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"Der Tatortreiniger" im NDR:Viel Lob, wenig Geld und Pflege

"Der Tatortreiniger" ist zurück: Die NDR-Serie ist preisgekrönt, doch die Macher empfinden den Umgang des Senders mit ihnen als lieblos. Ein Klartext-Gespräch mit Schauspieler Bjarne Mädel, Regisseur Arne Feldhusen - und dem Rollenvorbild Christian Heistermann.

Von Hans Hoff

Wer wissen will, welche Folgen gutes Fernsehen haben kann, dem sei ein Treffen mit dem Schauspieler Bjarne Mädel und dem Regisseur Arne Feldhusen dringend angeraten. Die beiden wissen, was gutes Fernsehen ist, denn sie haben es schon vielfach hergestellt. Stromberg steht auf ihrer gemeinsamen Liste, die ersten Folgen von Mord mit Aussicht sind dort auch verzeichnet, und bei dem zweifach mit dem Grimmepreis prämierten Tatortreiniger sind sie die eigentlichen Täter.

All diese Produktionen haben etwas gemeinsam. Sie wurden vom Team Mädel/Feldhusen mit übergroßer Liebe zum Detail geprägt. Da wurde nicht gehudelt, da wurde das Medium sehr, sehr ernst genommen. Dafür stehen Mädel und Feldhusen als Brüder im Geiste, als Glimmer Twins des deutschen Fernsehens quasi, und genau deshalb haben sie es wohl so schwer in diesem Geschäft.

Reden trotz dicker Backe

Um halb elf am Vormittag kommt der Wahlberliner Bjarne Mädel in die Kreuzberger Markthalle geschlurft. Er wirkt angeschlagen, hat gerade den letzten Dreh für den Tatortreiniger hinter sich, und nun plagen ihn Zahnschmerzen. So starke, dass er vor dem Rührei im benachbarten Café erst einmal mit seiner Ärztin telefoniert. Die sorgt per Rezept dafür, dass Mädels dicke Backe ihn nicht allzu sehr plagt. Das ist ihm wichtig, denn er will reden. Reden über die neuen Folgen vom Tatortreiniger, die mehrheitlich keine neuen Folgen sind, reden von unbefriedigenden Produktionsbedingungen, reden von einem Umgang, den er als eher lieblos empfindet.

Arne Feldhusen gesellt sich dazu, und wenn man von dem wissen will, was er so sehr an Mädel schätzt, dann steht der Regisseur, der Mädel 2004 als Ernie zu Stromberg holte, erst einmal etwas ratlos da. "Wir wissen schon gar nicht mehr, was am anderen interessant ist", sagt er und schaut Mädel kurz prüfend an. Es ist nur ein kurzer Blick, einer, der genügt, um sicherzustellen, dass der Freund immer noch der Freund ist, dass er immer noch genauso tickt, wie man das mag.

Abschied von Stromberg

"Ich bin selbstbewusst bei Stromberg rein, weil ich wusste, dass der Regisseur meinen Humor mag", berichtet Mädel von den Anfängen. Damals kam er vom Theater, und Feldhusen war dort gleich aufgefallen, wie ernst da einer seine Profession nahm. Inzwischen sind zehn Jahre vergangen, und wenn im Februar der Stromberg-Kinofilm startet, ist Schluss mit den Geschichten um den irren Bürohengst und den einfältig-widerborstigen Sachbearbeiter Ernie. "Das war ein sehr trauriger Moment, als das Büro geschrottet wurde", berichtet Mädel vom Ende der Ära.

Auch für Feldhusen war der Drehschluss eine schmerzhafte Angelegenheit. Direkt danach hat ihn ein Bandscheibenvorfall auf die Bretter geschickt. Möglicherweise auch ein Ausweis für die persönliche Überforderung, für dieses beständige Bessermachenwollen mit nie ausreichenden Mitteln. An große Pause war trotzdem nicht zu denken. Sowohl Mädel als auch Feldhusen lassen sich von körperlichen Gebrechen nicht den Spaß an der Sache austreiben, sie machen einfach weiter. Weil sie es aus sich heraus müssen.

Natürlich haben beide inzwischen auch ihre eigenen Projekte, aber am besten sind sie immer noch im Team. Allein ist eben manches schwerer zu ertragen. Für Mädel etwa die anstehenden Arbeiten an Mord mit Aussicht. Sechs Folgen werden zwischen März und Juni gedreht. Mädel spielt wieder den etwas einfältigen Dorfpolizisten Dietmar, aber im Sommer ist dann für ihn Schluss mit der Eifel-Serie, und das hat seine Gründe.

Unmut mit der ARD

Zu Weihnachten hat Mädel Post gekriegt vom ARD-Programmdirektor. Viel Lob stand da drin. Fast gleichzeitig hat er erfahren, dass bei Mord mit Aussicht nur noch achteinhalb Drehtage statt neun pro Folge im Plan stehen. Als Feldhusen dort anfangs Regie führte, seien es noch zehn Tage gewesen, sagt Mädel. "Da loben sie dich und nehmen dir gleichzeitig die Wurst vom Brot", klagt er, und rasch geht es darum, dass die ARD die hochgelobte Prime-Time-Serie vielfach verwurstet, auch in der Vorabendhölle vor acht.

"Ich habe nicht für eine Vorabendserie unterschrieben", sagt Mädel und berichtet, dass sich an der Serie nach Ansicht der Macher nur ja nichts verändern dürfe. "Das ist so ein liebloser Umgang", sagt er und begründet seinen bevorstehenden Ausstieg sehr klar. "Die eigentliche Arbeit eines Schauspielers ist es, kreativ zu sein, aber da kommt man kaum noch zu. Man liefert dann nur noch ab. Deshalb will ich das auch nicht mehr", sagt er.

Damit sind Stromberg und Mord mit Aussicht in Zukunft von der Mädel-Liste gestrichen. Bleibt der Tatortreiniger. Der kehrt kommenden Dienstag für drei Tage zurück ins NDR-Fernsehen, jeden Tag zwei Folgen. Eventprogrammierung heißt das. Schaut man sich aber an, wie kunterbunt da durcheinandergeplant wurde, greift das große Grausen Raum.

Da ist die allererste Folge zu sehen, und endlich laufen auch jene zwei Folgen, die im vergangenen Jahr schon fertig vorlagen, dann aber aus irgendeinem nichtigen Grund nicht ins NDR-Sendeschema passten. Und von den ganz frisch gedrehten Folgen gibt es nur eine zu sehen. Die restlichen Episoden laufen? Irgendwann.

Man muss sich das ins Gedächtnis rufen, um zu verstehen, warum Mädel und Feldhusen vergleichsweise griesgrämig in ihre Getränke blicken. Keinesfalls möchten sie miesepetrig wirken, aber die Umstände sind eben auch nicht so, dass sie Anlass zu großem Jubel böten.

Kommunikationsprobleme mit dem Sender

Davon, dass der Tatortreiniger in die USA und nach Frankreich verkauft wurde, haben sie aus der Presse erfahren. Dass von der ersten Tatortreiniger-Staffel mehr als 40.000 DVD-Boxen abgesetzt wurden, durften sie einer Erfolgsmeldung der Vertriebsfirma entnehmen. "Die reden ja nicht mit uns", sagt Feldhusen. Gerne würden sie hören: "Das ist toll. Was braucht ihr noch?" Stattdessen hören sie: "Das sprengt aber den Rahmen."

Wirklich geliebt fühlt sich das Duo von Senderseite nicht. Sie hätten gerne einen festen Sendeplatz über eine längere Strecke, und dafür schalten sie nun in einen härteren Gang. Es soll Konsequenzen für die nächsten Verhandlungen mit den Fernsehgewaltigen geben. "Wir wollen inzwischen zeigen, dass wir das machen wollen, dass wir das aber nicht machen müssen", sagt Mädel. "Wenn es keinen Erfolg hätte, wären wir durchaus demütiger", erklärt Feldhusen. Ein bisschen würden sie schon gerne profitieren von all dem Lob, das der NDR da einheimst. Und gerne hätten sie noch einen Drehtag dazu. Nicht nur vier Drehtage für eine knappe halbe Stunde.

Viel Lob, wenig Handlung

Darauf reagiert der NDR diplomatisch. "Dass sich Darsteller, Autoren oder Regisseure mehr Geld oder einen anderen Sendeplatz für ihre Produktion wünschen, ist nicht völlig ungewöhnlich", heißt es von dort, garniert mit viel Lob. Das Lob klingt gut und hat den Vorteil, dass es den Sender nichts kostet.

Der Stimmung am Tisch hilft es, dass irgendwann Christian Heistermann dazustößt. Heistermann ist echter Tatortreiniger, er hat Mädel beraten, als es vor ein paar Jahren darum ging, den Beruf als Bühne für kleine, feine Kammerspiele zu etablieren. Immer trifft die Hauptfigur am zu reinigenden Tatort auf Menschen mit sehr besonderen Interessen.

Daraus ergibt sich Reibung, ergibt sich Tragik, aber auch sehr viel Komik. Mädel freut sich über die Anerkennung, die seine Filmfigur Schotty vom Profi erfährt. "Ich mache das auf meine Art, er auf seine", berlinert Heistermann. Er weiß natürlich, dass es im Fernsehen immer ein bisschen anders aussehen muss als nach einem echten Tod. Der Geruch, der ihn an manchem Arbeitsplatz empfängt, ist nun mal nicht abbildbar.

Heistermann hat eine sehr feine, direkte Art, mit Menschen umzugehen. Er bringt frischen Wind in die Runde, die sich gerade darum sorgt, ob sie nicht bei all der geäußerten Klage im Selbstmitleid erstickt. "Wenn der Tatortreiniger geht, fühlen sich alle befreit von etwas. Das ist auch Seelenreinigung", sagt Heistermann, und auf sonderbare Weise hellt das auch die Gemüter von Mädel und Feldhusen auf.

Mädel lächelt, so gut das mit der dicken Backe geht. Er weiß, dass da noch was kommt, dass da noch was geht. Solange er und Feldhusen nur zusammenhalten, kriegen sie auch die lieblosen Verwalter vom Fernsehen noch auf Linie. Sie werden es weiter versuchen. Sie werden nicht ruhen. Dicke Backe hin, Bandscheibenvorfall her.

Der Tatortreiniger, NDR, Dienstag, Mittwoch und Donnerstag je zwei Folgen, 22 Uhr und 22.30 Uhr.

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Quelle:
SZ vom 04.01.2014/mfh
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