Süddeutsche Zeitung

Afghanistan-Einsatz:Ein deutsches Versagen

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Die Bundeswehr zieht ab und lässt damit viele Afghanen im Stich. Wenn diejenigen, die den Soldaten vor Ort geholfen haben, nun mit nach Deutschland kommen, zeigt das, wie grundsätzlich der Westen gescheitert ist.

Von Tobias Matern

Sie waren die "Augen und Ohren" der Deutschen. Nun ist ihr Leben in Gefahr. Die Afghanen, die für die Bundeswehr Gespräche mit Dorfbewohnern übersetzt, die kulturelle Besonderheiten erklärt und die Truppe vor Gefahren gewarnt haben - sie schauen mit Todesangst auf den Abzug der ausländischen Truppen aus ihrem Land. Schließlich haben die sogenannten Ortskräfte aus Sicht der Taliban mit dem Feind kollaboriert. Sie könnten jetzt auf den Todeslisten der Islamisten landen, auf denen bereits Frauenrechtlerinnen und Aktivsten der Zivilgesellschaft stehen.

Unmittelbar vor dem Abzug aus Afghanistan will Deutschland deutlich mehr dieser Ortskräfte aufnehmen als zunächst angekündigt. Der Schritt, den die Innenminister von Bund und Ländern beschlossen haben, ist mehr als eine Geste, die Anstand und Humanität gebieten. Sie ist auch das politische Eingeständnis, in diesem Krieg an den eigenen Zielen gescheitert zu sein. Nach dem Abzug der westlichen Truppen, der spätestens bis zum 11. September, aber wahrscheinlich schon im Juli, vollzogen sein wird, kehren die Taliban an die Macht zurück. Ob sie in die bestehende Regierung in Kabul eingebunden werden, ist noch unklar. Es ist auch möglich, dass sie warten, bis die Bundeswehr und vor allem die Amerikaner abgezogen sind, um dann den Griff nach der ganzen Macht zu wagen.

Die Taliban hätten längst an der Regierung beteiligt werden müssen

Die westliche Allianz in Afghanistan hat die Islamisten nicht bezwingen können. Auch die Bundesregierung lässt, anders als versprochen, viele Afghaninnen und Afghanen im Stich, weil deren Land sich weiter im Krieg befindet; sie müssen jetzt alleine mit den Taliban zurechtkommen. Der Westen hätte vor dem Abzug dafür sorgen müssen, dass die Taliban an der Regierung beteiligt werden, dass sie eine Garantie abgeben, sich an elementare Grundrechte zu halten. Dazu zählt, Menschen, die andere Meinungen als die Taliban vertreten oder für die militärischen Feinde gearbeitet haben, zu respektieren. Daher ist das Angebot an die Ortskräfte kein großer, sondern ein selbstverständlicher Akt.

Die Innenminister hätten nicht neue Erkenntnisse zur Sicherheitslage Afghanistans vorzuschieben brauchen, um dieses Angebot zu begründen. Die Sicherheitslage ist seit Langem gleichbleibend schlecht. Verantwortlich für die Fehler in den 20 Jahren Afghanistan-Einsatz ist in Deutschland dabei eine ganz große Koalition aus CDU, CSU, SPD, Grünen und FDP, die in wechselnden Konstellationen an den Entscheidungen beteiligt war - indem sie Außen-, Entwicklungs- und Verteidigungsminister gestellt und jeweils die parlamentarische Mehrheit gebildet hat, die Jahr für Jahr die Bundeswehrmission verlängerte.

Die deutschen Fehler müssen aufgearbeitet werden

Der Afghanistan-Einsatz interessiert in Deutschland kaum noch jemanden. Das spielt der Regierung in die Hände, sie braucht sich keine unangenehmen Fragen gefallen zu lassen. Aber 20 Jahre Soldaten in einem fremden Land stationiert und Milliardensummen an Hilfsgeldern in die Hand genommen zu haben - da wäre es angebracht, die deutsche Beteiligung an diesem Krieg kritisch aufzuarbeiten. Wie das geht, hat keiner der großen Verbündeten, sondern Norwegen vorgemacht. Oslo setzte ein hochkarätiges Gremium ein und hat sich ein realistisch-durchwachsenes Zeugnis seines Engagements am Hindukusch ausstellen lassen. Daraus lassen sich Lehren für zukünftige Einsätze ziehen. Das sollte Deutschland auch tun.

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