Süddeutsche Zeitung

Krisen-Seelsorge in Ebersberg:Für alle Fälle

Speziell ausgebildete Mitglieder einer Corona-Einsatzgruppe des Ordinariats sollen Erkrankte zu Hause seelsorgerisch betreuen. Im Landkreis Ebersberg gehört Elisabeth Englhart zum Team - zum Einsatz wurde sie bislang noch nicht gerufen

Von Johanna Feckl, Ebersberg

Eigentlich ist Elisabeth Englhart froh. "Normalerweise ist man ja enttäuscht, wenn man etwas lernt und es dann nicht anwenden kann", sagt die 49-Jährige. "Aber in diesem Fall ist es ja eher ein Glücksfall!" Englhart ist Gemeindeassistentin in der Pfarrei Ebersberg und im Pfarrverband Steinhöring. Und sie ist Mitglied der pastoralen Einsatzgruppe für Corona-Erkrankte - das einzige aus dem Landkreis Ebersberg: In einem Aufruf hat das Erzbischöfliche Ordinariat München und Freising Freiwillige für die seelsorgerische Betreuung von Patientinnen und Patienten gesucht, die sich zu Hause in Isolation befinden und Beistand benötigen. Zu einem Einsatz wurde sie bislang noch nicht gerufen.

Als Mitte März das öffentliche Leben nahezu auf null heruntergefahren wurde, um die Ausbreitung des Coronavirus zu verlangsamen, hat sich wie bei vielen auch der berufliche Alltag von Englhart verändert: Vorbereitungen für die Feierlichkeiten rund um Ostern und die Oster-Gottesdienste selbst, Firmungen, ein Kinderbibeltag, diverse Kindergottesdienste - "es ist brutal, was da alles weggefallen ist", sagt die 49-Jährige. Sie nutzte die gewonnene Zeit, um sich ihrer Ausbildung zur Gemeindereferentin zu widmen. Und um die ins Leben gerufene pastorale Einsatzgruppe als Freiwillige zu unterstützen. "Ich dachte mir, dass ich mich eben dort engagieren sollte, wo es notwendig ist."

Ist die seelsorgerische Begleitung zu Hause denn notwendig? Englhart verweist auf Italien, wo viele Seelsorger nach einer Covid-19-Erkrankung gestorben seien. "Die Befürchtung war: Wenn man die Zahl der Kranken nicht mehr im Krankenhaus stemmen kann und die Leute deshalb auch zu Hause mit Corona sind, dass man sie dann dort wenigstens seelsorgerisch begleiten kann", so Englhart. Die Kranken salben darf sie jedoch nicht, das Spenden von diesem Sakrament ist allein Priestern vorbehalten. "Wenn die Not aber so groß ist und kein Priester zur Verfügung steht, dann kann auch ich gemeinsam mit den Kranken beten und einfach da sein."

Die 49-Jährige sah einen Bedarf und so führte sie zunächst einige Telefonate mit dem Ordinariat in München. Es musste geklärt werden, wie erfahren sie im Umgang mit Kranken und Sterbenden ist, ob sie selbst zur Risikogruppe zählt oder ob sie regelmäßig Kontakt zu Menschen mit einem erhöhten Risiko für einen schweren Verlauf einer Corona-Erkrankung hat. Außerdem klärte das Ordinariat Englhart über einige formale Bedingungen auf, eine davon: Nach einem Einsatz sollte sich jeder Freiwillige vorsorglich für 14 Tage in häusliche Isolation begeben.

Englhart besprach sich mit ihrem Mann und den drei Kindern, allesamt fast erwachsen, wie die 49-Jährige sagt. Sie entschieden gemeinsam, dass die Isolationsregelung einem Engagement nicht im Wege stehen sollte. Und so begann Englhart die Ausbildung. Mittlerweile übrigens, so teilt das Ordinariat auf Nachfrage mit, werde die Isolationsmaßnahme für die Freiwilligen nicht mehr praktiziert. Wegen der umfassenden Ausbildung und der Schutzkleidung, die bei den Einsätzen getragen werden, sei das nicht mehr notwendig.

Englharts Ausbildung fand in erster Linie online statt. Per Video lernte sie, wie sie die Schutzkleidung - Handschuhe, Mundschutz, Kittel - richtig anlegt. Ein Übungsset hat ihr das Ordinariat zugeschickt. Der Abschluss der Ausbildung war eine Präsenzveranstaltung. Dort wurde Grundsätzliches geklärt: Wie läuft ein Einsatz im Idealfall ab? Wo gibt es noch Unsicherheiten? Englhart erklärt: "Wenn jemand Fremdes mit Kittel und vermummt in die eigene Wohnung kommt, um in diesem Aufzug Seelsorge zu leisten, das ist ja schon auch gruselig - gerade, wenn Kinder in dem Haushalt leben." Es sei also wichtig, bei einem Einsatz nicht nur den Kranken, sondern auch das Umfeld im Blick zu haben.

Seitdem die 49-Jährige ausgebildetes Mitglied der pastoralen Gruppe ist, liegt ihre Schutzkleidung griffbereit, regelmäßig geht sie das Gelernte noch einmal durch, um nichts zu vergessen - zu einem Einsatz kam es bei ihr bisher nicht. Insgesamt zählt die Gruppe laut Ordinariat 40 bis 50 Mitglieder, zum Erzbistum München und Freising zählen etwa 1,67 Millionen Katholiken, wie das Bistum auf seiner Website schreibt. Zum Höhepunkt der Krise seien die Freiwilligen zu zehn Einsätzen pro Woche gerufen worden. Inzwischen seien es einer oder zwei.

Direkten seelsorgerischen Kontakt zu Corona-Patienten hatten im Landkreis Ebersberg aus katholischer Sicht bislang nur Poings Pfarrer Philipp Werner und Ebersbergs Stadtpfarrer und Kreisdekan Josef Riedl, jedes Mal in der Kreisklinik. Dort ist die allgemeine Seelsorge seit Corona eher ruhig. "So viele Besuche wie nötig, so wenig wie möglich", erklärt der katholische Krankenhausseelsorger Christoph Diehl. Seine Arbeit findet dieser Tage mehr als gewöhnlich über das Telefon statt - er gehört selbst der Risikogruppe an.

Deshalb wurden bislang nur Riedl und Werner zu Einsätzen in die Kreisklinik gerufen: Im Gegensatz zu den übrigen Pfarrern zählen sie nicht zur Risikogruppe, wie Riedl erklärt. Er selbst war drei Mal bei Covid-19-Patienten in der Klinik für eine Krankensalbung. Einmal war die Patientin voll ansprechbar; sie sei wenig später aus dem Krankenhaus entlassen worden. Der zweite Patient lag intubiert im künstlichen Koma, zwei Wochen später sei er gestorben. Und der dritte Patient sei bereits in der Notaufnahme gestorben. Riedl ist trotzdem gekommen, um mit den Angehörigen zu beten. Vier oder fünf Mal war Werner für eine Krankensalbung in der Klinik.

Wie war das, mit Kittel, Mundschutz und Handschuhen ins Patientenzimmer zu marschieren? Nicht so ungewöhnlich, sagt Riedl. Er ist erfahren mit Krankensalbungen auf Intensivstationen, genau wie sein Amtsbruder Werner: "Es ist Standard, dass man bei hoch infektiösen Kranken Schutzkleidung trägt - das gilt ja nicht nur für Corona-Erkrankte."

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Quelle:
SZ vom 17.06.2020
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