Süddeutsche Zeitung

Kampf gegen Antisemitismus:Gradmesser für den Zustand der Demokratie

Der Schrecken der Shoah prägt die jüdische Identität in Deutschland bis heute. Und doch gibt es eine Chance, dass auch Juden sich in Deutschland heimisch fühlen können.

Kommentar von Joachim Käppner

Der große israelische Schriftsteller Yehuda Amichai hat die Geschichte seiner Familie in wenigen Versen beschrieben: "Mein Onkel ist in Sheikh Bader in Jerusalem begraben. / Mein anderer Onkel, der im Ersten Weltkrieg fiel / Ist in den Bergen der Karpaten verstreut. / Mein Vater in Synhedria, in Jerusalem / Meine Großmutter auf dem Ölberg. / Und die Eltern all dieser liegen / Begraben in halbzerstörten jüdischen Friedhöfen / In Unterfranken zwischen Wäldern / Und Bächen, die nicht Jerusalem sind."

Die "Eltern all dieser" haben viele Jahrhunderte lang in Deutschland gelebt, in besseren Zeiten als Zugehörige, Freunde und Nachbarn, in den vielen schlechteren als Ausgegrenzte, Verstoßene und am Ende als Opfer des schlimmsten Genozids der Geschichte, der Shoah. Die Schrecken der Verfolgung durch Kreuzfahrer, Inquisitoren, die Nazis prägen die jüdische Identität bis heute und mit ihr die deutsche Erinnerungskultur. Und diese wird und muss immer so bedeutend bleiben, zur Abwehr neuer, inhumaner Versuchungen, an denen unsere Zeit, wie der Rechtspopulismus belegt, leider nicht arm ist.

Gradmesser für den Zustand der deutschen Demokratie

Weniger präsent ist aber die erste Geschichte, jene der Juden als fester Bestandteil und Bereicherung des Landes. Es ist eine gute Nachricht, dass das Festjahr "1700 Jahre Juden in Deutschland" vor allem diese positive Seite in Erinnerung rufen soll, von der ersten Gemeinde in Köln unter Roms Kaiser Konstantin über den Aufklärer Moses Mendelssohn und den Salon der Schriftstellerin Rahel Varnhagen, über Leo Baeck und Hannah Arendt und so viele andere bis heute. Sie alle haben, so sagte nun zu Recht Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier in seiner Festrede, "entscheidend zum Aufbruch Deutschlands in die Moderne beigetragen".

Und welches Geschenk, welcher Vertrauensbeweis das zweifache Wiedererwachen jüdischen Lebens in Deutschland nach dem Zivilisationsbruch von Auschwitz doch ist. Zuerst war dies so nach 1945, als man dachte, dieses Land könne für Juden nie mehr Heimat sein, und die wenigen Überlebenden doch wieder Gemeinden gründeten. Zum zweiten Mal ab 1990, als diese Gemeinden, klein und überaltert, durch den von der letzten DDR-Volkskammer ermöglichten Zuzug jüdischer Menschen aus Osteuropa wieder wuchsen und aufblühten. Ob Juden sich hier zu Hause fühlen oder nicht, ist auch ein Gradmesser für den Zustand der deutschen Demokratie.

Es gibt ein gemeinsames Erbe an Gutem

Wie die meisten seiner Vorgänger würde auch Josef Schuster, der Vorsitzende des Zentralrates der Juden in Deutschland, gerne viel öfter über das gemeinsame Erbe an Gutem sprechen. Zu selten gibt es Gelegenheit dazu, zu oft muss es um den Kampf gegen alten und neuen Hass auf Juden gehen. Am tiefsten wurzelt dieser Antisemitismus von jeher rechts außen. Weit unterhalb solch offener Feindschaft kann aber auch Ignoranz für viele Juden im Land ein bedrückendes Erlebnis sein.

So wird es, zum Beispiel, in Teilen der akademischen Linken zur schlechten Gewohnheit, am liebsten wegzuhören, wenn Debattenbeiträge jüdischer Vertreter - etwa zur Frage eines Israel-Boykottes - nicht zu den eigenen Deutungsgewohnheiten passen wollen. Bleibt die Hoffnung, dass das Festjahr die Bande zwischen den jüdischen Deutschen und ihrem Land stärkt - und wieder zu einer Selbstverständlichkeit macht, was selbstverständlich sein sollte. Es gibt, wie Steinmeier sagte, in der gemeinsamen Geschichte "so viel zu entdecken und wiederzuentdecken" - in einem Land, das nicht Jerusalem und doch Heimat ist, hoffentlich.

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