches Anschlagsziel genannt worden war, führte zu scharfen Sicherheitsmaßnahmen. Unter anderem wurde rund um die Wiesn eine Pufferzone eingerichtet, Poller sollen verhindern, dass Attentäter etwa mit dem Auto auf das Festgelände gelangen. Der Lieferverkehr wird kontrolliert, stichpunktartig auch die Taschen der Besucher. Aber einen Christkindlmarkt mitten in der Innenstadt einzäunen, mit schwer bewaffneter Polizei dort aufmarschieren, Bewegung und Komfort der Besucher einengen - "da muss man sich als Gesellschaft fragen: Will man das wirklich?", sagt Martins.

13 Kameras hat die Polizei am Markt installiert, eigentlich, um Taschendiebe stellen zu können. Die Polizeipräsenz wird in den nächsten Wochen deutlich höher sein als sonst. Die Gefährder- und Sympathisantenszene der Terrororganisation IS stehe unter intensiver Beobachtung, mit anderen Sicherheitsbehörden sei man gut vernetzt, sagt Martins. Das verhinderte im Jahr 2000 auf dem Straßburger Weihnachtsmarkt Schlimmeres: Ein Geheimdienst hatte Hinweise darauf, dass vier algerische Islamisten dort eine Bombe zünden wollten. Sollte es einen vergleichbaren Hinweis für München geben, "dann können wir blitzschnell reagieren". Die Konzepte dafür lägen bereit.

Das Fußballstadion

Selbstmordattentäter am Stade de France, ein abgesagtes Länderspiel in Hannover: Stadien stehen besonders im Fokus der Sicherheitsdebatte. Wie sicher ist der Besuch eines Fußballspiels, etwa in der Arena des FC Bayern? Fragt man die Verantwortlichen, was sie gerade besonders beunruhigt, sind das nicht so sehr potenzielle Bombenleger. Sondern die Nervosität des Publikums. Es knallt ja immer mal wieder im Stadion, Fans schmuggeln Böller oder Bengalofeuer hinein. Aber heute, mit Paris in den Köpfen: Könnte so ein Knall eine Massenpanik auslösen? Roger Lewentz, der Vorsitzende der Innenministerkonferenz, hat die Fangruppen jedenfalls dazu aufgerufen, das Knallen jetzt erst recht zu unterlassen, alles andere wäre "fahrlässig".

Im Vergleich zu anderen öffentlichen Orten werden Fußballstadien bereits mit viel Aufwand geschützt. Weniger wegen befürchteter Terrorattacken. Eher wegen jener Minderheit an Fans, die sich nicht regelkonform und bisweilen auch nicht gewaltfrei verhalten. Verantwortlich für die Sicherheit im Stadion ist der Verein. Aber die Zusammenarbeit mit der Polizei ist eng. So können Polizeibeamte in München etwa bei allen Spielen mit hochauflösenden Kameras in jede Ecke zoomen.

Was nun fast in allen Stadien verschärft wird, sind die Zugangskontrollen. Taschen sollen noch genauer durchsucht werden - auch jene der VIP-Gäste. Ob es an den Stadiontoren in Zukunft Körperscanner wie am Flughafen braucht, wird noch diskutiert - kleinere Klubs scheuen die Kosten. Bei Welt- oder Europameisterschaften sind sie indes längst Standard. Allerdings zeigt sich hier auch, wie im Namen der Sicherheit andere Interessen durchgesetzt werden, so landen etwa alle Getränke im Müll, die nicht das offizielle Sponsorenlogo tragen. Insbesondere das werden die Fußballfans sicher kritisch beäugen: Ob es bei zusätzlichen Maßnahmen wirklich im Kern um mehr Sicherheit geht.

Die Konzerthalle

Auf dem Tisch vor Arno Hartung liegt ein bunt bedruckter Stapel Papier. Die 27 DIN-A4-Seiten, oben links zusammengetackert, sind der Grund dafür, dass sich Hartung, Geschäftsführer der Olympiapark München GmbH, in diesen Tagen gut gewappnet fühlt. Es ist die Anlage 7 zum Mietvertrag, die "Sicherheitsbeurteilung".

Jeder Veranstalter, der Menschen zu seinem Event in den Olympiapark einladen will, muss sie ausfüllen. In den gelb und grün hinterlegten Tabellen wird abgefragt, ob zu einem Event prominente Persönlichkeiten erwartet werden, "Szenefans" oder "gefährliche Tiere" kommen. Am Ende der 27 Seiten ergibt sich ein Quotient, der errechnet, welche Sicherheitsvorkehrungen für die Veranstaltung nötig sind. Ein Böhse-Onkelz-Konzert braucht mehr Ordner als "Holiday On Ice".

Direkt nach den Attacken von Paris haben Arno Hartung und seine Kollegen sich mit anderen deutschen Hallenbetreibern abgesprochen. Die Anlage 7, die im gesamten Olympiapark schon seit drei Jahren Standard ist, habe von den Kollegen "viel Lob geerntet". München gilt als Vorbild in Sachen Sicherheit. Natürlich habe man nun die Zahl der Ordner aufgestockt und sie zu mehr Aufmerksamkeit angehalten. An den Eingängen zu den Veranstaltungsorten gibt es Körperkontrollen, ausnahmslos jede Tasche wird durchsucht. Auch die Zufahrten zum Gelände werden kontrolliert.

Andererseits, sagt Hartung, seien im Olympiapark jeden Tag Dutzende Fremdfirmen unterwegs: Handwerker, Caterer, Aufbauhelfer. Jedes Auto zu filzen, beispielsweise dieses Wochenende beim Motorrad-Event "ADAC Supercross" in der Olympiahalle, sei unmöglich. "Wir tun alles, um die Risiken zu kontrollieren", sagt Hartung. "Aber man sollte sich nicht in die Tasche lügen: Um die Sicherheit hundertprozentig zu garantieren, müsste man die Halle dichtmachen." Man will sich nicht unterkriegen lassen, das war schon 1972 so, beim Terror gegenüber im Olympiadorf. "The games must go on", der Satz gilt bis heute.

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Quelle:
SZ vom 21.11.2015/fran
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