Süddeutsche Zeitung

Flutkatastrophe:Ein Landrat in der Kritik

Im Kreis Ahrweiler geht es nicht nur um die Zahl der Toten und der Vermissten, spätestens seit dem Wochenende geht es auch um Uhrzeiten. Wieso wurden die Orte erst so spät evakuiert?

Von Gianna Niewel

Zahlen sind der Versuch, eine Katastrophe zu fassen, und so ging es nach der Flut in Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz um die zerstörten Häuser, die weggerissenen Brücken, um die Toten und Vermissten. In der Region an der Ahr, wo bisher 138 Menschen gestorben sind, geht es auch um Uhrzeiten: Wieso wurden viele Menschen erst in der Nacht zum Verlassen ihrer Häuser aufgefordert, obwohl die Kreisverwaltung seit Mittag gewarnt wurde? Nun prüft die Staatsanwaltschaft Koblenz, ob sie ein Ermittlungsverfahren einleitet, der Anfangsverdacht lautet auf fahrlässige Tötung und fahrlässige Körperverletzung. Bisher richtet sich das Verfahren gegen keine konkrete Person.

Mitten in all dem Chaos, dem Leid steht der Chef der Kreisverwaltung, Landrat Jürgen Pföhler (CDU).

Pföhler ist 63 Jahre alt und in Wittlich geboren, einer Kreisstadt am Rand der Eifel. Jurastudium, Promotion, ein Jahr Europarecht in London. Danach war er unter anderem Geschäftsführer der Arbeitsgruppe Wirtschaft in der CDU/CSU-Bundestagsfraktion und Leiter des Statistikreferats im Bundesverkehrsministerium, ehe er zurück nach Rheinland-Pfalz kam. Seit 21 Jahren ist er Landrat in Ahrweiler - und somit auch oberster Katastrophenschützer dort. Nur: Wann sollte Katastrophenschutz beginnen? Wann muss er es?

Das Ahrtal, das sind Weinberge, Schieferböden, Burgruinen. Ein Fluss zwischen steilen Hängen. Auch deshalb hatten die Expertinnen und Experten im Landesamt für Umwelt in Mainz die Wettervorhersagen und die Wasserabflüsse schon am Morgen der Flut im Blick. Um 11.17 Uhr schickten sie die zweithöchste Warnstufe für die Region heraus. Um 17.17 Uhr schickten sie die höchste Warnstufe heraus. Um 20.45 Uhr maßen sie einen Pegel von 5,75 Meter. Währenddessen vergingen Stunden in Schuld, Sinzig, Adenau, in all den betroffenen Orten. Da war das Wasser keine Prognose mehr, da hatte es längst Garagen weggerissen. Aber erst kurz nach 23 Uhr rief der Landkreis den Katastrophenfall aus und evakuierte die Häuser an der Ahr. Wieso so spät?

Innenminister Roger Lewentz (SPD) war am Abend der Flut bei verschiedenen Krisenstäben in verschiedenen Gebieten, auch in Ahrweiler. Sein Ministerium verweist aber darauf, dass die Einsatzleitung bei der Kreisverwaltung lag, da die nach dem Katastrophenschutzgesetz von der zweithöchsten Warnstufe an zuständig ist. Die galt seit mittags.

In den betroffenen Orten kippt langsam die Stimmung

Landrat Pföhler äußerte sich in den vergangenen Tagen kaum, seine Pressestelle schreibt auf SZ-Anfrage, die Kreisverwaltung warte die Prüfung der Staatsanwaltschaft ab. In der Rhein-Zeitung begründete er sein Zögern damit, dass das Landesamt die Pegelprognose für den Ort Altenahr im Laufe des Abends nach unten korrigiert hatte, auf vier Meter. Aber zum einen galt diese Prognose nur eine Stunde lang, zum anderen galt nach wie vor die höchste Warnstufe. Und zudem sind vier Meter immer noch 29 Zentimeter mehr als beim letzten großen Hochwasser 2016.

Im Bonner General-Anzeiger ging der Landrat noch einen Schritt weiter. Die Fragen nach Verantwortlichkeiten könne gerade niemand im Bund, im Land oder im Kreis seriös beantworten. "Gegenseitige Schuldzuweisungen sind völlig deplatziert, geschmacklos und verkennen den Ernst der Lage." Für ihn habe Priorität, dass die Menschen in den betroffenen Orten mit Trinkwasser versorgt werden könnten.

In diesen Orten kippt langsam die Stimmung, nicht wegen der Frage der Schuld, sondern wegen der Frage der Verantwortung. Menschen, die ihn beruflich kennen, beschreiben Pföhler als einen Mann, der sich stets bewusst gewesen sei, dass er Landrat ist und nicht Ortsvorsteher, und mit ebendiesem Selbstbewusstsein auch in Kreistagssitzungen aufgetreten sei. Dass er sich nun so zurückziehe, sei nicht nur ungewöhnlich, sondern auch unklug, weil die Fragen lauter würden. Und der Ruf nach jemandem, der sie beantwortet.

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