Süddeutsche Zeitung

Miete in München:Wohnungssuche per Aushang: "Hobby braucht man keines mehr"

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Wer eine neue Bleibe sucht, der lernt viel über diese Stadt. Ein Blick auf die Geschichten hinter den Zetteln - manchmal sogar mit positivem Ende.

Von Anna Hoben und Pia Ratzesberger

Die Zettel sieht man meist im Vorbeigehen. Sie hängen an Ampeln oder Laternen, an Stromkästen oder Haltestellen, überall in der Stadt, mit Telefonnummern zum Abreißen. Man liest und geht weiter, oft hat man die Zettel rasch vergessen - dabei erzählen sie manchmal von viel mehr als nur von einer Wohnungssuche. Davon, wie es sich in dieser Stadt lebt, welchen Einfluss die teuren Mieten haben, vor welchen Problemen so viele Münchner stehen. Es lohnt sich also, einmal anzurufen bei denen, die diese Zettel geschrieben haben. Und mit ihnen übers Wohnen und die Stadt zu reden.

Man trifft dann zum Beispiel Anna Hammer, 38 Jahre alt, in Haidhausen. Gerade wohnt sie auf 55 Quadratmetern, sie sucht eine Wohnung mit mindestens 90 Quadratmetern. Zentral, hell, am liebsten Dachgeschoss. Ihr Freund, der vorher in Hamburg wohnte, ist eben erst in ihre kleine Wohnung mit eingezogen, sie bekommen bald ein Kind. Auf ihrem Zettel steht: "Wir hätten eine Altbauwohnung in Haidhausen für 850 Euro zum Tausch anzubieten." Dort sitzt Anna Hammer nun also in der Küche an einem kleinen Holztisch, die Sonne scheint auf den Balkon. Sie arbeitet als Sales Managerin, ihr Freund als Kreativdirektor, 2000 Euro Kaltmiete könnten sie maximal zahlen - und das zeigt ganz gut, wie der Markt in München abgeht.

Wenn sich selbst Menschen wie Anna Hammer und ihr Freund, die im Monat jeweils 1000 Euro Miete zu zahlen bereit sind, schwer tun - wie muss es dann denen gehen, die im Monat 1000 Euro netto verdienen? Bei den Dutzenden Wohnungen, die sie sich angesehen hat, sagt Hammer, wären schon welche dabei gewesen, aber sie suche nach der einen Wohnung, bei der klar ist, die ist es. Manche werden entgegnen, das sei aber auch ganz schön anspruchsvoll. Andererseits: Warum sollte man nicht erwarten dürfen, in eine Wohnung zu ziehen, die einem auch wirklich gefällt? Noch dazu wenn man sein eigenes Geld verdient, viel arbeitet.

Eine ältere Dame, die für ihre 140 Quadratmeter genauso viel zahlt wie Anna Hammer für 55 Quadratmeter, hatte sich zuletzt für einen Tausch interessiert, es war aber klar, sie würde nicht noch ein zweites Mal umziehen. In der nächsten Wohnung wolle sie sterben. Und zwar in einer Wohnung mit Badewanne. Deshalb wurde aus dem Tausch nichts. Eigentlich wollte Anna Hammer noch vor der Geburt umziehen, mittlerweile glaubt sie nicht mehr daran. Woran sie aber glaubt: an den sonnigen Balkon draußen, die Küche und ihre zwei kleinen Zimmer. "Die Altbauwohnung ist unser bestes Pfund." Hammer und ihr Freund haben damit wahrscheinlich bessere Chancen als all diejenigen, die keine Wohnung zu bieten haben, die zum ersten Mal suchen. Zum Beispiel Carina Schwaiger, 23, und Theresa Kelcso, 24. Auf ihrem Zettel steht: "WG sucht Heim."

Die beiden waren mal optimistisch, hatte ja immer noch alles irgendwie geklappt. Sie kennen sich seit der Schulzeit, arbeiten und wollen nun zusammenziehen. "Wir haben uns auf unser Glück verlassen", sagt Schwaiger, "wir dachten nicht, dass es so ein Krieg wird." Im Dezember fingen sie an, mit dem Ziel, im April ihre erste eigene Bude zu beziehen. Das Ziel April haben sie längst aufgegeben, und mittlerweile sind sie ein bisschen kampfesmüde. Schwaiger wohnt bei ihren Eltern in Berg am Laim, auch Kelcso lebt noch zu Hause, in Poing.

Es ist nicht so, dass sie dringend raus müssten. "Aber", sagt Schwaiger, "irgendwann wird's Zeit." S-Bahn-Innenraum wäre schön, schrieben sie auf ihren Zettel, Einbauküche und Badewanne auch. Ansonsten keine großen Ansprüche. "Alle Beteiligten verdienen Geld", fügten sie noch an; dann druckten sie einen Schwung Zettel aus und liefen ein Wochenende lang durch die Stadt. Giesing, Glockenbachviertel, Schwabing, Olympiadorf, Trudering. Es meldete sich genau eine Vermieterin. Die Wohnung wäre schön gewesen, am Prinzregentenplatz, leider 200 Euro über ihrem Budget. 1200 Euro warm können sie bezahlen, "absolutes Maximum", sagt Kelcso.

Fragt man die beiden, auf wie viele Annoncen sie sich schon gemeldet haben, schluckt die eine und die andere fängt an, auf ihrem Handy zu wischen. "118", sagt Kelcso nach einer Weile, allein auf einem einzigen Immobilienportal; ihre Freundin hat auch noch mal so viele Anfragen geschrieben. Eine Zeit lang gab es für sie kein anderes Thema. In jedem freien Moment schaute sie auf ihr Handy. Den USB-Stick mit den wichtigen Unterlagen trug sie immer bei sich - falls sie schnell zu einer Besichtigung müsste. Und Kelcso ertappte sich in einem Konzert einmal dabei, wie sie anfing, auf Annoncen zu antworten. "Ich war im Flow, in der einen Hand ein Bier, in der anderen das Handy."

Die meisten Vermieter wollen keine Wohngemeinschaft, glauben die beiden. "Die schreiben dann, nicht WG-geeignet, aber wenn man die Grundrisse sieht, wären die perfekt." Sie haben sich auch schon als lesbisches Paar ausgegeben - weil sie glaubten, die Chancen seien dann besser. "Hat aber auch nicht funktioniert." Die bisherige Bilanz ihrer Suche ist mager: sieben, vielleicht acht Besichtigungen. Eine davon dank des Aushangs.

Es gibt in München aber auch immer wieder Wohnungssuchen mit gutem Ende

Wer den Zetteln nachspürt, die in ganz München, vor allem aber in der Innenstadt hängen, stellt fest, dass vor allem junge Leute per Aushang suchen. Dass sie eher gewisse Ansprüche haben als eine akute Not. Dass sie eher gut verdienen. Oft sucht da ein "solides Akademikerehepaar", häufig versprechen die Suchenden eine Belohnung; wie auf einem Kopfgeld-Plakat locken 300 Euro, 1000 Euro oder sogar 2000 Euro. So weit ist es schon gekommen.

Da ist aber auch der junge Vater, der für sich und seinen Sohn sucht, in Schwabing oder der Maxvorstadt, "um weiterhin den Alltag mit der Mutter gestalten zu können". Eine Kinderzeichnung auf dem Zettel zeigt, wie das künftige Heim aussehen könnte: grün, mit einer blauen Tür. Da ist der Mann, dessen Gesuch in der Nähe der Kammerspiele hängt, mit Bild sogar: "Schauspieler sucht Zimmer zwecks Rückkehr nach München." Hier habe er vor vielen Jahren studiert und am Residenztheater seinen ersten Job gehabt, erfährt man von ihm. Er ist jetzt Mitte 50, will seiner Karriere noch mal einen Schub geben, weiß aber nicht, ob er sich München leisten kann. Auf den Zettel hat sich niemand gemeldet.

Und da ist noch das Paar um die 60. "Ruhig, fleißig, kinderlos, Nichtraucher, diskret, seit Jahren im sozialen Bereich engagiert, sucht kleines Haus zum Kauf oder Wohnung. Bei gegenseitiger Sympathie gerne mit Familienanschluss und Unterstützung." Sie könnten sich für die Zukunft ein alternatives Wohnmodell vorstellen, erklärt die Frau am Telefon, auch weil sie etwas Barrierefreies suchten. Vielleicht gebe es ja eine ältere Dame oder einen älteren Herrn, die gerne ihr Haus teilen wollten und im Gegenzug über Hilfe im Alltag dankbar wären. Sie hofft.

Neben all den Geschichten von Menschen, die hoffen, die umziehen wegen der hohen Miete, die trotz Anspruchs keine Sozialwohnung bekommen, gibt es in München aber auch immer noch die Geschichten mit gutem Ende. Und wahrscheinlich ist es kein Zufall, dass die Geschichte in diesem Fall nicht in Haidhausen spielt. Sondern in Sendling. Leonie Schwaiger, 26, hat sich von ihrem Freund getrennt und eine neue Bleibe gesucht. Auf ihrem Zettel stand: "Gesichertes Einkommen, Festanstellung, spiele keine Instrumente."

Leonie Schwaiger arbeitet im Marketing; sie begann im Dezember zu suchen, "Hobbys braucht man dann keine mehr". Sie stand in sehr kleinen Wohnungen und in sehr teuren, manchmal ging die Schlange bis auf die Straße, manchmal war sie die einzige im Raum. Sie wurde oft eingeladen, bekam die Wohnung aber nie. Bis zum Februar. Schwaiger zieht gerade in die neue Wohnung ein, sie hat sie nicht über ihre Zettel gefunden, sondern über Ebay-Kleinanzeigen. 50 Quadratmeter, bezahlbar, mit Balkon und Keller. Die Vormieter hatten keine Lust auf ein großes Casting, es gab nur wenige Interessenten. Warum sie ausgerechnet diesmal die Wohnung bekommen habe? "Vielleicht", sagt Schwaiger, "hatte ich endlich mal Glück". Das nämlich gibt es auch noch in München.

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SZ vom 31.03.2018/huy
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