Süddeutsche Zeitung

Profil:Mia Hansen-Løve, Regisseurin mit Vorliebe für Tragikomödien, feiert in Cannes Filmpremiere

Von David Steinitz

Allein die Einladung in den Wettbewerb der Filmfestspiele von Cannes ist für jeden Regisseur schon eine Auszeichnung, selbst wenn man dann nichts gewinnt. Lange Zeit war dieser Wettbewerb vor allem ein Jungsklub. Regiestars wie Quentin Tarantino, Pedro Almodóvar und Lars von Trier zeigten hier ihre Werke. Das hat sich in den vergangenen Jahren zumindest ein bisschen geändert. Und wenn eine Filmemacherin es verdient hat, beim wichtigsten Filmfestival der Welt vertreten zu sein, dann ist das Mia Hansen-Løve.

Der Name klingt skandinavisch; sie hat auch einen dänischen Großvater, ist aber Französin: Hansen-Løve wurde 1981 in Paris geboren. In Cannes feiert am Sonntag ihr Film "Bergman Island" Weltpremiere. Die Tragikomödie erzählt von einem Filmemacherpaar, das den Sommer zu Inspirationszwecken auf der schwedischen Insel Fårö verbringt. Dort lebte und drehte auch der Kinoübervater Ingmar Bergman, und bei diesem Aufenthalt erlebt das Paar beruflich wie privat allerlei Turbulenzen.

Wie es ist, mit einem anderen Filmemacher zusammenzuleben und zusammenzuarbeiten, damit kennt Mia Hansen-Løve sich aus. Sie war lange Zeit mit dem Autorenfilmer Olivier Assayas liiert, selbst ein Dauergast in Cannes. Der 26 Jahre ältere Assayas besetzte sie als Schauspielerin in seinem Drama "Ende August, Anfang September" (1998), als sie kurz vor dem Abitur stand. Einige Jahre später wurden die beiden ein Paar und lebten über anderthalb Jahrzehnte zusammen. Sie haben eine gemeinsame Tochter. Weshalb die Geschichte von "Bergman Island" wohl autobiografische Spurenelemente besitzt, so wie es Hansen-Løves Filme meistens tun. "Was man selbst erlebt hat", sagt die Regisseurin gern in Interviews, "ist der Ausgangspunkt, um in der Freiheit der Fiktion anzukommen".

Hansen-Løve hatte schon als junge Frau nur wenig Lust, allein Schauspielerin zu sein. Sie studierte eine Zeit lang am Conservatoire d'art dramatique in Paris und brach das Studium schließlich ab. Dann schrieb sie Filmkritiken für die legendären Cahiers du Cinéma, bei denen auch Jean-Luc Godard und François Truffaut begannen, bevor sie selbst Filme drehten.

Während viele andere französische Filmemacher bei diesen Kino-Urahnen nur noch die Augen rollen, fühlt sich Hansen-Løve ihnen durchaus verbunden - vor allem der Grundidee der Nouvelle Vague, die Kinokunst immer wieder zu hinterfragen und zu erneuern. Die französische Presse hat im Lauf der vergangenen Jahre ihre Filme etwa mit denen von Éric Rohmer und François Truffaut verglichen.

Geschichten über den Übergang der Jugend zum Erwachsenenleben faszinieren sie

Dafür, dass sie vor ein paar Monaten erst 40 Jahre alt geworden ist, hat Hansen-Løve eine Menge beeindruckender Spielfilme gedreht. Ihren Durchbruch hatte sie 2009 mit dem Drama "Der Vater meiner Kinder", das ebenfalls in Cannes lief, damals noch nicht im Hauptwettbewerb, sondern in einer Nebenreihe.

Ihr vielleicht schönster Film ist "Eine Jugendliebe" von 2011: die Geschichte einer jungen Frau, die nach einer Trennung in eine Lebenskrise stürzt. Hansen-Løve erzählt diesen Liebeskummer so schonungslos und so zärtlich, so komisch und so traurig, als hätte es noch niemand vor ihr getan.

Geschichten über den Übergang der Jugend zum Erwachsenenleben faszinieren sie am meisten. 2014 drehte sie den Film "Eden" über die Pariser Technoszene um die Band Daft Punk in den Neunzigerjahren. Hauptfigur ist ein junger, später nicht mehr ganz so junger DJ, der nicht recht den Absprung schaffen will vom Nachtleben in die nächste Lebensphase.

"Viele Drehbuchseminare", sagt Hansen-Løve, "handeln davon, dass die Hauptfigur eine sinnvolle Entwicklung durchmachen soll, weil man damit den Erwartungen der Kinozuschauer entspricht. Nur: Passt das zur menschlichen Erfahrung? Ich finde es viel spannender, mit jemandem mitzufühlen, der herumirrt."

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