Süddeutsche Zeitung

Interkommunales Geothermieprojekt:Erst Tinte, dann Tiefenwasser

Die Gemeinden Vaterstetten, Grasbrunn, Haar und Zorneding gründen eine gemeinsame Fördergesellschaft für Erdwärme. Dafür, dass diese dann in die Häuser kommt, ist jede Kommune selbst zuständig.

Von Wieland Bögel, Vaterstetten

Die Schaufeln, die Vaterstettens Wirtschaftsförderer Georg Kast scherzhaft anbietet, werden dann beim Termin nicht benötigt, diesmal reichen noch die Stifte. Bis zum Spatenstich dürfte es auch noch etwas dauern, aber der erste Schritt ist gemacht: Das interkommunale Geothermieprojekt der Gemeinden Vaterstetten, Grasbrunn, Haar und Zorneding ist offiziell gegründet. Bereits in rund drei Jahren soll die Förderanlage zwischen Weißenfeld und Ottendichl einsatzbereit sein.

Am Dienstagnachmittag setzten die vier Rathauschefs, Leonhard Spitzauer aus Vaterstetten, Andreas Bukowski aus Haar, Klaus Korneder aus Grasbrunn und Piet Mayr aus Zorneding ihre Unterschriften auf die Gründungsurkunde der neuen Firma namens Geo Energie München Ost (Gemo). Damit werden die vier Gemeinden Teilhaber der entsprechenden GmbH & Co KG, welche die Förderanlage aufbauen und betreiben wird.

Allerdings halten nicht alle vier Kommunen gleich viele Anteile an der Gesellschaft. Den größten übernimmt Vaterstetten mit 45 Prozent, es folgen Grasbrunn mit 25, Haar mit 20 und Zorneding mit zehn Prozent. Dementsprechend fällt auch das Startkapital der Gemeinden aus, die Großgemeinde steigt mit 225 000 Euro ein, Grasbrunn mit 125 000, Haar mit 100 000 und Zorneding mit 50 000 Euro. "Es ist natürlich nicht so, dass man dafür ein Geothermieprojekt bekommt", so Korneder - der tatsächliche Finanzbedarf liegt bei 50 Millionen Euro, verteilt nach demselben Schlüssel.

Die Situation der Wärmeversorgung ist in den vier Kommunen sehr unterschiedlich

Dies liegt an der sehr unterschiedlichen Situation: Vaterstetten hat im Westen der Kerngemeinde bereits das stetig wachsende Nahwärmenetz der Gemeindewerke. Gemeindewerke gibt es auch in Grasbrunn, diese sind aber noch nicht im Wärmegeschäft aktiv und müssten ein Netz aufbauen. In Haar wiederum gibt es zwar sogar zwei Wärmenetze, die sind aber in privater Hand. Laut Bukowski ist geplant, zusammen mit der Gemeinde eine Netzgesellschaft aufzubauen. In Zorneding gibt es dagegen weder Gemeindewerke noch ein Nahwärmenetz, derzeit sei man noch dabei, zu berechnen, wie man ein solches wirtschaftlich herstellen kann.

An der Wirtschaftlichkeit des Projekts haben die Rathauschefs keine Zweifel. Dies habe man auch schon geprüft, so Spitzauer, mit positivem Ergebnis. Allerdings räumt er auch ein, dass der Aufbau der Förderanlage und der Ausbau der Netze eine erhebliche Belastung für die Haushalte der Gemeinden darstellt: "Da muss man jetzt die Arschbacken zusammenkneifen und sich ein paar Jahre zusammenreißen."

Schließlich gehe es hier um die Energieversorgung für die nächsten 50 oder sogar 100 Jahre, sagt Mayr. Bukowski verweist auf das Ziel, von Öl und Gas unabhängig zu werden, Korneder ergänzt, dass man auch "den Energiepreis erträglich machen" wolle. Laut Markus Porombka, Vaterstettens Kämmerer und zusammen mit Umweltamtsleiter Tobias Aschwer einer der beiden Geschäftsführer der Gesellschaft, könnte diese binnen einem Jahrzehnt schwarze Zahlen schreiben. Amortisiert hätte sich die Bohrung in einem Zeitraum von 30 bis 35 Jahren.

Spannend bleibt es bis zur ersten Bohrung, erst dann ist klar, ob das Projekt funktioniert

Die wohl größte Hürde für das Projekt dürfte indes sein, ob genügend warmes Tiefenwasser gefunden wird. Um dies festzustellen, ist eine Bohrung nötig, diese kostet um die 15 Millionen Euro. Versichern lasse sich dies nicht, so Aschwer - allerdings dürften die Gemeinden die 40 Prozent Fördergeld auch bei Misserfolg behalten. An der Frage der Versicherbarkeit ist 2013 ein geplantes Geothermieprojekt der Gemeinden Vaterstetten, Grasbrunn und Zorneding gescheitert.

Allerdings, darauf verwies Korneder, gebe es mittlerweile sehr viel mehr Erfahrungen mit Erdwärmebohrungen, sodass sich das Risiko besser einschätzen lasse. Tatsächlich wurde im September im Vaterstettener Gemeinderat ein Gutachten vorgestellt, wonach mit einer Wassertemperatur von 95 Grad Celsius und einer förderbaren Menge von 114 Litern pro Sekunde und einer thermischen Leistung von 21 Megawatt zu rechnen sei.

Wenn erst einmal klar sei, dass die Anlage funktioniere "stehen die Fremdkapitalgeber Schlange", so Spitzauer. Wann allerdings die Bohrung beginnen kann, ist noch offen. Laut Aschwer bereite man eine EU-weite Ausschreibung für Bohrfirmen vor - diese könne man allerdings erst veröffentlichen, wenn es die Förderzusage gibt. "Wir gehen davon aus, dass das Geld fließen wird", sagt Spitzauer, trotz des Endes des Klima- und Transformationsfonds des Bundes. Die Schaufeln könnte man also dann noch brauchen.

Bestens informiert mit SZ Plus – 4 Wochen kostenlos zur Probe lesen. Jetzt bestellen unter: www.sz.de/szplus-testen

URL:
www.sz.de/1.6310916
Copyright:
Süddeutsche Zeitung Digitale Medien GmbH / Süddeutsche Zeitung GmbH
Quelle:
SZ/aju
Jegliche Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exklusiv über Süddeutsche Zeitung Content. Bitte senden Sie Ihre Nutzungsanfrage an syndication@sueddeutsche.de.