Süddeutsche Zeitung

Laternen-Aktion:Kleine Lichter in der Finsternis

Hundert Menschen aus dem Landkreis basteln mit der Projektgruppe "Integration mit Augenmaß" 150 Laternen der Hoffnung aus Schwimmwesten von Geflüchteten. Sie leuchten jetzt in Hebertshausen. Über schöne Symbole und Behördenpraxis.

Von Alexandra Vettori, Hebertshausen

Geleuchtet haben sie am Donnerstagnachmittag noch nicht, die "Laternen der Hoffnung". Die LED-Lämpchen schalten sich erst bei Dunkelheit ein. Dann aber setzen sie kleine warme, orangefarbene Lichtlein in die kahlen Bäume vor der Hebertshausener Schule. Orange deshalb, weil sie mit Resten von Schwimmwesten verziert sind. Von Schwimmwesten, die Geflüchtete an Stränden hinterlassen haben.

Während Europa daran arbeitet, sich stärker gegen Flüchtlinge abzuschotten, erinnern die Laternen der Hoffnung an die Schicksale der Geflüchteten. Es ist das Jahresprojekt der Gruppe "Integration mit Augenmaß", einem Ausläufer der Stelle Bürgerschaftliches Engagement im Landratsamt. Dort hilft man Neuankömmlingen mit Migrationshintergrund, Fuß zu fassen.

Gebrauchte Schwimmwesten symbolisieren die Hoffnungen der Geflüchteten

"Die Schwimmwesten stammen von Menschen aus Flüchtlingsbooten oder wurden an den Stränden Italiens und Griechenlands eingesammelt", erzählt Projektleiterin Michaela Wintermayr-Greck. Gebastelt haben die Laternen mehr als 100 Menschen aus 32 Nationen bei verschiedenen Aktionen im Landkreis. Die gebrauchten Schwimmwesten symbolisieren die Hoffnungen der Geflüchteten, aber auch den Wunsch, "dass wir es als Gesellschaft weltweit schaffen, dass sich keine Menschen mehr auf diesen Weg machen müssen", so Wintermayr-Greck. Sie bedankt sich beim Hebertshausener Bürgermeister Richard Reischl (CSU), der sofort einen Platz in seiner Gemeinde wusste, als es darum ging, wo die Laternen der Hoffnung leuchten dürfen.

Auch Landrat Stefan Löwl (CSU) kommt zur Präsentation, ebenso wie der bayerische Integrationsbeauftragte, CSU-Landtagsabgeordneter Karl Straub. Er ist erst seit vier Wochen im Amt und hat hier einen seiner ersten öffentlichen Termine. Straub lobt die Gemeinde Hebertshausen und den örtlichen Helferkreis: "Ich habe nur das Allerbeste gehört. Ihr seid in sämtlichen Medien präsent, um zu zeigen, wie man mit dem Thema umgehen kann."

1775 Geflüchtete sind derzeit in staatlichen Unterkünften im Landkreis untergebracht, davon 425 aus der Ukraine. Alle zwei Wochen kommt ein Bus mit weiteren 50 Menschen an, zugeteilt von der Regierung von Oberbayern - je nachdem, wie viele in den Ersteinrichtungen ankommen. Und weil die Zahlen steigen, könnten es bald drei Busse werden, das hat die Regierung den Landräten bereits in Aussicht gestellt.

So spricht Stefan Löwl bei Flucht auch von einem "hochpolitischen" Thema. Keiner wolle, dass geflüchtete Menschen ertrinken, gleichzeitig werde eine neue Migrationspolitik in Deutschland und der EU kontrovers diskutiert. Das gilt im Landkreis Dachau auch für die Abschiebepraxis der Dachauer Ausländerbehörde, die immer wieder in der Kritik von Flüchtlingsorganisationen steht. 2021 sind 20 Menschen abgeschoben worden, voriges Jahr 14 und heuer waren es bislang neun.

"Nicht jeder Fluchtgrund ist einer für das deutsche Asylrecht"

Als die SZ Landrat Löwl später fragt, wie sich diese Praxis mit der Laternen-Aktion vertrage, antwortet er: "Nicht jeder Fluchtgrund ist einer für das deutsche Asylrecht. Es ist nicht schön, aber wir sind die letzte Ebene, die das auf Gesetzesgrundlage entscheidet." Ob es andere Möglichkeiten geben soll, in Deutschland zu bleiben, werde derzeit diskutiert. "Aber das ist nichts, was im Landkreis Dachau entschieden wird", so Löwl.

Bürgermeister Reischl nennt in seiner Rede Angst und Halbwahrheiten als Probleme in der Wahrnehmung des Themas Flucht. Die ungezügelte Entwicklung mache Angst, "aber nicht die geflüchteten Menschen, die hier sind, sind das Problem". In dasselbe Horn stößt Peter Barth, der als Leiter des örtlichen Helferkreises unermüdlich Integrationsarbeit leistet: "Dieses Thema ist nicht geeignet für Hetze und Hass."

Die Ausländerbehörde gebe wenig Anlass zur Hoffnung

Auf die Frage, wie er die Laternen-Aktion einordne, kommt auch von Martin Modlinger Lob, er ist Dachauer Grünen-Stadtrat und Mitglied der Ortsgruppe der Flüchtlingsorganisation Seebrücke. Auf die Dachauer Ausländerbehörde allerdings setze er wenig Hoffnung. "Da werden dringend gebrauchte Bäckergesellen abgeschoben", klagt er. "Da werden Menschen in ein Land abgeschoben, aus dem sie nachweislich aus Lebensgefahr geflohen sind." Modlinger hofft auf die Einsicht, dass Geflüchtete, die dauerhafte Arbeit und Zuflucht finden, der deutschen Gesellschaft helfen, "im Handwerk und in der Pflege und weit darüber hinaus". Eine solche Laterne der Hoffnung, "könnten sich einige mal ins Büro stellen".

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