Süddeutsche Zeitung

Geschlechtsangleichung:Als Transfrau im Männersport

  • Hannah Aram ist die vielleicht erste Transfrau im Freeride-Skisport.
  • Die Münchnerin begreift das Extrem-Skifahren als eine "transfeministische Aktion".
  • Aram wurde als Transfrau in der Vergangenheit heftig angegriffen.

Von Martina Scherf

"Wenn ich am Berg stehe und das Rennen beginnt, dann vergesse ich alles andere um mich herum", sagt Hannah Aram. "Dann bin ich eins mit der Natur und nur noch darauf konzentriert, heil unten anzukommen."

Hannah Aram ist Freeriderin, sie fährt Extrem-Skirennen, zuletzt im Alpbachtal und am Hochfelln, und sie will in den nächsten Wochen noch möglichst viele Punkte sammeln. Vielleicht, so hofft sie, schafft sie es bis in die Qualifikationsrunde für den Worldcup. Aber das Skifahren ist für sie nicht nur eine sportliche Herausforderung. Es hat noch eine andere, größere Bedeutung. Aram sieht ihre Teilnahme im Frauenteam der Freerider auch als "transfeministische Aktion". Denn Aram kam als Junge auf die Welt.

Sie ist vermutlich die erste Transfrau im Freeride-Zirkus, und das ist ihr wichtig. Die anderen Teilnehmerinnen hätten sie hervorragend aufgenommen, sagt sie, "wir sind eine tolle Gemeinschaft", das gibt ihr Halt. Es ist für sie auch eine Form der Therapie, um ihr Trauma zu überwinden, von dem gleich noch die Rede sein wird.

Im Freeride-Sport würden noch immer die Männer dominieren, erst allmählich kämen mehr Frauen an die Spitze, sagt sie. Aber Transfrauen gab es bisher noch keine. Wohl auch keine Transmänner. Für Menschen, die sich nicht eindeutig einem Geschlecht zuordnen, oder einem anderen, als ihnen von Geburt an zugewiesen wurde, ist die Welt des Sports noch immer kein einfaches Terrain.

Aber was ist schon einfach für queere Menschen, die nicht in die gängigen Schubladen der Gesellschaft passen. "Transmenschen sind überall", sagt Hannah Aram, "aber man sieht sie kaum, denn kaum jemand traut sich aus der geschützten Community heraus." Sie will dazu beitragen, dass sich das ändert.

Sie dichtet und rappt, sie spricht gelegentlich vor Schülern oder Studenten über Transgender-Themen, und sich so ungeschützt an die Öffentlichkeit zu wagen, kostet sie enorm viel Kraft. Auch die Bewerbung für die Freeride-Tour in diesem Winter, das Drumherum mit der Anmeldung, den Erklärungen, den Organisatoren, dem Publikum, "das alles war für mich ein großer Schritt". Das Geld für die Reisen sammelt sie durch Unterstützeraufrufe im Netz. Sie ist diesen Schritt gegangen, für sich selbst, für andere, für die ganze Gesellschaft, die in Sachen Toleranz und Gleichberechtigung noch viel Nachholbedarf hat. Doch wie sollen Menschen anders lernen als durch die Begegnung mit Menschen?

Als Treffpunkt hat sich die 35-Jährige die Alpina-Bar bei Sport Schuster ausgewählt. Sie kommt in Jeans mit Löchern an den Knien, Sneakers und einem hellblauen Anorak, bestellt nur ein Glas Wasser. Sie spricht ruhig und überlegt, ihre Botschaft ist klar. "Es ist Zeit, dass all jene, die von der weißen heterosexuellen Mehrheitsgesellschaft nicht wirklich ernst genommen werden, ihren Platz erkämpfen." Queere Menschen, Transmenschen, Schwule und Lesben, Menschen anderer Hautfarbe, Menschen mit Behinderungen, "wir müssen uns mehr zu Wort melden".

Hannah Aram kam in Nottingham auf die Welt. Sie wuchs als Junge auf, "und ich habe die Rolle des Jungen auch immer gespielt". Sie hat Zoologie studiert, weil sie immer schon am liebsten in der Natur war, kam dann vor zehn Jahren nach München, lernte Deutsch, frönte ihrem liebsten Hobby, dem Skifahren, und gründete eine Firma. Sie hat amerikanische Outdoor-Marken verkauft und die großen Münchner Sporthäuser bei Marketingaktionen unterstützt. Dann fand sie es an der Zeit, sich zu ihrer wahren Natur zu bekennen. Denn sie fühlte sich schon lange als Frau. Sie begann, Hormone zu nehmen, sich weiblicher zu kleiden, sich in den Münchner Communities umzusehen.

Für sie ist die Welt nicht schwarz-weiß, sondern bunt

Alles ging gut, sie genoss ihr neues Leben, bis zu jenem Sommertag vor knapp vier Jahren, als sie nachts aus einer Bar kam und am Stachus von vier Männern erst beleidigt und dann brutal zusammengeschlagen wurde. Die Attacke war schlimm genug, sagt sie leise, "aber das Gefühl der Schutzlosigkeit war fast noch schlimmer". Niemand habe ihr beigestanden, als sie verletzt am Boden lag, nicht Passanten, nicht die Polizei, die schließlich eintraf. Während die Angreifer das Weite suchten, bekam sie sogar noch eine Anzeige wegen Körperverletzung, weil sie sich gewehrt hatte.

Aus Angst vor den Folgen - "die hätten mich am Ende in einen Männerknast gesteckt" - floh sie nach England. Doch ihre Familie wollte nichts mehr von ihr wissen. Sie kam bei einer Freundin in London unter, versuchte, das Erlebte zu verarbeiten. Doch bis heute leidet sie an dem Trauma, das diese Nacht in ihrer Seele hinterlassen hat. Sie hat Angststörungen, kann manchmal tagelang die Wohnung nicht verlassen. Trotzdem kämpft sie weiter.

Die Sonne scheint, Passanten gehen am Rindermarkt vorbei, Hannah erzählt ruhig weiter. "Nach der Attacke war ich sehr wütend, aber ich mag das gar nicht: wütend sein." Sie lächelt. Es ist ein freundliches, warmes Lächeln.

Als sie nach München zurückkam - die Trans-Community hatte Geld gesammelt, um die Strafe wegen Körperverletzung zu bezahlen -, hatte sie keinen Job, kein Geld, keine Krankenversicherung mehr. Doch sie bekam Hilfe. "Die Stadt war so gut zu mir", sagt sie. Eine Sozialpädagogin hilft ihr seither im Alltag. "Sie hat mein Leben gerettet" - und natürlich Quentin.

Quentin Rothammer, ihr Lebensgefährte, hat in all der Zeit zu ihr gehalten. Er ist ihre große Liebe. Der 28-Jährige studiert Gesundheitswissenschaften an der TU und engagiert sich im Vorstand des Vereins Vivats für Menschen mit abweichender Geschlechtsidentität. Der Verein hilft bei Problemen im Alltag, mit Behörden, vor allem aber gibt er seinen Mitgliedern Halt und das Gefühl der Zusammengehörigkeit. Einmal in der Woche treffen sie sich im schwulen Kommunikationszentrum Sub in der Müllerstraße.

Vor 30 Jahren wurde Vivats gegründet, seither hat sich vieles verbessert, sagt Quentin Rothammer. Aber noch immer haben Transmenschen mit zahlreichen Problemen zu kämpfen. Das fängt bei der Namensänderung an, dafür braucht es ein medizinisches Gutachten, der Prozess dauert oft Jahre. Jahre, in denen man mit einer Identität leben muss, die sich falsch anfühlt. Schulen, Unis, Arbeitgeber, Behördenvertreter wissen oft nicht, wie sie damit umgehen sollen.

Quentin Rothammer wurde als Mädchen geboren, er selbst bezeichnet sich als trans-maskulin, "weil alles andere zu kompliziert zu erklären ist". Es gebe so viele Schattierungen, sagt er. Auch manche Hetero-Männer hätten Probleme mit der klassischen Männlichkeit, die wenig Nähe zulasse. Für Quentin Rothammer und Hannah Aram ist die Welt jedenfalls nicht schwarz-weiß, sondern bunt. Wer sie anderntags in ihrer kleinen Wohnung zusammen beobachtet, sieht auf den ersten Blick: Die beiden sind ein liebevolles, harmonisches Paar. "München ist eine sehr tolerante Stadt", sagt Hannah Aram noch, "vielleicht der beste Platz zum Leben. Hier wird eine bunte Counter Culture gelebt", - abgesehen von Ausnahmen.

Ob queer oder trans, ob bi oder divers, wie man es jetzt in den Pass eintragen lassen kann - die Bezeichnungen seien nicht entscheidend, sagt Aram. Wichtig sei es, seine Identität leben zu dürfen, ohne Anfeindungen, ohne Diskriminierung, ohne schräge Blicke.

"I want to thrive not just survive", reimt sie auf Englisch: wachsen, nicht bloß überleben, das ist ihr Motto. Mit dem Skifahren hat sie einen Weg gefunden, zu wachsen. "Der Berg macht mir keine Angst, nur die Gesellschaft." Aber auch diese Angst wird immer kleiner, je mehr Hannah Aram an sich selbst glaubt.

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Quelle:
SZ vom 28.02.2019/gro
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