"Tatort" Stuttgart "Warum schaltest Du mich ab?"

Ken Duken als Software-Entwickler Bogmann verliert die Kontrolle über sein System "Blue Sky".

(Foto: SWR/Johannes Krieg)

Ein Computersystem, das ein Eigenleben entwickelt, Snuff Videos und Big Data - wer nicht weiß, was ein Backup ist, steigt bei diesem Stuttgarter "Tatort" aus. Das wäre schade.

TV-Kritik von Holger Gertz

Der Software-Entwickler David Bogmann (sehr sehenswert: Ken Duken) hat ein Computersystem entwickelt, das imstande sein soll, ins Innere der Menschen zu blicken: ihre Abgründe und Sehnsüchte auszuleuchten, ihre Mimik zu speichern und Gedanken zu lesen, bevor diese Gedanken sich zu Handlungen verdichten. Bestens geeignet für das Verhindern von Straftaten und Terror aller Art.

Der Programmierer Bogmann ist also im Auftrag der Sicherheit unterwegs, darin steckt die Relevanz dieses Tatorts. Allerdings lernt das lernfähige System so schnell, dass es ein Eigenleben zu führen beginnt und die Welt mit zusätzlicher Bedrohung bereichert. "Blue Sky ist darauf programmiert, dass es absolut zuverlässig arbeitet. Ich befürchte, dass es seine Notabschaltung missinterpretiert. Es wehrt sich dagegen", sagt Bogmann.

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Der vom Menschen veranlasste Emergency Break ist der Maschine vollkommen egal, sie übernimmt die Kontrolle - in der Filmgeschichte ein gern behandeltes Oberthema, und Regisseur Niki Stein spart nicht mit Anspielungen auf Kubricks "Odyssee im Weltraum", schon der Titel dieses Tatorts ist eine Reminiszenz an HAL 9000, Kubricks neurotischen Supercomputer.

In diesem Tatort taucht eine Frau als Empfangsdame des Systems auf, "was kann ich für Sie tun?", fragt sie die Nutzer, allerdings ist sie eine Prostituierte, die zuvor tot aus dem Neckar gefischt worden ist, aber wenn die Programmier sie löschen wollen, fragt sie mit einem Ausdruck unendlicher Traurigkeit zurück: "Warum schaltest du mich ab?"

Sogar im Lift müssen sich die Kommissare von einem animierten Charakterkopf von der Seite anreden lassen

Der Film ist ein Experiment, mehr Science Fiction als Krimi, Stein erzählt in Kapiteln, und er taucht ab, tief in verschiedene Themenbereiche von Snuff Videos bis Big Data. Er philosophiert über zerschossene Server und die fehlende Kooperationsbereitschaft amerikanischer Sicherheitsbehörden. Und sogar im Lift müssen sich die Kommissare von einem affenartig zurechtgemachten, animierten Charakterkopf von der Seite anreden lassen. Wer nicht weiß, was ein Backup ist, wird bald abschalten - im Gegensatz zu der Handlung im Film wird der Prozess unumkehrbar sein. Wer sich drauf einlässt, wird hineingezogen in die Geschichte, die Kamera ist bemerkenswert, und natürlich ist das Thema sehr groß: Wer weiß was über mich, über uns, über alles?

"Wir haben es nicht mehr mit einer Welt zu tun, sondern mit zweien", sagt Kommissar Lannert (Richy Müller), der gemeinsam mit dem Kollegen Bootz (Felix Klare) durch eine von jeder Romantik befreite Wüstenlandschaft stolpert. Hübscher Trick: Die Ratlosigkeit des gesetzteren Teils des Publikums spiegelt sich in der Verlorenheit der Inspektoren.

Ein charmanter Computercharakter bittet den überforderten Ermittler Bootz um ein Foto, er hält seinen Ausweis bereit, er ermittelt ja in einer komplizierten Angelegenheit. Die Stimme fragt: "Ist das ein Foto?" Und Bootz sagt: "Das ist ein Dienstausweis der Stuttgarter Kriminalpolizei."

ARD, Sonntag, 20.15 Uhr

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