Süddeutsche Zeitung

Grünen-Kanzlerkandidatin im TV-Interview:Vertrauen ist gut, Verhör besser

Annalena Baerbock soll in der ARD "Farbe bekennen". Und die dümmsten Sätze kommen nicht von der Kanzlerkandidatin, sondern von den Fragenden.

Von Willi Winkler

Wer zu spät einschaltet, den bestraft das Leben mit dem "Bozen-Krimi", da wird gesprengt und gemordet, dass es eine unerträgliche Art hat. Schnell zurück also in die Mediathek, wo Tina Hassel und Oliver Köhr die grüne Kanzlerkandidatin Annalena Baerbock im restringierten Code von Bild-Schlagzeilen auffordern, Farbe zu bekennen. Köhr, dem noch nie jemand vorgeworfen hat, dass er noch toller sein könnte, als er sich gibt, platzt sofort mit der eisbrecherischen Frage heraus: "Warum machen Sie sich toller, als Sie sind?"

Es geht um die den ganzen Erdkreis erschütternden Aufhübschungen, mit denen Baerbock ein bisschen mehr aus ihrem Typ gemacht hat. Hassel zittert fast vor ihrer eigenen Kühnheit, als sie ihre erste Frage abschießt, nämlich ob die Kanzlerkandidatur "nicht eine Nummer zu groß für Sie" sei. Was soll Baerbock groß drauf sagen? Sie beschwört zwei Mal in perfektem Helmut-Kohl-Channeling die "Menschen in unserem Land", und natürlich tut es ihr furchtbar leid. Sie brennt darauf, nach Bekenntnis (mea), Reue (maxima) und Buße (culpa, der Absturz in den Umfragen) den katholischen Ritus hinter sich zu lassen und endlich von Politik reden zu dürfen.

Baerbock beweist, dass sie die Hypotaxe glänzend beherrscht

Doch vor der Absolution streng die Beichtvaterin Hassel: "Vertrauen ist das höchste Gut in der Politik", nachdem ihrem Vorbeter Köhr schon schwante, dass "ein Stück weit Vertrauen" verloren gegangen sei. Vertrauen ist gut, Verhör besser, am besten mit Schlagzeilen über den Kopf. Wer Zeitungen mit etwas kleineren Buchstaben liest, dürfte wissen, dass die Grünen nur einen Cent mehr aufs Benzin aufschlagen wollen als die Bundesregierung und dass diese Steigerung durch ein Energiegeld für Geringerverdienende ausgeglichen werden soll. Aber das solle sie jetzt bitte in einem klaren Hauptsatz erklären, fordert die immer noch strenger werdende Hassel, und Baerbock gelingt das tatsächlich, den Zusammenhang zu erläutern und beweist damit nebenbei, dass sie die Hypotaxe glänzend beherrscht.

Weil die beiden ARD-Vernehmer sich aber lieber an den Katechismus der großen Buchstaben und schlichten Gedanken halten, muss noch mehrmals die drohende Steuererhöhung und der Ruf der Grünen als Verbotspartei vorgezeigt werden. Geht's noch? Fazit: Der Phrasometer zeigte bei diesem "Farbe bekennen" die üblichen Ausschläge, mit dem Unterschied vielleicht, dass die dümmsten Sätze von den beiden Fragern und nicht von der Politikerin kamen. Und jetzt bitte endlich der "Bozen-Krimi".

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