Süddeutsche Zeitung

Hanf in Grafing:"Natur lässt sich nicht verbieten"

Der "Gärtner von Grafing" pflanzt inkognito Hanf am Marktplatz oder am Schlittenberg. Die Fotos stellt er ins Internet. Wer ist er? Ein Gespräch.

Interview von Thorsten Rienth

Bekannt geworden ist er mit einem Coup: Als die CSU in der Grafinger Stadthalle Robert Niedergesäß zum zweiten Mal zum Landratskandidaten nominierte, klebten plötzlich "Gärtner von Grafing"-Sticker mit der charakteristischen Hanfpflanze auf einigen Plakaten. Später adelte der Deutsche Hanfverband die Kunstfigur zum "mysteriösen Superhelden".

SZ: Wie in aller Welt haben Sie die Sticker auf die CSU-Plakate bekommen?

Der Gärtner von Grafing: Die Details fallen natürlich unters Künstlergeheimnis. Außerdem muss ich mich ja nicht um alles selbst kümmern. Vielleicht gibt es Unterstützer auch in politischen Kreisen, wo man sie angesichts der offiziellen politischen Agenda erst mal nicht vermutet hätte.

Welcher tiefere Sinn steckt dahinter, auf dem Grafinger Marktplatz inkognito Hanfpflanzen hochzuziehen?

Mich ärgert, dass diese Jahrtausende alte Kulturpflanze ein so mieses Image hat. Zum Beispiel, was die Papierproduktion angeht. Ein Hektar Hanffeld könnte - weil er viel schneller wächst - 120 Hektar abgeholzten Wald ersetzen. Die Gutenberg-Bibel existiert heute nur noch, weil sie auf Hanfpapier gedruckt wurde. Die Pflanze ist so widerstandsfähig, dass sie praktisch ohne Pestizide wächst. Zudem sind Cannabinoide bei sehr vielen Schmerzpatienten deutlich risikoarmer als Opiate. Das alles weiß die Wissenschaft seit Jahren, trotzdem wird der Hanf politisch gebremst, ja oft regelrecht verteufelt.

Aber für den Normalbürger geht's um den Rausch, oder?

Klar. Aber wo ist das Problem? Der deutsche Normalbürger ist regelmäßig betrunken. Dass er sich in diesem Zustand gerne schlägert oder Sachen kaputt macht, nehmen wir genauso hin wie die alkoholbedingten Verletzten und Toten im Straßenverkehr. Aber wenn ein Kifferpärchen vor seinem Gartenhäuserl ein Jointerl raucht, dann kommt die Polizei mit zwei Streifenwagen herangebraust und will die Fingerabdrücke nehmen. Diese gerade in Bayern extreme Unverhältnismäßigkeit ärgert mich. Selbst die Polizeigewerkschaft ist der Meinung, dass ihre Kollegen da Wichtigeres zu tun hätten.

Kann der "Gärtner von Grafing" ernsthaft etwas ausrichten?

Mit dieser Kunstfigur gebe ich auf etwas parodistische Weise meinen Senf ab. Wenn ich irgendwo ein paar Samen hinwerfe, dann sind das natürlich keine von potenten Pflanzen. Sondern ganz normaler Nutzhanf. Ich will damit zu einer breiteren gesellschaftlichen Toleranz für Hanf und Hanfprodukte beitragen und, daraus mache ich kein Geheimnis, das Thema auch hinsichtlich einer Legalisierung vorantreiben.

Ist die Parodie von am Marktplatz auf Kreisverkehren gesäten Hanfpflanzen oder Hanf-Stickern an der Rathausklingel nicht auch eine Verharmlosung von Drogen?

Echt, an der Rathausklingel klebt ein Sticker? Wow, das ist ja eine tolle Idee! Von den Stickern lege ich manchmal welche bei den langen Zigarettenpapieren im Supermarkt ab. Dann verteilen die sich quasi von selbst. Was die Verharmlosung angeht: Mitnichten gehöre ich zu den Marihuana-Romantikern. Ich bin ganz und gar nicht der Meinung, dass jeder ab 16 Jahren Marihuana rauchen dürfen soll. Es ist unbestritten, dass Cannabinoide gerade in der Adoleszenz Hirnschäden verursachen können. Wenn wir danach gehen, wäre sicherlich eine Altersgrenze von 21 oder vielleicht sogar 23 Jahren angebracht. Mir geht's darum, dass die Pflanze entkriminalisiert wird, dass der Widerspruch von erlaubtem Konsum, aber verbotenem Besitz aufgehoben wird. Natur lässt sich nicht verbieten. Und es ist für mich auch ein Aspekt der persönlichen Freiheit. Ich sag's noch mal salopp: In einem Land, in dem sich ein Erwachsener ständig besaufen darf, muss er sich auch bekiffen dürfen.

Wie ist das Feedback, das Sie auf Ihre Aktionen bekommen?

Größtenteils positiv. Dadurch, dass ich ausschließlich anonym auftrete, treten die Leute auch anonym mit mir in Kontakt. Das fördert auf beiden Seiten die Offenheit. Es gibt aber auch Kritik, das will ich nicht verschweigen. Wenn ich mir allerdings die Profile dieser Leute anschaue, dann sind das oft welche, die halt einfach dem Alkohol zugeneigter sind. Ich weise in solchen Situationen gerne darauf hin, dass der Hopfen eine Gattung aus der Familie der Hanfgewächse ist.

Gescheiterte Pläne

Der "Gärtner von Grafing" ist nicht der einzige, der im Landkreis für den Hanfanbau eintritt. Auch der Cannabis-Verband Bayern (CVB) hatte vor einigen Jahren große Pläne - die allerdings in eine andere Richtung zielten. In Forstinning sollte Deutschlands erste Großplantage für Medizinalhanf entstehen. Angebaut werden sollte er auf 600 Quadratmetern in einem leer stehenden Küchenstudio. Im Frühjahr 2016 hatte der Verband den Landtag per Eilbrief um einen Forschungsauftrag gebeten, mit dem Ziel, die etwa hundert registrierten bayerischen Schmerzpatienten mit ärztlicher Genehmigung mit Medizinalhanf zu versorgen und zu betreuen. Der Ausschuss für Gesundheit und Pflege des Landtags lehnte den Antrag mit dem Hinweis ab, dass es sich um eine Bundesangelegenheit handle. SZ

Haben Sie sich schon mal ernsthaft überlegt, die Camouflage der Anonymität abzustreifen?

Das habe ich mir tatsächlich schon überlegt - es aber dann wieder verworfen. Meine Haltung namentlich öffentlich zu vertreten, ist mir zu riskant. Mich kennen einfach zu viele Leute in der Stadt. Selbst wenn ich irgendwo Nutzhanf hinstreue, ist das rechtlich betrachtet nah am Vortäuschen einer Straftat. Vor ein paar Wochen hat man ja ganz gut gesehen, wie die Behörden die Sache sehen: Der Hanf am Grafinger Marktplatz ist - zusammen mit dem auf den Kreisverkehren - in einer Nacht-und-Nebel-Aktion entfernt worden. Da mache ich lieber ohne Klarnamen und als "Gärtner von Grafing" weiter. Offenbar bin ich auch nicht mehr allein. Immer öfter sehe ich Pflänzchen an Stellen, wo ich sicher nicht gestreut habe. Vielleicht werden wir zum Künstlerkollektiv.

Und bis dahin gibt's zum Frühstück Haschisch aus der Wasserpfeife?

Das habe ich früher gemacht. Aktuell bin ich sehr anständig, gerade auch im Sinne des Betäubungsmittelgesetzes.

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Quelle:
SZ vom 12.09.2020/koei
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