Süddeutsche Zeitung

Hochschule:So verändert Corona das Leben von Münchner Studenten

Zum Semesterstart füllen sich die Wohnheime wieder, "Social Distancing" ist kaum möglich. Wie es ist, mit 20 Mitbewohnern in Quarantäne zu sein oder Home-Studium und Kinder unter einen Hut bekommen zu müssen.

Von Daria Gladkov

An ihrem ersten Unitag hätte Clara Heupgen erst einmal eine dreistündige Chorprobe gehabt. Wie das jetzt virtuell klappen soll, ist ihr ein Rätsel - noch. Genau wie sich viele andere Studenten fragen, wie es wohl in diesem Semester laufen wird, das am Montag startet und das erst einmal nur online stattfinden kann. Die 23-jährige Clara Heupgen studiert im sechsten Semester "Elementare Musikpädagogik" mit Hauptfach Gesang an der Musikhochschule.

Die aktuelle Situation um die Pandemie bereitet ihr aber vor allem aus einem Grund Sorge: Weil alle Veranstaltungen abgesagt wurden, bei denen sie gearbeitet hätte, muss ihre Familie jetzt für sie aufkommen. "Das sollte so eigentlich nicht sein", findet Clara Heupgen. Sie habe immerhin das Glück, mit ihrer Mutter unter einem Dach zu leben, ihren Kommilitonen sei es viel schlimmer ergangen.

Als Vertreterin der Studierendenvertretung hat sie eine Umfrage begleitet, die die finanziellen Nöte ihrer Kommilitonen beleuchten sollte. "Ich habe teilweise ewig lange Mails mit wirklich schlimmen Geschichten erhalten, manche können sich gar kein Essen zahlen." Für diese Fälle wurden jetzt von der Hochschulleitung Nothilfefonds eingerichtet. Die Vereinigte Stipendienstiftung nimmt für die betroffenen Studentinnen und Studenten Spenden entgegen.

Auch ohne Corona ist das Leben im teuren München für viele der mehr als 100 000 Studierenden schon eine Herausforderung. Die geringen Einkommen und die hohen Mietpreise zwingen viele in kleine Wohnungen oder zum Zusammenleben in Wohngemeinschaften und Wohnheimen. Aufgrund der Enge ist "Social Distancing" kaum möglich, das Ansteckungsrisiko steigt, auch wenn die jungen Studentinnen und Studenten meistens nicht zur Risikogruppe gehören.

Nach der Uni entspannt ein Bier trinken oder gar Party machen geht auf unabsehbare Zeit nicht, nicht einmal die Mensa oder die Bibliotheken haben gerade offen. Zum Semesterstart füllen sich die Wohnheime nun trotzdem wieder. Jene, die die Möglichkeit hatten, waren über die Semesterferien nach Hause gefahren.

Anderen wurde die Option genommen, wie im Fall von Moritz Eckhoff. Für ihn beginnt das neue Semester mit wiedergewonnenen Freiheiten: Zwei Wochen musste der Masterstudent der Elektrotechnik an der TU München (TUM) zuletzt in Quarantäne verbringen, nachdem er im März nach einem Familienurlaub im Skiort Ischgl positiv auf das Coronavirus getestet wurde. Alle neun Mitreisenden waren kurz nach der Rückkehr aus Österreich krank geworden, fast alle mit hohem Fieber. "Zu dem Zeitpunkt wurde aber keiner von uns auf Corona getestet, weil Ischgl damals nicht als Risikogebiet galt", erzählt Eckhoff. Er selbst hatte nur das Gefühl, eine Erkältung sei im Anmarsch, der Hals kratzte ein bisschen, aber sonst ging es ihm gut.

Später wurden dann doch die ganze Reisegruppe getestet - positiv. Moritz Eckhoff weiß heute, was das bedeutete: 14-tägige häusliche Quarantäne für ihn selbst und alle im Hausstand lebenden Personen. In Eckhoffs Fall waren das insgesamt 20 Mitbewohner aus seiner Wohngemeinschaft in der Studentenstadt. Er benachrichtigte das Studentenwerk, die Mitarbeiter haben dann ein Schild an eine der Toiletten angebracht mit dem Hinweis "defekt". So sollte nur Moritz Eckhoff die Toilette nutzen, und das Ansteckungsrisiko sollte verringert werden.

Küche und Dusche nutzten die Studenten aber weiterhin gemeinschaftlich. Informiert wurden die betroffenen Mitbewohner vom Studentenwerk erst einmal nicht. Später gab es dann eine Mail, dass es einen anonymen Corona-Verdacht im Haus gebe. Wer Symptome entwickle, solle sich an einen Arzt wenden. Auf Anfrage der Süddeutschen Zeitung gibt das Studentenwerk die Auskunft, sie stünden im Austausch mit den Bewohnern und ihnen sei bekannt, dass es Fälle in WGs gebe. Aus diesem Austausch habe man den Eindruck gewonnen, dass sich die WG-Bewohner sehr gut und verantwortungsbewusst selbst organisieren könnten.

Für manche ist die Krise eine organisatorische Zerreißprobe

Im April kam dann erst der Brief vom Gesundheitsamt. Den hat Eckhoff an seine Mitbewohner weitergeleitet. Sie müssten doppelt so lang in Quarantäne wie der 26-Jährige. Beginnend mit der Kontaktaufnahme mit einem Infizierten, endet die Quarantäne regelmäßig nach zwei Wochen nach dem letzten Tag der Ansteckungsmöglichkeit. Also weitere zwei Wochen ab dem Tag, an dem Eckhoff fast wieder raus darf. "Wie sich die Einzelnen daran gehalten haben, weiß ich gar nicht. Ich habe allen Mitbewohnern die Info weitergeleitet", erzählt er.

Viele seien sehr ängstlich gewesen, haben ihren Mitbewohner aber unterstützt, wenn es um das Kochen ging beispielsweise. Was er erst später erfährt: "Meine unmittelbare Zimmernachbarin muss echt gestresst gewesen sein, weil ich Corona hatte. Sie hat deswegen alle Kontakte komplett abgebrochen, sie hatte wohl so etwas wie einen kleinen Nervenzusammenbruch", sagt Moritz Eckhoff.

Die Quarantäne hat er vor allem für das Schreiben seiner Masterarbeit nutzen können. Im Sommer muss er nur noch ein paar Dinge im Labor erledigen. Eckhoff ist guter Dinge, dass er seinen Abschluss auch während der Pandemie fertig bekommt. Als nächstes will er aber zur Blutplasmaspende. Der Student ist dem Aufruf der Klinik der Ludwig-Maximilians-Universität (LMU) gefolgt und will seine Antikörper für die Therapie von schwer erkrankten Covid-19-Patienten zur Verfügung stellen.

Weniger optimistisch sieht die Philosophiestudentin Yassamin Boussaoud dem Semesterstart entgegen. Für sie bedeutet er eher eine weitere organisatorische Zerreißprobe. Die 29-Jährige lebt mit ihren beiden schulpflichtigen Kindern in einer 45 Quadratmeter großen Studentenwohnung am Harthof. So lange sie Ferien hatte, konnte sie sich daheim um ihren Nachwuchs kümmern und nebenbei ihrem Job als pädagogische Fachkraft in einer Kinderkrippe aus dem Home-Office noch gerecht werden.

Die Gesundheit ihrer Kinder steht bei ihr an erster Stelle. Das bedeutet aber auch, dass es ihnen in dieser Zeit auch seelisch gut geht. "Sie dürfen momentan eben genau die Dinge, für die im Alltag wenig oder kein Raum da ist: Ausschlafen, Pfannkuchen zum Frühstück backen, bis mittags im Schlafanzug bleiben, Filme schauen, spät ins Bett gehen", erzählt die Mutter. Die Herausforderung besteht für sie jetzt, genau auf die individuellen Bedürfnisse ihrer Kinder einzugehen.

Der Gedanke daran, dass bald die Schulen nur für bestimmte Stufen geöffnet werden könnten, macht ihr Sorge: "Es ist schwieriger, wenn ein Kind in die Schule geht und das andere zu Hause bleibt." Die Schule würde dann einem Kind Aufgaben geben, die die Studentin noch zusätzlich mit ihm erledigen müsste. Und das alles, obwohl sie sich nun eigentlich auf das neue Semester und die Arbeit, die ihr eigenes Online-Studium mit sich bringt, einlassen sollte.

Boussaoud wünscht sich von der Regierung mehr Sicherheit, eine Art Stütze. Bis sich etwas ändert, kämpft sie sich aber weiterhin pflichtbewusst durch den Tag. Sie beschwert sich nicht, stellt aber fest: "Es ist herausfordernd, so vielen Menschen gleichzeitig gerecht zu werden."

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SZ vom 20.04.2020/amm
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