Süddeutsche Zeitung

Jugendschutz:Die Gesellschaft hat versagt

Sexualisierte Gewalt gegen Kinder und Jugendliche nahm während der Schulschließungen im vergangenen Jahr zu. Das hat niemand effektiv verhindert. Es ist Zeit, endlich andere Prioritäten zu setzen.

Kommentar von Katharina Riehl

Es ist ja nicht so, dass niemand es hätte kommen sehen. Am 13. März 2020 beschlossen die Kultusminister der Länder, Schulen und Kindergärten in ganz Deutschland zu schließen, um die Ausbreitung des Coronavirus zu verhindern. Nur wenige Tage später warnte die inzwischen zurückgetretene Familienministerin Franziska Giffey vor einem erhöhten Konfliktpotenzial und davor, "dass es auch zu stärkerer häuslicher Auseinandersetzung kommt, auch zu stärkerer häuslicher Gewalt". Die Gefahr war erkannt.

An Besorgnis um die Situation der Kinder und Jugendlichen in der Pandemie hat es nie gemangelt; beinahe täglich hat sich jemand zu dem Thema geäußert: Kinderärzte, Kinderpsychiater, Lehrer, Lehrerverbände, Eltern, Elternverbände, Kommunalpolitiker, Landespolitiker, Bundespolitiker, Verbände, Organisationen. Passt auf die Kinder auf, war die Botschaft, meist standen die psychischen Folgen des Zuhausesitzens im Mittelpunkt. Aber da war eben auch immer diese andere Sorge: Wenn die Kinder nicht in die Schule oder in die Kita gehen, weiß keiner, wie es ihnen zu Hause ergeht. Keiner sieht ihre blauen Flecken, keiner fragt, warum sie traurig sind. Sie entgleiten der gesellschaftlichen Kontrolle.

Besonders schlimm: der steigende Konsum von Kinderpornografie

Insofern wirkt die nun veröffentlichte Kriminalstatistik wie eine Art offizieller Versagensbericht, denn sie scheint im Grunde alles zu belegen, was immer befürchtet wurde. Zwar können die Zahlen keinen direkten Zusammenhang zwischen Pandemie und Gewalt herstellen, sondern, auch wegen der hohen Dunkelziffer, nur Indizien liefern. Unstrittig aber ist: Im vergangenen Jahr hat die Polizei mehr Gewalt gegen Kinder registriert, Schläge ebenso wie sexualisierte Übergriffe, sogar die Zahl der Todesfälle ist gestiegen. Besonders während des ersten Lockdowns nahm den Ermittlern zufolge auch der Konsum von Kinderpornografie drastisch zu - auch das Livestreaming von sexualisierter Gewalt via Webcam aus den häuslichen Kinderzimmern.

Natürlich ist nie alles so einfach, wie es aussieht, natürlich musste die Politik in den vergangenen Monaten Entscheidungen treffen, um die sie niemand beneidet. Drastische Kontaktreduzierungen waren lange das einzige echte Mittel, um die Ansteckungszahlen zu drücken. Wer will ernsthaft abwägen zwischen Verstorbenen in den Seniorenheimen und den Rechten der Kinder? All diese Debatten haben immer sehr schnell auf dünnes Eis geführt.

Kinder haben keine Lobby - was das heißt, zeigt sich jetzt

Wahr ist aber eben auch, dass daheim misshandelte Kinder sehr viel leichter ausgeblendet werden können als all jene Menschen, die am Virus erkrankt oder gestorben sind. Die Politik hat die Risiken für Kinder mantramäßig wiederholt, sie am Ende aber eben doch in Kauf genommen. Kinder haben keine Lobby, das ist so eine Phrase, die man im vergangenen Jahr oft gehört hat. Man hat sie so oft gehört, weil sie so richtig ist.

Und jetzt? Wäre es an der Zeit, endlich den Blick zu schärfen für alles, was im Pandemiejahr falschgelaufen ist. Es ist nur schwer zu begreifen, dass auch im Mai 2021 die Schulen und Kindergärten nicht als Allererste geöffnet werden - ganz egal, was möglicherweise steigende Infektionszahlen dann für Hotellerie und den Kulturbetrieb bedeuten würden. Spätestens jetzt ist klar, was in der Pandemie am deutlichsten auf der Strecke geblieben ist: die Würde vieler Kinder.

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