Süddeutsche Zeitung

Im Visier der Nachbarn:Al Jazeera - gefürchtete Stimme der Massen

Mit seiner professionellen Machart erreicht der TV-Sender weltweit Millionen Zuschauer. Kritiker werfen ihm vor, den Terrorismus zu fördern. Saudi-Arabien will Katar nun zwingen, den Sender zu schließen.

Von Dunja Ramadan

Seit 186 Tagen prangt das rundliche Gesicht von Mahmoud Hussein auf der Internet-Startseite von Al Jazeera. Der ägyptische Journalist mit der randlosen Brille, der seine Hände häufig zur Merkel-Raute formt, sitzt seit Ende März in Kairo in Haft. Seine Kollegen von Al Jazeera fordern seine Freilassung, doch das Regime in Kairo scheint nicht einmal daran zu denken.

Die Behörden werfen ihm vor, falsche Nachrichten verbreitet zu haben, um den Staat zu diffamieren. Der Sender weist die Vorwürfe als "gegenstandslos" zurück und wirft wiederum den Behörden vor, sie würden Aussagen durch Gewalt erzwingen. Seit Ende Mai ist die Webseite von Al Jazeera in Ägypten nicht mehr aufrufbar.

Nun soll Katar, so fordern es Saudi-Arabien, die Vereinigten Arabischen Emirate und Ägypten, binnen zehn Tagen den Fernsehsender Al Jazeera komplett schließen. Der katarische Außenminister Mohammed bin Abdulrahman al Thani schloss das am Freitag im Gespräch mit France 24 aber aus.

Auch andere von Katar direkt und indirekt finanzierte Medien sollen den Forderungen zufolge eingestellt werden, etwa die Nachrichtenportale Arabi21, Rassd, Al Arabiya Al-Jadeed und Middle East Eye; die beiden letzteren richten sich vor allem an ein internationales Publikum.

Das ägyptische Nachrichtenportal Rassd wurde 2011 während der Demonstrationen gegen Ägyptens damaligen Machthaber Hosni Mubarak gegründet und etablierte sich als Stimme der jungen Revolutionäre. In Saudi-Arabien und den Emiraten ist die Webseite des Portals seit mehr als zwei Jahren geblockt.

International professioneller Ruf

Kritische Karikaturen, auf denen die blutigen Hände der Mächtigen aus Saudi-Arabien, Ägypten, Bahrain und den Emiraten zu sehen sind, die auf Katar zeigen und "Terroristen" rufen, findet man dort genauso wie Kurzvideos über den Hochhausbrand in London.

Das bekannteste Medium, auf das die Forderungen an Katar zielen, ist jedoch Al Jazeera. Der Sender, auf Deutsch "die Insel", wurde 1996 vom damaligen katarischen Staatsoberhaupt Hamad bin Chalifa Al Thani als erster transnationaler arabischer Nachrichtensender in Doha gegründet.

Mittlerweile hat sich Al Jazeera zu einer globalen Medienmarke mit mehr als 80 Standorten entwickelt und erreicht nach eigenen Angaben täglich 310 Millionen Haushalte. Als das Medium 2006 seinen englischsprachigen Sendebetrieb aufnahm, erarbeitete es sich auch international einen professionellen Ruf.

Dass vor allem der arabische Ableger von Al Jazeera kein reines Medium, sondern auch ein Instrument der katarischen Außenpolitik sei, ist ein gängiger Vorwurf vieler Kritiker. Genauso gängig, wie der Vorwurf, der Sender würde mit Terroristengruppen sympathisieren.

Der bekannte ägyptische TV-Moderator Ahmed Moussa, der mit seiner Sendung "Meine Verantwortung" ein Millionenpublikum erreicht, geht - wie viele andere Medien in der Region - noch einen Schritt weiter. Er nennt alle Journalisten des Nachrichtensenders Terroristen.

Die Argumentationskette ist absurd einfach: Katar unterstütze als Geldgeber von Al Jazeera auch Terrorgruppen, gemeint sind vor allem die ägyptischen Muslimbrüder, die seit dem Sturz des damaligen Präsidenten Mohammed Mursi in Ägypten 2013 offiziell als Terrororganisation gelten; deshalb seien folglich auch alle Al-Jazeera-Journalisten Terroristen.

Die Revolutionen in Tunesien, Syrien und Ägypten haben die Journalisten von Al Jazeera inmitten der wütenden Demonstranten begleitet. Während das Staatsfernsehen Werbung für familienfreundliche Wohnkomplexe sendete, war Al Jazeera hautnah dabei, als der Volkszorn jahrzehntealte Regime kippte.

Nach dem Sturz der Despoten stellte sich Al Jazeera dann einseitig auf die Seite der Muslimbrüder, die sich daran machten, die junge Demokratie in Ägypten auszuhöhlen. Als deren Protestcamps in Kairo von den ägyptischen Sicherheitskräften gewaltsam geräumt wurden und mehr als 800 Menschen starben, waren Al-Jazeera-Reporter an Ort und Stelle; später kamen sie ins Gefängnis. Das Staatsfernsehen behauptete, unter den Opfern seien ausschließlich bewaffnete Terroristen gewesen.

Heikle Reportage über die ägyptische Armee

Bis heute hat Al Jazeera mit seinen intensiven Debatten und seinen Call-in-Sendungen neue Maßstäbe für eine offenere Gesprächskultur im arabischen Fernsehen gesetzt - zum Leidwesen der autoritären Herrscher.

Vor wenigen Monaten verstärkte eine fast einstündige Al-Jazeera-Reportage über die ägyptische Armee die Spannungen. Die befragten Soldaten erzählten von einer erschreckenden Willkür der Offiziere, so würden diese sich systematisch an ihnen als kostenlose Arbeitskräfte bereichern. Sie müssten diese als Fahrer durch die Stadt kutschieren, als Bauern auf deren Feld arbeiten oder als Mitarbeiter in deren Cafés. Wenn sie sich wehrten, drohten ihnen absurde Aufgaben.

So würden Anfänger nicht etwa das Schießen lernen, sondern das Aufsammeln von Patronenhülsen, die kreuz und quer im heißen Wüstensand lägen. Sollte auch nur eine Patrone fehlen, berichteten Betroffene, müssten sie nur mit einer Unterhose bekleidet durch den heißen Sand robben. Nach Erscheinen der Reportage unterstellte das Regime in Kairo dem Sender prompt, eine politische Schmutzkampagne gegen das Land zu führen.

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Quelle:
SZ vom 24.06.2017/gal
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