Süddeutsche Zeitung

"Five Days at Memorial" auf Apple+:"Sie müssen sich alle selbst helfen"

Lesezeit: 2 min

In "Five Days at Memorial" erzählt John Ridley von einem Krankenhaus, das fünf Tage ohne Strom ist. Zum Quasi-Jahrestag des Hurrikans Katrina stellt die Serie große Fragen, die immer noch relevant sind.

Von Kathrin Müller-Lancé

Am Anfang sind da die Bilder, an die man sich noch erinnert: Fernsehaufnahmen von gefluteten Straßen, zitternden Bäumen, absaufenden Palmen. Der Hurrikan Katrina gilt als eine der verheerendsten Naturkatastrophen in der Geschichte der USA, 2005 richtete der Tropensturm vor allem an der Golfküste gewaltige Schäden an.

Die Geschichte, die Five Days at Memorial erzählt, ist weniger bekannt, die Originalaufnahmen von damals sind nur dazwischengeschnitten. Es ist die Geschichte des Memorial Hospital, eines Krankenhauses in New Orleans, das infolge des Hurrikans fünf Tage ohne Strom auskommen musste - mit verheerenden Folgen für Personal und Patienten.

Irgendwann tropft Wasser von der Decke, Unruhe kommt auf

Das alles basiert auf einer wahren Geschichte. Die Journalistin Sheri Fink hat in einem Pulitzer-gekrönten Artikel und in einem Buch dem hinterherrecherchiert, was damals im echten Memorial Hospital passiert ist. Regisseur John Ridley ("12 Years a Slave") hat sich die Rechte am Plot gesichert, Apple+ bringt die Serie jetzt zum Quasi-Jahrestag der Katastrophe heraus, Katrina wütete im August vor 17 Jahren.

Zunächst wirkt das stattliche Krankenhaus noch wie ein sicherer Ort. Während draußen der Sturm tobt, kümmern sich die Ärzte und Pfleger wie gehabt um ihre Patienten, aus dem Radio dudelt "This Love" von Maroon 5. Aber irgendwann tropft Wasser von der Decke. Der Hausmeister klärt in einer Krisensitzung auf, dass es nicht etwa einen Wasserstand von zehn oder fünfzehn Fuß brauche, um das Krankenhaus zu fluten, vier Fuß reichten schon aus. "Und es ist jetzt schon mehr als ein Fuß hoch draußen."

Das Stromnetz der Stadt funktioniert nicht mehr, die Essens- und Medikamentenvorräte in Memorial schwinden. "Wann hat das letzte Mal jemand den Helikopterlandeplatz angeflogen?", will eine Pflegerin der nächsten Krisensitzung wissen. "Als der Papst da war, 1991", antwortet ihr ein Kollege. Irgendwann landet ein Militärhubschrauber auf dem Klinikdach, er hat Platz für eine Person. Auch der nächste Hubschrauber kann nur wenige Menschen mitnehmen. Die Ärzte und Pfleger müssen sich Fragen stellen, die sich so niemand stellen will: Wer soll zuerst aus dem Krankenhaus rauskommen? Die Schwerkranken? Die Frühgeborenen? Und was passiert mit denen, die nicht mehr gerettet werden können?

Grün sind die Armbänder für die, die sich selbst retten können, schwarz für die anderen

An Tag vier ohne Strom werden im Memorial die Triage-Armbänder rausgeholt. Grün für die, die sich selbst retten können, Schwarz für die, für die das nicht gilt. "Also entscheiden wir, ob jemand lebt oder stirbt, anhand von bunten Armbändern?", fragt Pflegerin Mulderick den Mitarbeiter des Gesundheitsamtes. "Niemand ist verantwortlich. Sie müssen sich alle selbst helfen", gibt der kühl zurück.

Da ist die Ärztin Anna Pou (Vera Farmiga), die eine sterbende Patientin mit Morphium betäubt. Da ist die Tochter einer Frau im Koma, die ihrer Mutter erst Wasser auf die Lippen tupft und ihr später ein schwarzes Armband umlegen muss. Anhand dieser Einzelschicksale stellen sich die großen Fragen nach dem Wert des Lebens, nach der Verantwortung des Einzelnen.

Auch 17 Jahre nach Katrina bleiben diese Fragen relevant. Man denke nur an die Flutkatastrophe im Ahrtal oder die Diskussionen um übervolle Krankenhäuser in der Corona-Pandemie.

Five Days at Memorial, ab dem 12. August, acht Folgen, immer freitags, auf Apple+.

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