Süddeutsche Zeitung

Weihnachten:Auf zum Baum-Markt

Der heiße, trockene Sommer hat den Besitzern von Christbaum-Plantagen Ausfälle beschert. Hinzu kommen Negativschlagzeilen über Spritzmittel. Den Verkauf schmälert das jedoch nicht.

Etwa 25 Millionen Christbäume stehen jedes Jahr in deutschen Wohnzimmern. Auf den Landkreis München umgerechnet sind das circa 107 000 Tannen, Fichten und Kiefern. Gefühlt die Hälfte von ihnen sah man an diesem Wochenende an sich vorbeiziehen - zumeist auf Dachträger geschnallt oder mit der Spitze aus dem Kofferraum ragend. Weder der heiße und trockene Sommer noch Berichte über Pflanzenschutzmittel haben dem Verkauf des wichtigsten Weihnachtsutensils etwas anhaben können.

Das dürfte auch daran liegen, dass die Preise weitgehend unverändert geblieben sind. So melden es zumindest die vier Plantagenbesitzer im Landkreis: in Blindham, Ottendichl, Rauchenberg und bei Ismaning. Was nicht selbstverständlich ist. Der heiße, trockene Sommer ist für sie ganz schön ins Geld gegangen. "Wir haben beregnet, aber trotzdem sind 2500 der im Herbst 2017 gesetzten Jungpflanzen eingegangen", sagt Hans Beutler, der in Ottendichl bei Haar Christbäume züchtet.

Einen Schaden dieser Größenordnung hat Josef Sedlmair auf seiner Plantage in Blindham bei Aying nur durch Glück nicht verzeichnen müssen. Zwar habe die Hälfte der frisch gepflanzten Kulturen den Sommer nicht überstanden, aber heuer habe er ausnahmsweise nicht viel nachgepflanzt. "Mein Verlust hält sich in Grenzen", sagt er.

Auch Hans Adlberger musste auf seiner Plantage in Rauchenberg im Sommer den Wasserhahn aufdrehen. In dieser Hinsicht kann man sich auf dem Holzerhof bei Ismaning glücklich schätzen: "Wir haben vier Böden in Ismaning - Almboden, Kiesboden, Moosboden und Lehmboden", führt Besitzerin Anita Sieber aus. Ihre Plantage liege auf einem Almboden, und die Kalkschicht darunter verhindere ein Versickern des Wassers.

Die Mehrzahl der Bäume, die zum 24. Dezember in Wohnzimmern stehen, wird aber weiterhin vor Super-, Garten- und Baumärkten sowie in eingezäunten Arealen am Straßenrand zum Kauf angeboten. Herrmann Mayr verlangt an seinem Stand in Unterhaching für die Nordmanntanne pro Meter 18,50 Euro. Er hat sie auf seiner Plantage in Aicha vorm Wald in Niederbayern geschlagen und freut sich nach schleppendem Verkaufsstart über den Ansturm, der am Wochenende einsetzte.

Wie auch der "Christbaum-Jürgen" und der "Christbaum-Jeff" am Samstag mit dem Einnetzen von Bäumen kaum noch nachkamen. Die beiden verkaufen vor dem Ikea-Möbelhaus in Brunnthal Schwarzkiefern sowie Nordmann- und Nobilistannen, die aus einer fränkischen Plantage stammen. Bis zu einer Höhe von 1,20 Meter kosten sie 18 Euro, bis 1,60 Meter 28 Euro und bis 1,90 Meter 35,50 Euro.

Weil das schwedische Einrichtungshaus pro Baum drei Euro an ein lokales Kinderhilfsprojekt stiftet und jeder Kunde zudem einen Fünf-Euro-Einkaufsgutschein bekommt, brummte auch hier am Samstag das Geschäft. So konnte der "Christbaum-Jürgen" es leichter verschmerzen, dass auch bei ihm in Franken viele neugepflanzte Nobilis-Tannen den Sommer nicht überlebt haben.

Die Plantagenbesitzer sehen die vielen Straßenhändler und die teils billigeren Angebote von Super-, Garten- und Baumärkten nicht als großes Problem. "In der Region können gar nicht so viele Christbäume wachsen, wie die Münchner schneiden wollen", sagt etwa Josef Sedlmair aus Blindham, für den das Weihnachtsbaumgeschäft das zweite Standbein neben seinem Bergtierpark darstellt. Aber zuviel ist zuviel: Heuer seien ihr gleich Straßenhändler direkt vor die Nase gesetzt worden, klagt Anita Sieber vom Ismaninger Holzerhof.

Viele wollen den Baum selber schlagen

Wirklich Grund zur Sorge besteht aber nicht: Wie die Schutzgemeinschaft Deutscher Wald meldet, greifen in zunehmenden Maße die Leute lieber selbst zur Säge und suchen sich dazu ein Bäumchen ihrer Wahl auf einer Christbaumplantage. Hans Adlberger aus Rauchenberg sah seine Vorahnung denn auch am Samstag bestätigt. "Mia wead himmelangst vorm Wochenende", hatte er bereits Mitte der Woche gesagt, bevor die Familien aus München bei ihm einschwärmten.

Es ist dabei nicht nur der Reiz des Selberschlagens, für den die Kunden oftmals weite Wege in Kauf nehmen. Sie werden zudem mit Glühwein, Brotzeit und einem insbesondere auf Kinder zugeschnittenem Rahmenprogramm angelockt. Nicht ohne Grund: Der Christbaum machte in diesem Winter auch negative Schlagzeilen. Dass der Christbaum in der Öffentlichkeit schlecht gemacht werde, ärgere ihn, sagt Plantagenbesitzer Adlberger. Angeblich, so war zu lesen und zu hören, stelle man sich mit ihm Gift in die Wohnung, wegen der Spritzmittel, die auf den Plantagen verwendet würden.

"Wir hatten unzählige Anrufe von besorgten Eltern und schwangeren Frauen", sagt Adlberger und stellt klar: "Die Mittel, die wir verwenden, nimmt man auch für die Aufzucht von Gemüse. Nur wird bei uns die Düngung ein halbes Jahr vor dem Verkauf abgesetzt - außerdem isst man Christbäume nicht." Der Ayinger Christbaumzüchter rät zudem zur normalen Fichte statt zur Nordmanntanne oder Blaufichte. Sie sei der "echte Biobaum", weil sie wenig chemische Unterstützung beim Wachsen brauche.

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SZ vom 17.12.2018
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