Süddeutsche Zeitung

Lisa Wagner als Fernsehermittlerin:Mit pfälzischem "ch" und krankem Zierfisch

Seit Lisa Wagner vor ein paar Jahren die Pflichtverteidigerin eines Vergewaltigers im Münchner "Tatort" spielte, hat sie plötzlich jeder auf dem Schirm. Jetzt wird sie gleich zweimal Fernsehermittlerin - in der ARD und beim ZDF. Eine Begegnung.

Von Karin Steinberger

Ob sie das könnte? Aufspringen und dieses Gesicht machen, einfach so, wie in ihrem letzten Film, als sie plötzlich in der Wohnung des Mannes steht, den sie ziemlich gern hat, rosa Kapuzenpulli, erschrocken über den eigenen Mut. Sie schließt die Tür von innen, verdreht die Augen, kaspert herum, Triumph und Verwundbarkeit in einer winzigen Geste. Andere schaffen in langen Monologen nichts so Echtes.

Lisa Wagner sitzt im Metropoltheater, München-Freimann, sie kommt gerade von der Bühne, "Unter dem Milchwald" von Dylan Thomas. Es ist ein Stück, durch das lauter beschädigte Menschen geistern: ein Briefträger, der alle Briefe selber liest, ein Metzger, der Katzenleber und Menschenrippchen verkauft, eine Ehefrau, die von Giftmorden phantasiert, Dienstmädchen, Schulkinder, Lebendige und auch Tote. Ein Sommertag in einem walisischen Fischerdorf. Lisa Wagner spielt den Pfarrer und die spröde Lehrerin, nach der sich der Kneipenwirt verzehrt. Sie ist ziemlich lustig. Der Text ist pure Poesie, ein Ereignis - für Schauspieler eine Herausforderung.

Sie hat Hunger, sie müsste nur aufstehen und etwas holen, lässt es aber erst mal bleiben. Eine Frau kommt an den Tisch: "Ganz toll gespielt. Ich habe sie wieder erkannt, aus dem Film Shoppen." - "Ach", sagt Lisa Wagner.

Sie sagt, es passiere nicht oft, dass sie erkannt wird, alle paar Monate mal. Oder sie merke es nicht. Oder es spricht sie keiner an, weil sie oft so griesgrämig dreinschaut, sagt sie und schaut griesgrämig drein. Dass sie so selten erkannt wird, kann man glauben oder nicht. Es wird sich auf jeden Fall ändern. An diesem Samstag wird sie das erste Mal in Kommissarin Heller im ZDF zu sehen sein. Winnie Heller, die Neue in Wiesbaden, die immer einen kleinen Zierfisch mit sich herumträgt, der eine Pilzinfektion hat.

Noch eine Kommissarin mit gestörtem Privatleben

Einfach wird es bei diesem Krimi-Overkill im deutschen Fernsehen nicht. Allein bei den Samstagskrimis im ZDF ermitteln mittlerweile Kohorten: Kommissarin Lucas, Kriminalhauptkommissare Verena Berthold und Otto Garber, das Münchner Mordtrio unter Hauptkommissar Ludwig Schaller, Wilsberg und Dr. Eva Maria Prohacek. Gerade kam auch noch die Schauspielerin Anna Loos als LKA-Kommissarin Helen Dorn dazu, bald noch zwei Streifenpolizisten in Friesland.

Lisa Wagner kennt die Fragen mittlerweile: Braucht es wirklich noch eine Kommissarin mit gestörtem Privatleben? Was unterscheidet Heller von den anderen? Sie sagt: "Warum muss sie sich denn unbedingt unterscheiden? Die eine hat einen Hund, die andere einen Fisch, die ist spritzig, die lahm, oder was? Wichtig ist doch, dass es ein guter Film ist, dass die Figuren interessant sind." Es gebe halt momentan dieses Bedürfnis nach Krimis beim deutschen Publikum, sie verstehe zwar auch nicht warum, aber es ist so: "Wenn ich die Wahl habe und so durchs Fernsehen zappe, bleibe ich natürlich auch eher bei einem Krimi hängen als bei einem dieser Rosamunde-Pilcher-Filme."

Ihr gefällt diese Winnie Heller, sie hat etwas Unberechenbares, Anarchistisches, etwas Sperriges. Lisa Wagner hatte gleich einen Bezug zu ihr, als sie die Bücher gelesen hat. Ihr gefällt ihre seltsame Art zu kommunizieren, so dass man sich oft denkt, hoppla, wie kommt sie denn jetzt darauf? Oder, warum geht sie nackt schwimmen, am Tatort? Und was soll der Fisch, der kränklich vor ihr herumschwappt, wenn sie ihn vollquatscht auf dem Weg zum nächsten Tatort. Lisa Wagner mag so etwas.

Dann erinnert sie sich, dass sie Hunger hat, sie holt etwas, isst schnell und voller Freude, sagt: "Jetzt habe ich alles aufgegessen, brav."

Gerade haben die Dreharbeiten für die dritte Folge Kommissarin Heller angefangen. Sie trägt immer die Textbücher mit sich herum, schön gebunden, mit Silberdraht zusammengehalten und mit Fragen und Kommentaren vollgeschrieben. Wenn man sie bittet, rezitiert sie mal schnell einen der rauschhaften Sätze aus dem Milchwald: "Die einzige Frau auf dem Adamsapfel des Erdballs, wenn er auch gewöhnlich ist, das macht mir gar nichts aus, ich würde ihn auffressen mit Stumpf und Stiel."

Grimme-Preis und Bayerischer Fernsehpreis

Lisa Wagner, 1979 in Kaiserslautern geboren, in einem Dorf in Rheinland-Pfalz aufgewachsen und mittlerweile in München ansässig, lacht ihr lautes, ansteckendes, so gar nicht mädchenhaftes Lachen. Ist doch klar, man könnte sie jederzeit nachts wecken, sie kann ihren Text.

In der FAZ stand gerade, sie habe manchmal die Aura einer angeknacksten Porzellanpuppe und ihr Auftritt im Münchner Tatort 2010 sei ein ähnlich aufwühlendes Naturereignis gewesen wie der von Gisbert 2012. In "Nie wieder frei sein" spielte Lisa Wagner eine junge, ehrgeizige Pflichtverteidigerin, die einen Vergewaltiger vor dem Gefängnis bewahrt, der sie, als er durch ihre Hilfe frei und juristisch nicht mehr greifbar ist, voller Verachtung fragt: Ich bin unschuldig? Für die Darstellung dieser total überforderten, zwischen Recht und Gerechtigkeit zerbrechenden Anwältin, bekam sie unter anderem den Grimme-Preis und den Bayerischen Fernsehpreis.

Sie sagt, sie habe das damals alles gar nicht so mitbekommen. Sie war da noch fest im Ensemble des Münchner Residenztheaters bei Dieter Dorn. Es sei auch nicht so gewesen, dass danach massenhaft Angebote kamen. Sie hat also einfach weitergemacht. Sie ist aber auch nicht der Typ, der sich oder Preise zu ernst nehmen würde. Sie hat sich einfach nur sehr gefreut über diese Anerkennung.

Dieses Glück, einen Beruf zu haben, den man liebt

Die Preise kamen jedenfalls im richtigen Moment. Die Intendanz von Dieter Dorn ging ohnehin gerade zu Ende. Er hatte sie schon im zweiten Jahr ihrer Ausbildung an der Bayerischen Theaterakademie August Everding als festes Ensemblemitglied übernommen. Sie wollte danach frei arbeiten. Sie war jung, und hatte noch relativ wenige Erfahrungen am Set, der Grimme-Preis war eine Eintrittskarte ins Geschäft. Insofern ja, klar, große Freude.

Sie redet nicht viel über die Preise, lieber redet sie über ihre Freude am Spielen, über dieses Glück, einen Beruf zu haben, den man liebt, über ihre allerersten kleinen Auftritte mit vier und als Gestiefelter Kater mit sechs, über die vielen Zufälle, wie sie über das Balletttanzen auf die Theater-Bühne kam, über ihre erste richtige Rolle in Gerhart Hauptmanns "Die Ratten" mit 18, und wie toll sie das fand, ihre erste wirkliche Theaterohrfeige: "Oooh, Theaterohrfeige, Wahnsinn."

Sie schwärmt von Kollegen, die auf der Bühne keine Egonummer machen, die an das Stück denken, ans große Ganze, nicht an ihre Eitelkeit. Sie redet über Schillers Sprache und die Macht der Gesten - und, weil diese Frage in letzter Zeit ja auch immer wieder kam - über Nacktszenen. "Also es muss schon klug sein und einen Sinn machen, wenn ich was nackt spielen soll."

Und dann sagt sie, vielmehr bricht es richtig aus ihr heraus: "Ist es nicht ein toller Beruf. Es ist immer wieder spannend, darüber zu reden, einfach unglaublich."

Eine Schauspiel-Lehrerin hat mal zu ihr gesagt, Lisa, bei dir hat man immer das Gefühl, du bist mit einem Fuß drinnen und mit einem draußen. Das hat sie damals erst gekränkt, bis sie verstanden hat, wie es gemeint ist: "Es ist beim Schauspieler so, wenn du einen Heulkrampf nicht nur spielst, sondern wirklich weinst, kannst du deinen Text nicht mehr sagen. Du musst das Pferdchen laufen lassen, aber doch nicht so richtig."

Manchmal hört man ihr pfälzisches ch, es ist weich und charmant. Vielleicht zog es sie ja immer schon auf die Bühne, weil sie aus der Pfalz kommt, sie lacht über diese Idee, und redet doch weiter. Die Pfalz sei ja nie so fruchtbar gewesen und durch die Pfalz seien doch immer alle nur durchgerannt, Napoleon, die Bayern. Auf jeden Fall gingen die Männer zur Jahrhundertwende in Massen nach Amerika, um dort Geld zu verdienen, mit dem sie ihre Familien ernähren konnten. "Wussten Sie, dass in den Bigbands in Amerika ganz viele Pfälzer waren? Vielleicht ist da was hängengeblieben?"

Jetzt kommt alles auf einmal

Dass sie so kurz nach der Heller-Premiere am Samstag am 4. Mai gleich auch noch ihren Einstand als Fallanalytikerin Christine Lerch im Münchner Tatort hat - reiner Zufall. Und natürlich auch ein Privileg, so viele gute Rollenangebote gibt es nicht im deutschen Fernsehen.

Der erste Teil von Kommissarin Heller wurde vor eineinhalb Jahren gedreht, dass jetzt alles auf einmal kommt: "Das ist doch der Klassiker. Ich habe in den letzten zwei Jahren, drei, vier Sachen gemacht, und die kommen dann alle innerhalb so kurzer Zeit."

Sie ist bei ihrem Vater in der Pfalz, wenn sie das erste Mal als Kommissarin Heller auftritt in "Tod im Weiher". Mal sehen, ob sie essen gehen oder fernsehen. Sie findet es ja immer noch seltsam, diese Vorstellung, dass sie da jeder sehen kann, wenn er mag. Irgendwie surreal.

Bestens informiert mit SZ Plus – 4 Wochen kostenlos zur Probe lesen. Jetzt bestellen unter: www.sz.de/szplus-testen

URL:
www.sz.de/1.1935542
Copyright:
Süddeutsche Zeitung Digitale Medien GmbH / Süddeutsche Zeitung GmbH
Quelle:
SZ vom 12.04.2014/sks
Jegliche Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exklusiv über Süddeutsche Zeitung Content. Bitte senden Sie Ihre Nutzungsanfrage an syndication@sueddeutsche.de.