Süddeutsche Zeitung

Doku über DDR-Anwalt:Oberster Menschenhändler

Die öffentlich-rechtlichen TV-Sender müssen sparen? Hier hätten sie anfangen können: Der MDR hat einen überflüssigen Film über Wolfgang Vogel gedreht, einen Anwalt, der politische Häftlinge aus der DDR freikaufte.

Der 26-jährige Wolfgang Vogel war Jurist und auch sonst ein furchtbarer Streber. Die DDR gab es erst seit vier Jahren, aber er wollte unbedingt dabei sein und schrieb seine Doktorarbeit über die "Wiedergutmachung faschistischen Unrechts in der DDR". Das heißt, er lehnte im Namen des Staates, in dem er Karriere zu machen hoffte, jede Form von Entschädigung ab. Die DDR hatte demnach an den Juden nichts gutzumachen, beziehungsweise "ein Nichtausbeuterstaat [gemeint ist die legendäre Deutsche Demokratische Republik] kann ebenso wenig Rechtsnachfolger eines Ausbeuterstaates - und noch dazu eines im Verhältnis zu den anderen am brutalsten und profitgierigsten - sein, wie der Träger von Volkseigentum [also quasi schon wieder die DDR] Rechtsnachfolger einer kapitalistischen Firma sein kann."

Unter besseren Umständen hätte es Vogel mit diesem Diensteifer bis zum ost- oder auch westdeutschen Justizminister bringen können, die deutsche Teilung bot ihm aber eine bessere Planstelle, eine, die auch weit ertragreicher war. Zwischen 1962 und 1989 wirkte er als oberster Menschenhändler zwischen Ost und West. Dank seiner klassischen Ausbildung war Vogel auch im Westen als Anwalt zugelassen, vor allem ermöglichten ihm seine vielfältigen Kontakte sowohl zur Stasi wie zur Evangelischen Kirche, später zu Herbert Wehner, Helmut Schmidt und Helmut Kohl, politische Gefangene freizukaufen. 33 700 Häftlinge wurden gegen 3,4 Milliarden Mark ausgetauscht, zahlbar auch in Südfrüchten, Ersatzteilen, Batterien und allem, was sich auf dem Weltmarkt wieder verscheuern ließ. Dass Vogel diesem für Außenstehende dubiosen Geschäft nicht völlig selbstlos nachging, lässt sich denken.

"Nirgends steht, dass man im Sozialismus nicht reich sein darf"

SPD- wie CDU-Bundesregierungen zahlten ihm für seine humanitären Dienstleistungen über die Jahre etliche steuerfreie Millionen, auch die DDR ließ sich nicht lumpen. Vogel liquidierte so erfolgreich, dass er seine höchstpersönliche Wiedergutmachung unter anderem in einem Chalet im kapitalistischen Österreich anlegen konnte. "Nirgends steht", soll er gesagt haben, "dass man im Sozialismus nicht reich sein darf." Nach der Wende, die er noch mit Verhandlungen wegen der Flüchtlinge in der Prager Botschaft befördert hatte, vertrat der Anwalt kurzzeitig Erich Honecker vor Gericht, sollte dann selber in Haft, vor der ihn erst eine Kaution der Evangelischen Kirche, dann der Bundesgerichtshof bewahrte.

Ohne Männer, die wie Vogel oder der Devisen- und Überhaupt-Alles-Händler Alexander Schalck-Golodkowski ihre Geschäfte zwischen Ost und West machten, hätte die DDR nicht so lange überlebt. Ohne Hintertreppenunternehmer wie Vogel wären Tausende von politischen Gefangenen noch viel länger in der DDR verblieben.

Das alles könnte der Stoff für einen großen Roman oder ein mittelgroßes Fernsehspiel sein, aber im Mitteldeutschen Rundfunk ist daraus nur eine dokufiktionale Schülerarbeit geworden. Da schattet dann Wehners Pfeife, Vogels erste Frau wirft bei der Trennung lange, sendezeitschindende Blicke und der Anreißer wird sprachkreativ: "Dieser goldene Mercedes hat polarisiert." Der Sohn Vogels kommt zu Wort, sein Biograf, zwei noch lebende Mitarbeiter auf westlicher Seite sind dabei, unvermeidlich Helmut Schmidt, den Rest müssen Fotos und kameraüberfahrene Akten besorgen.

Wenn die öffentlich-rechtlichen Sender schon sparen müssen, hätten sie ruhig bei diesem Beitrag zum Zyklus "Geschichte Mitteldeutschlands" anfangen und ihn ganz sein lassen können. Der Film ist so armselig, dass man sich sogar (ich kann nicht glauben, dass ich das wirklich hinschreibe) nach einer Rolle für Veronica Ferres sehnt.

Wolfgang Vogel - Der DDR-Anwalt mit dem goldenen Mercedes, MDR, Sonntag, 20.15 Uhr.

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Quelle:
SZ vom 26.07.2014/mkoh
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