Süddeutsche Zeitung

#verafake:Böhmermann ist zurück und zerlegt "Schwiegertochter gesucht"

Der TV-Satiriker schmuggelt einen falschen Kandidaten in das Reality-Format von RTL ein. Ein Coup, der die ermüdende Debatte um das Erdoğan-Gedicht erst einmal verdrängt.

TV-Kritik von Julian Dörr

Eines vorweg für all die ungeduldigen Böhmermann-News-Junkies da draußen, die nach der Rückkehr des Neo Magazin Royale aus der selbstverordneten Sendepause nur eine Frage beschäftigt: Hat er? Nein, er hat nicht. Keine tanzenden Ziegen auf dem shiny floor, kein Merkel-Bashing, kein lyrischer Nachtritt in Richtung des türkischen Präsidenten.

Jene Staatsaffäre, die Stammtischdiskussionen und Redaktionsrunden im ganzen Land vor ein paar Wochen beinahe zur Überhitzung brachte, schwebte über dem TV-Comeback von Jan Böhmermann. Und was macht der Satiriker? Das, was er am besten kann: Satire.

War was? So heißt die 45. Ausgabe von Böhmermanns Late-Night-Show. Und alles ist - im besten Sinne des Wortes - wie immer. Es ist ja auch trotz vierwöchiger Pause nicht wirklich Ruhe eingekehrt in die Debatte um das beleidigende Gedicht. Die Verfahren gegen den TV-Moderator laufen, Erdoğan versucht juristisch gegen Springer-Chef und Böhmermann-Unterstützer Mathias Döpfner vorzugehen und der CDU-Politiker Detlef Seif verliest im Bundestag die Schmähkritik - in voller Länge.

Alles fast wie immer

Die Stimmung mag ein wenig abgekühlt sein, aber das Empörungspotenzial ist immer noch hoch. Genau wie der Redebedarf. Weshalb Gregor Gysi, erster Gast im Neo Magazin Royale nach der Erdoğan-Affäre, diese Angelegenheit natürlich gleich kommentieren muss: "Das Gedicht, das Sie vorgelesen haben, fand ich nicht schön, weil es Vorurteile bedient."

Der ehemalige Fraktionschef der Linken im Bundestag ignoriert beharrlich grinsend alle Versuche des Moderators, das Thema irgendwie abzuwürgen. Gysi ist bekanntermaßen kein redescheuer Mensch, er fürchtet weder Late-Night-Talk noch Sparte. Vor einigen Jahren saß er in einem anderen Format von ZDF Neo - und quasselte Benjamin von Stuckrad-Barre, den Quasselkasper schlechthin, aus dem Konzept. Was ihm auch bei Böhmermann gelingt.

Während der Politiker vor johlendem Publikum über Kunstfreiheit und die Sinnlosigkeit des Paragrafen 103 doziert, hält Böhmermann sich erst die Ohren zu und spielt dann so lange an seinem Laptop rum, bis Rechtsanwalt Gysi seinen Monolog mit versöhnlichen Worten beendet: "Intern würde ich Ihnen meine Meinung geigen, nach außen aber, wenn ich Ihr Anwalt wäre, würde ich den Freispruch fordern."

Abgesehen von Gysis juristischem Resümee der Causa Erdoğan ist im Neo Magazin Royale aber beinahe alles so, als habe es die Schmähkritik nie gegeben. Und das ist gut so. Böhmermann ist zurück, das Hemd etwas strammer über dem Bauch, der Bart ein bisschen flauschiger. Die Stand-up-Comedy zu Beginn genauso holprig wie immer. Diesmal ist das nicht einmal die Schuld des Satirikers. Die Witze hat er sich nämlich von seinen Zuschauern schreiben lassen. Eigene Gags seien für ihn zu gefährlich, "ich möchte keinen Ärger mehr". 10 000 Einsendungen sollen es gewesen sein, 103 Euro gab es für die ausgewählten Gewinner, ein Edathy-Klassiker ist dabei und ein kleines, harmloses Erdoğan-Witzchen.

#Verafake - Böhmermanns neuer Coup

Doch diese Art der Comedy war nie Böhmermanns Stärke. Der Satiriker war immer dann am besten, wenn er den großen Aufklärer spielen durfte. Wenn er mit journalistischem Eifer die Verwicklung von Adidas in die problematische Sommermärchen-Vergabe anprangerte oder mit dem gefälschten Varoufakis-Fake die Redaktion von Günther Jauch bloßstellte. Dieser Böhmermann ist jetzt zurück - seine neuesten Opfer: die Moderatorin Vera Int-Veen, RTL und die menschliche Vorführhölle von Schwiegertochter gesucht.

Es beginnt mit den Kandidaten-Videos aus der aktuellen Jubiläumsstaffel des angeblichen Reality-Formats. Da ist Waldemar, der romantische Russe, Thomas, der humorvolle Hobby-DJ. Und Robin, 21, der Eisenbahnfreund und Schildkrötensammler. Einfache, einsame Männer, die offensichtlich nicht begreifen, dass sie gerade zur Befriedigung der niederen Unterhaltungsbedürfnisse von Fernsehdeutschland durch die TV-Manege gezogen werden.

Schnell ist klar, worauf das hinausläuft: eine neue Auflage der Neo-Magazin Fernsehnothilfe.

"Kann es sein, dass irgendwer einen gefälschten Kandidaten bei Schwiegertochter gesucht eingeschmuggelt hat?", fragt Böhmermann und das Publikum pfeift begeistert. "Um aufzudecken, was Vera und RTL seit zehn Jahren für eine Scheiße mit Menschen abziehen, die sich nicht wehren können?"

Enttarnte Vorführhölle "Schwiegertochter gesucht"

Es ist ein grandioser Coup, der Böhmermann und seiner Redaktion da gelungen ist. Denn Robin und sein Vater René sind Schauspieler, vom Neo Magazin Royale angeheuert und in die Sendung geschleust. Eine ganze Wohnung haben Böhmermann und sein Team hergerichtet und mit versteckten Kameras ausgestattet, um RTL vorzuführen.

Missstände in Deutschland und der Welt aufklären, dafür habe der Sender das Team Wallraff. Böhmermann hat das Team Royaleraff. Und das deckt auf, wie die Macher von Schwiegertochter gesucht mit ihren Kandidaten umgehen: lächerliche 150 Euro Aufwandsentschädigung für bis zu 30 Drehtage, keine Ausweiskontrolle und Tricksereien im persönlichen Fragebogen. Da verwandeln sich acht Bier am Tag in ein "Nein" beim täglichen Alkoholkonsum.

"Ihr habt Robin und René noch dümmer gemacht, als wir sie uns ausgedacht haben", resümiert Böhmermann am Ende. Der Aufklärer hat wieder zugeschlagen. Und all die ermüdenden Diskussionen um das Erdoğan-Gedicht und seine juristischen und politischen Konsequenzen sind vergessen.

In einem Interview hat Böhmermann vor der Sendung seine Aufgabe erklärt. Er sei wie ein Spezialeinsatzkommando, "ich trete die Tür ein und die Leute müssen selbst schauen, was dahinter ist". Böhmermann ist zurück. Er wird noch viele Türen in diesem Land eintreten.

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