Süddeutsche Zeitung

Nahverkehr:Mit der Ottobahn über die Autobahn

Ein Münchner Start-up hat ein neuartiges Verkehrssystem mit Gondeln an Schienen entwickelt. Bei Taufkirchen und Ottobrunn entsteht eine Teststrecke - und vielleicht später eine reguläre Verbindung bis zur U 5 in Neuperlach.

Von Martin Mühlfenzl und Patrik Stäbler

In Taufkirchen reagiert nicht nur der Bürgermeister sehr empfindlich darauf, wenn der östlichste Teil seiner Gemeinde jenseits der A 8 irrtümlich dem Nachbarn Ottobrunn zugeschlagen wird. So betont Ullrich Sander (parteilos) ein ums andere Mal, dass der dortige Ludwig-Bölkow-Campus in Taufkirchen liege - ungeachtet aller anderslautenden Aussagen von hochrangigen Landespolitikern, wenn es um die neue Fakultät für Luft- und Raumfahrt der Technischen Universität München (TU) geht.

Vielleicht ist es dieser speziellen Note in den Beziehungen der beiden Nachbarorte geschuldet, dass Frank Heinrich zu Beginn seiner Präsentation am Dienstagabend im Bauausschuss des Taufkirchner Gemeinderats erst einmal klarstellt, wieso er die Firma und deren Produkt "Ottobahn" getauft hat - nämlich nicht etwa in Anlehnung an Ottobrunn. Vielmehr gehe der Name auf Otto I. zurück, Bayerns ersten Herzog aus der Familie der Wittelsbacher. Denn, so formuliert es Heinrich: "Wir wollen einen neuen Verkehrsträger bauen - aus Bayern für die Welt."

Was er damit meint, ist ein Schienensystem mit Gondeln in fünf bis zehn Metern Höhe - elektrisch betrieben, autonom fahrend und von künstlicher Intelligenz gesteuert. Dieses revolutionäre Verkehrsmittel will das 2019 gegründete Start-up in den nächsten zwei Jahren zur Serienreife bringen: in Taufkirchen. Denn dort, auf dem Areal zwischen der A 8 und der Ludwig-Bölkow-Allee, soll eine knapp 900 Meter lange Teststrecke für die Ottobahn entstehen. Den zugehörigen Bauantrag hat der Bauausschuss einstimmig abgesegnet.

Sowohl die Gemeinderatsmitglieder als auch Geschäftsführer Marc Schindler hoffen dabei, dass die Teststrecke später einmal Teil der ersten regulären Ottobahn-Verbindung überhaupt wird - zwischen dem TU-Campus in Taufkirchen und dem Karl-Preis-Platz in München, wobei die Schienen oberhalb des Mittelstreifens der A 8 verlaufen sollen.

Ein solcher Ausbau der Anlage in der Zukunft sei "denkbar und erwünscht", sagt Marc Schindler auf Nachfrage von Peter Hofbauer (Freie Wähler). Eigentlich soll der neue Campus in Taufkirchen und Ottobrunn ja über eine Verlängerung der U 5 von Neuperlach-Süd erschlossen werden. Doch selbst wenn dies beschlossen würde, "dauert es zehn bis fünfzehn Jahre, bis die U-Bahn fertig ist", sagt Hofbauer. "Und das ist mir einfach zu lang."

Die Ottobahn hingegen, das versichern die Firmenvertreter, ließe sich ungleich schneller bauen - und günstiger. Frank Heinrich zufolge wird die 900 Meter lange Teststrecke, die von 42 Schleuderbetonmasten getragen wird, etwa fünf Millionen Euro kosten. Zum Vergleich: Für einen Kilometer U-Bahn wird das zehn- bis zwanzigfache veranschlagt.

Die Mitglieder des Bauausschusses zeigten sich jedenfalls sehr angetan von der hochfahrenden Bahn und den hochfliegenden Plänen ihrer Macher. Nebst der Genehmigung des Bauantrags beschlossen sie auf Antrag von Peter Hofbauer, dem Mobilitätsausschuss des Kreistags eine Machbarkeitsstudie für eine Anbindung des Ludwig-Bölkow-Campus mit der Ottobahn zu empfehlen. Deren Gondeln könnten auf der dortigen Strecke mit gut 100 Kilometer pro Stunde über die A 8 hinwegsausen, schätzt Marc Schindler.

Bei der Frage nach der Kapazität spricht er von 6000 bis 8000 Fahrten - pro Stunde. "Es wird sich für Sie unglaublich anhören, aber wir meinen das wirklich ernst", versichert sein Kollege Frank Heinrich. Ihm zufolge wird eine Ottobahn-Gondel ein Zehntel der Energie eines Elektroautos benötigen. Dieser Strom soll entlang der Strecke erzeugt werden - durch Solarzellen, die an dem begrünten Schienenstrang angebracht sind.

Die Gondeln sollen dereinst Einzelpersonen und Gruppen, aber auch Fracht befördern. Aktuell dreht ein Prototyp seine Runden auf einem 36 Meter langen Kurs in den Räumen des Start-ups in Obersendling. Als nächster Schritt hin zur Serienreife wird nun also eine Teststrecke an der Ludwig-Bölkow-Allee folgen. Er sei "sehr stolz", betont Bürgermeister Sander, dass die Anlage in Taufkirchen entstehe. "Und vielleicht bringt uns diese innovative Technik auch eine Verkehrsentlastung, die wir im Süden von München so dringend brauchen."

Was die Ottobahn der Gemeinde ganz sicher bescheren werde, sei viel Aufmerksamkeit, gibt sich Frank Heinrich überzeugt. "Wir haben Anfragen von New York bis nach Asien. Diese Strecke wird abstrahlen, die Leute werden herkommen und darüber berichten." Und all den Interessierten werde man dann natürlich erläutern, so Heinrich, "dass die Strecke in Taufkirchen steht - und nicht in Ottobrunn."

In Ottobrunn selbst setzen die Verantwortlichen - und vor allem Bürgermeister Thomas Loderer (CSU) - indes voll auf die U-Bahn, die auch der Kreistag favorisiert. Und zwar eine Streckenführung von Neuperlach-Süd über Neubiberg und die Ottobrunner Ortsmitte bis in den Ludwig-Bölkow-Campus. Diskutiert wurden in jüngerer Vergangenheit aber auch andere Varianten: Eine Verlängerung der U 5 etwa entlang der A 8, die allerdings in weiten Teilen als Seilbahn hätte realisiert werden können. Dieser Variante bescheinigten Verkehrsplaner aber ein zu geringes Fahrgastaufkommen. Zuletzt wurde im Kreistag auch das sogenannte Transportsystem Bögl (TBS) diskutiert, eine Magnetschwebebahn des gleichnamigen Herstellers.

Dieser hatte im April eine eigene Machbarkeitsstudie für die Trasse von Neuperlach-Süd bis Ottobrunn und den Ludwig-Bölkow-Campus vorgestellt. Demnach käme eine Magnetschwebebahn bei den Baukosten deutlich günstiger als eine U-Bahn, das Nutzen-Kostenverhältnis sei eklatant besser und die prognostizierten Fahrgastzahlen weitaus höher.

Diesen Zahlen aber wollten die Kreisräte nicht so recht Glauben schenken. Die Magnetschwebebahn ist damit voraussichtlich ebenso vom Tisch wie eine Straßenbahn, die lange Zeit ebenfalls als mögliche Alternative für eine U 5-Verlängerung im Gespräch war. Eine Tram aber lehnt Loderer stets mit dem Hinweis ab, dafür fehle in der Ottobrunner Ortsmitte der Platz.

In einer früheren Fassung war Frank Heinrich mit Mattika Heinrich verwechselt worden. Frank Heinrich ist nicht Geschäftsführer der Firma, sondern Ideengeber der Ottobahn.

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SZ vom 22.07.2021/wkr
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