Süddeutsche Zeitung

Muhammad-Ali-Doku:"Wenn du verlierst, wird es dich zerstören"

Die HBO-Dokumentation "What's My Name" zeigt sehr gekonnt, wie Muhammad Ali zum berühmtesten Boxer seiner Zeit wurde. Und zu einer hochpolitischen Figur.

Die Grenze zwischen Film und Boxen war nie besonders scharf. Immer gab es Boxer, die später Schauspieler wurden, und noch häufiger gab es Schauspieler, die gerne Boxer darstellten. Es gab aber nur einen Boxer, der gleichzeitig auch der beste Darsteller seiner selbst war: Muhammad Ali.

In The Greatest von 1977 (in Deutschland unter Ich bin der Größte verliehen), mimte er sich sogar selbst, neben Großschauspielern wie James Earl Jones, Ernest Borgnine und Robert Duvall. Darüber hinaus sind unzählige Dokumentation erschienen, die bislang aktuellste, I Am Ali, erst 2014, zwei Jahre bevor der echte Muhammad Ali starb.

Der Film What's My Name , eine neue Produktion des US-Bezahlsenders HBO, die am 3. Juni auf Sky Sport freigeschaltet wird, beginnt mit einem klassischen Motiv aus Boxfilmen: Ein Kämpfer bandagiert seine Hände, schön fotografiert in sanfter Zeitlupe. Dazu spricht der echte Muhammad Ali aus dem Off, in diesem einzigartigen, rhetorisch geschliffenen Singsang, der ihn auch außerhalb des Rings zu einem Star machte: "Du bist so nervös vor einem Kampf, es ist ein übles Gefühl. Du bist in deiner Garderobe, und ein Mann sagt: Du hast noch fünf Minuten, Champion. Du stehst auf, du wärmst dich auf, du blickst auf den Monitor und siehst all die vielen Menschen, überall in diesen Städten, überall auf der Welt. Und denkst daran, was alles an diesem Kampf hängt, welches Investment damit verbunden ist. Wenn du verlierst, wird es dich zerstören und alles, was du im Leben geplant hast."

Das alles trägt Ali vor wie ein Märchen, das er selbst erlebt hat und nun weitergeben möchte. Auch wer schon die ein oder andere Ali-Dokumentation gesehen hat, wird diese Rede vermutlich nicht kennen. Einiges ist bekannt in What's My Name, aber sehr vieles neu, auch an Fotos und Filmaufnahmen. In zwei Teilen, die je eine Stunde und 20 Minuten lang sind, spricht vorwiegend Ali über Ali. Der junge Cassius Clay erklärt einem Reporter in einer frühen Aufnahme, dass er nicht weiß, woher sein Name eigentlich stammt. Vermutlich von einem Sklavenhalter, der seinen Urgroßvater einmal besessen hatte. Wer das sieht, wundert sich etwas weniger über den wütenden Muhammad Ali später im Film, als seine Gegner Ernie Terrell und Oscar Bonavena sich weigern, ihn so zu nennen, wie er sich selbst getauft hat. Ernie Terrell wurde besonders grausam bestraft, Ali verprügelte den hoffnungslos Unterlegenen fünfzehn Runden lang und schimpfte dabei immer wieder: "What's my name? Say my name!" Daher der Filmtitel.

Es war einer der Tiefpunkte des Champions in der öffentlichen Wahrnehmung. Und der Film schont seinen Helden nicht, wenn es um dessen schwache Seiten geht. Zur Größe gehört eben auch, dass man sich Feinde macht und Dummheiten begeht. Die Kämpfe gegen Joe Frazier gehörten sicher dazu, vor allem der dritte, als beide ihre besten Zeiten hinter sich hatten und noch einmal unbarmherzig aufeinander einprügelten. Von den traurigen Duellen danach nicht zu sprechen, als Ali bereits schleppend sprach, wegen seiner Parkinson-Erkrankung, sich aber weiter ungeheuren Schlägen aussetzte, vor den Augen der Öffentlichkeit.

In einem Interview wurde Ali gefragt, wann er bemerkte, dass er als Schwarzer in den USA ein Bürger zweiter Klasse sei. "Mehr der 16. Klasse", korrigierte Ali und erzählte dann, wie er seine Mutter als Kind in der Kirche fragte: "Mama, warum ist alles weiß, warum ist Jesus weiß, mit blondem Haar und blauen Augen?" Der Papst, Maria - sogar die Engel sind weiß. "Mama, wenn wir sterben, kommen wir dann in den Himmel? Und wo sind dann all die schwarzen Engel?" Ali erzählte das spielerisch, zog listig die Augenbrauen hoch: "Die sind in der Küche und machen Milch und Honig für die anderen."

Diese Art politischer Einlassungen war nicht nur für einen Boxer speziell, sie wären für jeden Athleten ungewöhnlich, auch heute noch. Es ist kein Zufall, dass What's My Name von LeBron James koproduziert wurde, dem schwarzen Basketball-Superstar, der sich selbst mehrmals eloquent und klar zum aktuellen US-Präsidenten geäußert hat ("Ich nenne ihn einen Idioten"). Muhammad Ali gilt bei vielen Schwarzen in den USA bis heute als einer der ersten Rapper, weil er sich nicht nur klug ausdrücken konnte, sondern dabei auch ein irrer Angeber war. Ali selbst erzählt im Film, dass er sich die Attitüde ("Ich bin der Größte, ich bin der Schönste") von einem Wrestler namens "Gorgeous George" abgeguckt hatte. Eine der weniger bekannten Anekdoten aus einem Leben, das an Anekdoten nicht arm war.

Dargestellt wurde er zuletzt von Will Smith, der sich für den Spielfilm Ali 2001 die Technik und die Muskeln von Ali antrainiert hatte. Damals inszenierte Regisseur Michael Mann (Heat) mit mimetischer Genauigkeit die wichtigsten Kämpfe - das war im Ergebnis aber etwa so spannend, wie jemandem dabei zuzusehen, der NotreDame originalgetreu aus Streichhölzern nachbaut. Wer What's My Name sieht, ahnt, warum Manns Vorhaben nicht aufgehen konnte: Das Original war schon so leinwandfüllend und dramatisch, dass es keine fiktionale Überhöhung mehr braucht.

Antoine Fuqua, der Regie führte bei Filmen wie Training Day, Shooter und The Equalizer, hat mit What's My Name ein Lebensdrama inszeniert, mit Szenen, die er nicht selbst filmen konnte, die er aber auch nicht filmen musste, weil man aus heutiger Sicht auch sagen könnte, dass Ali der erste Influencer war. Es gibt kaum eine Figur der Geschichte des 20. Jahrhunderts, die häufiger gefilmt, fotografiert, ins Fernsehen eingeladen, beim Schlafen, beim Laufen, beim Essen und beim Hauen aufgenommen wurde. Muhammad Ali lebte ein öffentliches Leben, es war also alles da, was man für einen packenden Zweiteiler brauchte. Nur haben Antoine Fuqua und LeBron James die Mühe und die Mittel bereitgestellt, wirklich alle Bild- und Tonaufnahmen von allen Rechteinhabern einzuholen, um daraus ein umfassendes Porträt zu montieren.

Einer der besten Filme über Ali war bislang einer, in dem er gar nicht vorkam: Facing Ali von 2009. Darin erscheint Ali selbst nur als Märchenfigur. George Foreman, Joe Frazier, Sir Henry Cooper und viele weitere seiner Gegner erklären, wie es war, dem Größten im Ring gegenüberzustehen. Da es sich bei den Männern mittlerweile um Senioren handelt, die durch ihren eigenartigen Beruf lebenslang miteinander verbunden bleiben, ist es eine sehr liebevolle Huldigung. Einer der alten Krieger sagt irgendwann, "wenn es Ali nicht gäbe, würden wir doch nicht hier sitzen".

Am Ende von What's My Name ist er noch einmal von einer unbekannten Tonspur zu hören, über den Bildern seiner größten Siege, aber auch dem Moment, als er zitternd das Olympische Feuer 1996 in Atlanta entzündete und die halbe Welt eine Träne verdrückte. In der Tonspur sagt Ali, "I'm about to conquer immortality". Und Unsterblichkeit hat er nicht nur erlangt, weil er ein außerordentlich guter Schwergewichtsboxer war, sondern eine hochpolitische Figur.

What's My Name ist in diesem Sinn nicht nur ein spannender Zweiteiler, sondern ein Vermächtnis. Am Ende des Films steht ein letztes Zitat des Größten: "Anderen Menschen zu helfen, ist die Miete, die wir für ein Zimmer hier auf Erden bezahlen." In einer Welt, in der es dank Ali nun hoffentlich auch schwarze Engel gibt.

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Quelle:
SZ vom 01.06.2019
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