Süddeutsche Zeitung

Rechtslastige Medien in den USA:Rechte US-Medien verlieren Anhänger

Websites und Sender wie Breitbart und Fox haben in den USA zunächst von Donald Trump profitiert. Inzwischen hat sich ihre Reichweite zum Teil halbiert. Warum?

Von Jürgen Schmieder

Es gibt auf der Webseite des Nachrichtensenders Fox News ein Kleinod des amerikanischen Agenda-Journalismus. Der Text mit dem Titel "Trumping your life" ist Teil einer Serie des Psychologen Keith Ablow und handelt davon, wie jeder Mensch sein Leben signifikant verbessern könne, wenn er doch nur ein kleines bisschen so wäre wie US-Präsident Donald Trump.

Schritt drei etwa lautet: "Gestatte es dir, aufrichtig wütend zu sein, wenn dich die Leute für einen Schwächling, Narren oder Betrüger halten." Der Artikel erschien am vergangenen Wochenende, als der Präsident mal wieder aufrichtig wütend war darüber, dass ihn die Leute angesichts seines Verhaltens auf der ersten Auslandsreise für einen Schwächling, Narren oder Betrüger hielten.

Wut, Ärger und bisweilen auch offener Hass gehören zur Agenda des Senders und auch zur rechtspopulistischen Nachrichtenseite Breitbart. Dort sieht man sich als Teil einer Rebellion gegen das böse Establishment, als Sprachrohr der Vergessenen und Frustrierten, als Helfer der Bewegung, diesen Sumpf in Washington endlich auszutrocknen.

"Wir haben eine riesige und tief mit uns verwurzelte Leserschaft versammelt", sagte Breitbart-Chef Larry Solov nach der Wahl im November: "Die wird uns auch dann treu bleiben, wenn bei anderen das Interesse nachlassen wird."

Tatsächlich sieht die Lage derzeit etwas anders aus. Die lange von Trump-Berater Stephen Bannon geführte Seite Breitbart hat dem Institut Comscore zufolge zuletzt massiv an Nutzern verloren, die Zahl fiel von knapp 23 Millionen (November 2016) im April auf 10,7 Millionen. Und der Sender Fox News wird in der wöchentlichen Einschaltquoten-Rangliste des Marktforschungsinstituts Nielsen aktuell hinter den Konkurrenten MSNBC und CNN geführt. Zum ersten Mal seit 17 Jahren.

Der Tag, an dem der Präsident seinen FBI-Chef entließ, bedeutete eine Quotenzäsur

Es gibt verschiedene Ansätze, diese Entwicklung zu erklären. Zum einen sind die Rebellen nun Teil des Systems. Sie können nicht mehr wütend gegen den ihrer Meinung nach inkompetenten Präsidenten Barack Obama hetzen, sie müssen den ihrer Meinung nach großartigen Präsidenten Donald Trump verteidigen.

Das tun sie freilich unermüdlich: Als Trump etwa in Brüssel den montenegrinischen Premierminister Duško Marković zur Seite schob, da war auf Breitbart zu lesen: "Die liberalen Beobachter waren mal wieder fassungslos, die Konservativen dagegen applaudierten Trumps America-first-Geste." Fox News wies darauf hin, dass selbst Marković den Vorfall als "harmlose Situation" bezeichnet habe.

Das Gegenteil von Wut ist nicht Liebe, heißt es, das Gegenteil von Wut ist Resignation - und der Moment, in dem zahlreiche Leser und Zuschauer ganz offensichtlich resigniert haben, war die Entlassung von FBI-Direktor James Comey am 9. Mai.

Fox News lavierte einen Nachmittag herum und versuchte dann irgendwie zu vermitteln, warum dieser Typ, den sie monatelang wegen seiner Enthüllungen im E-Mail-Skandal um Hillary Clinton als standhaften Kerl und unfreiwilligen Wahlhelfer Trumps gefeiert hatten, plötzlich als Buhmann herhalten muss.

Zahlreiche interne Skandale

Das Wort "Russland" (und damit die FBI-Ermittlungen zu den möglichen Beziehungen zwischen Trumps Wahlkampfteam und Russland) wurde sieben Stunden lang nicht erwähnt, stattdessen drehte Moderator Sean Hannity die Geschichte darauf, wie Clinton nun vielleicht doch noch ins Gefängnis kommen könnte.

Das fanden dann wohl doch auch gemäßigt konservative Zuschauer absurd, seit diesem Tag jedenfalls sind die Einschaltquoten erheblich gesunken. Die Nutzerzahlen von Breitbart und anderen rechtspopulistischen Webseiten wie National Review Online, Infowars und Drudge Report sind ebenfalls um dieses Datum herum - eine Woche nach der 100-Tage-Marke von Trumps Präsidentschaft - deutlich zurückgegangen.

Es wäre jedoch zu einfach, die Krise ausschließlich auf die Rolle als Trump-Verteidiger zurückzuführen, schuld sind auch zahlreiche interne Skandale.

Die Star-Moderatoren von Fox News, Bill O'Reilly und Sean Hannity, waren im Wahlkampf zwei Putzerfischchen, die den Kandidaten Donald Trump von Plankton befreiten und Dreck auf andere Fische warfen. Seinen wertvollen Diensten entsprechend bekam Hannity von Trump die Prädikate "toller Journalist" und "großartiger Mann", O'Reilly erhielt ein Interview direkt vor dem Football-Endspiel Super Bowl.

Die eine Galionsfigur O'Reilly musste den Sender im April verlassen, weil Belästigungsvorwürfe gegen ihn dafür gesorgt hatten, dass zahlreiche Firmen ihre Werbebuchungen zurückzogen.

"Breitbart"-Galionsfigur verharmloste Pädophilie

Nun gerät auch Hannity unter Druck. In seiner Sendung hatte er wiederholt die Vermutung geäußert, dass Seth Rich, ein Mitarbeiter der Demokratischen Partei, im vergangenen Sommer ermordet worden sein könnte, weil er Interna an das Enthüllungsportal Wikileaks weitergegeben haben könnte - eine hanebüchene Verschwörungstheorie; Hannity wurde vergangene Woche erst einmal in Urlaub geschickt.

"Liberaler Faschismus", schrieb Hannity bei Twitter und beschwerte sich über eine vermeintliche Kampagne gegen konservative Moderatoren. Das freilich ist so, als würde ein Inquisitor die Hexenjagd anprangern, nur weil es plötzlich ihn selbst trifft.

Bei Breitbart gab es auch so eine Galionsfigur, den Profi-Provokateur Milo Yiannopoulos. Der veröffentlichte auf der Nachrichtenseite Texte mit Titeln wie "Empfängnisverhütung macht Frauen unattraktiv und verrückt", er beschimpfte Feminismus als tödliche Krankheit und bezeichnete den Islam als "schlimmer als Krebs". Das fanden sie ziemlich toll bei Breitbart - bis ein Interview auftauchte, in dem Yiannopoulos Pädophilie verharmloste. Da musste er gehen.

Ein Putzerfisch bekommt dann ein Problem, wenn er es nicht mehr schafft, sein Wirtstier von all dem Plankton zu befreien und sich stattdessen selbst mit allerlei unerwünschtem Zeug besudelt. Die Krise bedeutet freilich nicht, dass Fox News und Breitbart künftig vorsichtiger oder gar gemäßigt berichten werden. Der vierte Ratschlag in "Trumping your life" lautet schließlich: "Sei dir bewusst, dass du beim Streben nach großen und würdigen Zielen auf wachsenden Widerstand treffen wirst."

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Quelle:
SZ vom 31.05.2017/pak
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