Süddeutsche Zeitung

Zum Tod des CDU-Politikers:Generation Biedenkopf

Als Politik ein Männerklub war: Rückblick auf eine Zeit und einen Zirkus, der manchmal sogar moderner war als der heutige.

Kommentar von Nils Minkmar

In den historischen Bildern, die die Berichte über den Tod von Kurt Biedenkopf begleiten, kann man sich meditierend verlieren. Man schaut sich die alten Fotos anders an, staunend (das hat mit der Pandemie zu tun) - es fällt nämlich auf, wie gedrängelt es in der Spitzenpolitik früherer Tage zuging, wie die Männer zusammenrücken müssen, um auf ein Bild zu passen, wie sie ihr Leben unterwegs, in Hallen, Kirchen und Hörsälen zu verbringen scheinen, in einer unendlichen Kette von Meetings, Feierstunden, Kongressen, Parteitagen und, wenn sonst nichts ist, Tagungen und Preisverleihungen. Mit heutigem Sinn würde man fragen, ob diese jahrelange, hektische Arbeit den Männern von damals dabei half, vor ihren Traumata der bewusst erlebten, späten Kriegsmonate im Dienstwagen davonzufahren. Schon seinerzeit bot Politik die Möglichkeit, sich um andere zu kümmern, um sich nicht um sich selbst kümmern zu müssen.

Heute sehen wir auf den Bildern vielleicht Exemplare ein und desselben Typus, des alten weißen Mannes - aber im Blick der Zeitgenossen waren da die unterschiedlichsten Typen und Charaktere vereint. Diversität war damals, wenn ein nord- und ein süddeutscher, ein katholischer und ein protestantischer Mann zusammen oder gegeneinander standen. Politik war ein Männerklub, aber im Sinne des David-Fincher-Films "Fight Club": Alle Mittel waren erlaubt, den anderen fertigzumachen. Und alle sahen zu, denn im späten Kalten Krieg - vor der Globalisierung, vor der digitalen Dauerbeschäftigung - war Politik alles.

Politik war zu jener Zeit ein Volkssport ...

Wenn Biedenkopf, Kohl oder ihre Kontrahenten Johannes Rau und Helmut Schmidt irgendwo sprachen, war der Marktplatz voll. Damals war Politik ein Volkssport, die Protagonisten waren jedem Kind bekannte Prominente und ihre Aufgabe atemraubend: Deutschland nicht nur wieder aufzubauen, sondern die alten Nazis ebenso zu unterdrücken wie die Stasi-Hasis, die von Ostberlin aus immer wieder ihren Einfluss geltend zu machen suchten. Damit stand diese Truppe von christ- oder sozialdemokratischen Profipolitikern, die den Krieg als Jugendliche kennen gelernt hatten, ohne lange Vorbereitung am Beginn einer erstaunlich geglückten politischen Phase, die in der Wiedervereinigung und der europäischen Integration ihren Abschluss fand.

Ein Weg in die Politik und ein Instrument, darin zu reüssieren, war die Wissenschaft. Kurt Biedenkopf war Volljurist, promoviert und habilitiert, aber auch der akademisch weniger ausgewiesene Helmut Kohl gab sich, bevor er Kanzler wurde, als nachdenklicher Intellektueller in Rollkragenpullover. Die SPD hatte Peter Glotz.

... und Querdenker ein ehrenvoller Titel

Eine Gesellschaft nicht nur zu gestalten, nicht nur machtpolitisch zu führen, sondern sie zunächst einmal zu verstehen - solch ein analytischer Ansatz war in der Union durchaus vorhanden, und Biedenkopf war das Symbol dafür. Er dachte über das notwendige Ende der parteienübergreifenden, sektengleichen Wachstumsverehrung nach. Heiner Geißler, auch er ein passionierter Denker, wandelte auf den Spuren der Globalisierungskritiker von Attac, die für eine globale Besteuerung von Finanztransaktionen warben. So formulierten diese Unionspolitiker eine alternative Idee von Politik, als Querdenker noch ein ehrenvoller Titel war. Nicht immer, nicht mehrheitlich, nicht realpolitisch, aber in gewissen Situationen und mit bestimmten Leuten war der von der Wissenschaft inspirierte Bonner Politzirkus moderner als der gegenwärtige, der von den und für die Medien lebt.

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