Süddeutsche Zeitung

Nach Seehofer-Aussage:"Auch die CSU hat schon solche Fake News verbreitet"

Bundesinnenminister Seehofer behauptet, es gebe immer mehr Falschmeldungen. Was ist dran an dieser Aussage? Eine Nachfrage bei Alexander Sängerlaub, der zu Fake News forscht.

Interview von Karoline Meta Beisel

Innenminister Horst Seehofer hat dieser Tage mit Medienschelte für Schlagzeilen gesorgt: Auf die Frage, ob sein Verhältnis zu Angela Merkel zerrüttet sei, antwortete er der Passauer Neuen Presse, es gebe "immer mehr Falschmeldungen"; die meisten Fake News kämen aus Deutschland. Was ist dran an dem Zitat? Alexander Sängerlaub von der Stiftung Neue Verantwortung hat die Entstehung und Verbreitung von Fake News in Deutschland untersucht.

SZ: Horst Seehofer sagt, es gebe immer mehr Falschmeldungen. Stimmt das?

Alexander Sängerlaub: Es ist insofern was dran, dass wir ja nicht ohne Grund über Fake News diskutieren. Das hat mit dem Wandel hin zum digitalen Medienzeitalter zu tun: Früher haben Journalisten vor einer Veröffentlichung im Bestfall jede einzelne Information geprüft. Heute kann jeder alles ins Netz schreiben. Das heißt aber auch, dass im öffentlichen Raum viele ungeprüfte Informationen kursieren. Insofern gibt es tatsächlich mehr Fake News als in alten, analogen Zeiten. Die gute Nachricht ist aber, dass das Fake-News-Problem in Deutschland bei Weitem nicht so groß ist, wie vor der Bundestagswahl befürchtet.

Seehofer behauptet, man müsse bei dem Thema nicht nach Russland schauen: "Die meisten Fake News werden in Deutschland produziert." Richtig?

Er bezieht sich in dem Interview ja auf Deutschland, und was die Einflussnahme hierzulande angeht, hat er recht. Wir haben im Bundestagswahlkampf kaum Fake News aus Russland gesehen; die meisten kamen aus Deutschland. Die Frage ist aber: Woher kommen sie genau?

Und?

Es sind vor allem die Rechtspopulisten, allen voran die AfD, die sich Falschmeldungen als Kommunikationsstrategie zu eigen machen. In der Regel steht am Anfang eine Ungenauigkeit in der Öffentlichkeitsarbeit, zum Beispiel von einem Ministerium, die sich dann zuspitzen lässt. Auch die CSU hat schon solche Fake News verbreitet.

Welche denn?

Kurz vor der Bundestagswahl behauptete der bayerische Innenminister Joachim Herrmann in einer Pressekonferenz, die Vergewaltigungsfälle seien in Bayern um fast 50 Prozent gestiegen. Viele Medien haben die Zahl ohne eigene Recherche als "Schockzahl" verbreitet. Aber sie stimmt nicht. Tatsächlich war kurz vorher das Sexualstrafrecht verschärft worden, so dass in der Statistik erstmals auch Fälle der sexuellen Nötigung enthalten waren. In einer zweiten Pressekonferenz musste Herrmann die Zahlen darum relativieren: In Wahrheit waren die Vergewaltigungen nämlich nur um fünf Prozent angestiegen.

Wenn stimmt, was Seehofer sagt, warum ist die Empörung jetzt so groß?

Ich glaube, das liegt daran, dass die Debatte emotional gerade so hochkocht. Vielen Leuten missfällt die Art und Weise, wie die CSU gerade Politik macht; man hat den Eindruck, dass sich da gerade eine Partei vom Urdemokratischen, vom Europäischen löst und sich in etwas verwandelt, das dem am nächsten kommt, was gerade in Ungarn oder Österreich passiert. Und dazu gehört eben auch der Verweis auf Fake News, um nicht genehme Medienberichterstattung zu diskreditieren.

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Quelle:
SZ vom 26.06.2018/doer
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