Süddeutsche Zeitung

"Tatort Wien":Der zersägte Zuhälter

Ein Bordellbesitzer zwingt Flüchtlinge zur Prostitution und seine Hände werden mit einem elektrischen Messer abgesäbelt. Ein etwas klebriger "Tatort" aus Wien.

Die baden-württembergische Landeshauptstadt hat sich im Tatort der vergangenen Woche als Bundeshauptstadt der digitalen Revolution präsentiert. Das Böse war hier aus Nullen und Einsen programmiert, weshalb es beinahe bodenständig wirkt, wenn zu Beginn der Episode aus Wien einem Zuhälter die Hände mit einem Elektromesser abgesäbelt werden. Während in Stuttgart das Cyber-crime zu Hause ist, lebt in Wien noch immer der äußerst reale Schwerkriminelle.

Den Tatort aus Österreich hat in den vergangenen Jahren eine Vorliebe für das organisierte Verbrechen ausgezeichnet, großartig daran war, mit wie viel warmem Humor die Kommissare Moritz Eisner und Bibi Fellner sich durch dieses arg trostlose Wien bewegten.

In den guten Momenten funktioniert das auch wieder in "Die Kunst des Krieges", in den weniger guten ist nicht zu übersehen, dass auch wunderbare Dinge im Laufe der Jahre seltsam klebrig werden können. Eisners Grant auf das Leben und Bibis Helfersyndrom für alle an der Donau gestrandeten Seelen wirken immer öfter wie ein Zitat aus aufregenderen Zeiten.

Inhaltlich ist dieser Tatort dafür sehr aktuell, der zersägte Zuhälter zwang Flüchtlinge zur Prostitution. Für Zuschauer mit einer gewissen Skepsis gegenüber freizügiger Einwanderungspolitik referiert die seltsam steife Kollegin vom Landeskriminalamt mit großer Detailfreude die kriminellen Geschäftsfelder von Ausländern in Wien: "Es gibt viele kleinere Gruppen, Afghanen, Albaner, Türken, die mächtigsten sind die Russen. Sie stecken hinter Einbrüchen, Drogenhandel, Kunstdiebstahl, Prostitution. Seit Neuestem verdienen sie mit Menschenhandel sehr viel Geld. Angeblich bald mehr als mit den Drogen."

Eisner: "Die Russen?"

Dame vom LKA: "Also die Menschenschmuggler sind eher die Türken und ein bissl die Albaner.

Nebenfiguren, die überzeichnet wirken

Überhaupt gibt es in dieser Episode einige Nebenfiguren zu bewundern, die überzeichneter wirken, als es die Macher (Buch und Regie: Thomas Roth) möglicherweise vorhatten. Der österreichische Milieu-Grande beschäftigt etwa eine asiatische Nahkämpferin, die mit schwarzer Rockerkluft und Kill-Bill-Moves wohl ein wenig Hollywood nach Wien bringen soll. Obwohl doch jeder weiß: Hollywood ist derzeit im Hamburger Tatort zu Hause.

ARD, Sonntag, 20.15 Uhr.

Bestens informiert mit SZ Plus – 14 Tage kostenlos zur Probe lesen. Jetzt bestellen unter: www.sz.de/szplus-testen

URL:
www.sz.de/1.3145704
Copyright:
Süddeutsche Zeitung Digitale Medien GmbH / Süddeutsche Zeitung GmbH
Quelle:
SZ vom 03.09.2016/jobr
Jegliche Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exklusiv über Süddeutsche Zeitung Content. Bitte senden Sie Ihre Nutzungsanfrage an syndication@sueddeutsche.de.