Süddeutsche Zeitung

Til Schweiger im Tatort aus Hamburg:Zu perfektioniert, um gut zu sein

Der neue Tatort aus Hamburg hatte eine Rekord-Einschaltquote - und er ist gar nicht schlecht. Nur Til Schweiger nervt halt. Die Rolle des Nick Tschiller wurde ihm so bemüht auf den Leib geschrieben, dass noch der unaufmerksamste Zuschauer mitkriegt: Dieser Kommissar ist ein ganzer Kerl, ein echter Held. Das ist leider zu viel. Eine Stilkritik.

Von Ruth Schneeberger

Das erste Wort, das Til Schweiger alias Kommissar Nick Tschiller im neuen Tatort aus Hamburg sagt, ist "Fuck". Schon im nächsten Moment ist er umringt von schönen jungen Frauen, die er alle zu beschützen hat. Ein paar Sekunden darauf macht sein Kollege dem Zuschauer schon klar, dass dieser Nick ein einsamer Wolf ist, der gerne auf eigene Faust und vor allem auf eigene Gefahr agiert. Wenige Minuten später hat Schweiger alias Tschiller drei Menschen erschossen, die sehr gefährlich und sehr, sehr böse waren und auch so aussahen.

Damit noch lange nicht genug der Heldentaten eines Unerschrockenen: In den folgenden 85 Minuten setzt der neue Kommissar in Hamburg eigenmächtig alles daran, den "Kiezfrieden" zu stören, seinen zur falschen Seite übergelaufenen ehemaligen Partner dranzukriegen, einen Mädchenhändlerring zu zerschlagen und vor allem eine blutjunge Prostituierte aus ihrer Abhängigkeit zu befreien - am Ende rettet er sogar eine Jungfrau. Und dann nennt ihn wörtlich einer den "weißen Ritter". Auch wenn das in dem Moment abfällig gemeint ist - es ist genau die Rolle, die Til Schweiger in diesem Tatort spielt.

Der Actionheld unter den Tatort-Kommissaren

Das reicht nur leider noch immer nicht, um auch dem allerletzten Zuschauer einzuimpfen, mit wem wir es hier zu tun haben: Til Schweiger spielt den absoluten Actionhelden unter den Tatort-Kommissaren - zwischendurch holt er seinen ausgerissenen weiblichen Zögling zu Fuß aus einem fahrenden Auto, setzt dabei zwei Kontrahenten mit denselben Füßen schachmatt und findet dann natürlich noch genügend Zeit, das junge Mädchen in letzter Sekunde vor einem herannahenden Lkw zu retten.

Aber Til Schweiger wäre nicht Til Schweiger, wenn ihm das reichen würde. Also mimt er auch noch den unerreichbaren Frauenhelden. Keine Krankenschwester, Prostituierte oder Frau seines Kollegen, die ihn nicht anschmachten würde, sobald er den Raum betritt. Sogar die Staatsanwältin (gespielt von Edita Malovcic, als einzige nicht blond, aber natürlich trotzdem sehr attraktiv) führt wenig anderes im Schilde, als ihm auf den Hintern zu schauen und ihn zum Essen einzuladen.

Nur seine direkte Kollegin (gespielt von Britta Hammelstein) ist im absichtlichen Hässlichen-Entlein-Look gestylt (strähniges Haar, Kastenbrille) - alle anderen Schauspielerinnen in seinem Umfeld sind wunderschön. Womöglich ist an dieser Stelle Drehbuchschreiber Christoph Darnstädt aufgefallen, dass es zu viel des Guten wäre, wenn der Held gleich auch noch mit seiner Kollegin anbandeln würde. Das ist fast schade, denn dann hätte es wenigstens gleich ironisch werden können, im alten James-Bond-Stil. Der hat sich zwar auch nie wirklich mit Miss Moneypenny eingelassen - aber dafür mit allen anderen.

Auch im Privatleben ist Tschiller ein Held

Nick Tschiller tut das nicht. Er ist ein guter Kerl. Denn, das fehlt jetzt noch zum perfekten Schweiger-Glück, dieser Kommissar ist auch im Privatleben ein ganz toller Hecht. Er ist extra nach Hamburg gezogen, um sich um seine 15-jährige Tochter alleinverantwortlich zu kümmern. Damit seine selbstredend bildhübsche Ex-Frau (gespielt von der puppenhaften Stefanie Stappenbeck mit diesmal besonders wallendem Haar), die "jetzt auch mal dran ist", einen "Top-Job" annehmen kann, macht er dem schlechtgelaunten Töchterlein, die natürlich Schweigers echte Tochter Luna sein muss, jeden Morgen Frühstück. Und was macht der Teenager? Meckert die ganze Zeit. Mit dem immer selben Gesichtsausdruck. Der Apfel fällt auch hier nicht weit vom Stamm. Und was macht der vorbildhafte Vater daraufhin? Kauft eine Eieruhr. Und baut damit eine Bombenattrappe, mit der er seinen ärgsten Feind erniedrigt - und einen fiesen Mord sühnt. Und das alles legal.

Er kann sogar Gedanken lesen

Nebenbei findet er selbstredend noch die Zeit, das Töchterchen bei Liebeskummer zu trösten und ihr vorzusingen, der Prostituierten auf Wunsch Schokohörnchen zum Frühstück zu servieren und seinen verletzten Kollegen aus dem Krankenhaus assistieren zu lassen. Worte braucht er zu alledem herzlich wenig - und die, die er findet, die sitzen. Und sind immer genau die richtigen. Wie dieser ehemalige SEK-Beamte überhaupt immer zu jeder Gelegenheit den Überblick behält. Und manchmal sogar Gedanken lesen kann. Als er zum Beispiel seine ehemalige Geliebte (Marvie Hörbiger, schön wie nie) aus der Gefahrenzone nach Paris ausfliegen lassen will.

Wie kommt es, dass die ARD-Krimi-Serie Tatort, ansonsten eher bemüht um möglichst realistische Darstellungsformen, glaubhafte Figurenzeichnung, Kommissare mit Ecken und Kanten, die "nahe bei den Menschen" sein sollen, was ihr bisweilen als überkorrekt und allzu pädagogisch ausgelegt wird, nun ausgerechnet eine solch übertriebene Heldenzeichnung und die auch noch mit Til Schweiger dreht? Man könnte meinen: Es gibt nun schon so viele und so unterschiedliche Tatort-Schauplätze und unterschiedlichste Ermittlerteams, beinahe alles ist auserzählt - da hat halt so was noch gefehlt. Und sei es noch so blöd.

Von dem großen Schweiger mal abgesehen, ist dieser Tatort auch gar nicht schlecht gemacht. Actionfans dürften entzückt sein, Spannung ist durchaus geboten, dazu pittoreske bis düstere Bilder aus dem so hübschen wie unschönen Hamburg, ansonsten prima Schauspieler - alles dran. Sein junger Kollege Yalcin Gümer (gespielt von Fahri Ogün Yardım) ist sogar richtig witzig und sorgt für viele auflockernde Szenen, die den bierernsten und rauen Tschiller-Ton konterkarieren. Nur Schweiger nervt halt. Und die Tatsache, dass alles um ihn herum so drapiert werden muss, dass er noch mehr glänzen kann. Am Ende sagt er wieder "Fuck", der Fall ist gelöst - und die kleinen blutigen Schrammen im Gesicht sollen noch mal verdeutlichen, was für ein harter Kerl hier bei der Arbeit ist: Mit vollem körperlichen Einsatz Tag und Nacht für die Gerechtigkeit unterwegs.

Selbst die Schwächen sind eigentlich Stärken

Zum Schluss lernt er sogar kochen, für seine beiden Schutzbefohlenen, das gefallene und das behütete Mädchen. Erst Hühnersuppe, und dann klappt es sogar noch mit dem weichen Ei. Was für eine Schlussszene. Es geht hier um wenig anderes als die Zeichnung eines perfekten Helden. So perfekt sogar, dass sie seine Schwächen nicht vergisst, um ihn noch sympathischer zu machen. Komisch nur, dass Til Schweiger immer noch unsympathisch bleibt, selbst wenn er als Retter der Entrechteten hollywoodmäßig aus einem Garagentor schreitet, in seinem Rücken die befreiten Opfer. Muss wohl daran liegen, dass er alles versucht, um gemocht zu werden, Himmel und Hölle, Gut und Böse werden dafür in Bewegung gesetzt. Es wäre angenehmer, wenn es im nächsten Tatort aus Hamburg weniger um das Ego des Hauptdarstellers ginge als um den Film.

"Nach meinem Empfinden kann man die Ernsthaftigkeit in Zukunft noch weiter vorantreiben", sagt Drehbuchautor Christoph Darnstädt, angesprochen auf Inhalt und Tiefe des Stückes und darauf, dass ein Tatort mit Til Schweiger vor allem dazu da sein soll, Spaß zu machen. Und er sagt auch: "So einem Polizisten wie Nick Tschiller will ich in Wirlichkeit nicht begegnen."

Der Zuschauer im TV wohl schon: 12,57 Millionen haben am Sonntagabend neugierig eingeschaltet, es ist der erfolgreichste Tatort seit zwei Jahrzehnten.

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