Süddeutsche Zeitung

Angela Merkel:Das wäre doch wirklich nicht nötig gewesen

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Ein Bäumchen, ein monströses Blumenbouquet, ein Paar Turnschuhe - noch interessanter als die Abschiedsgeschenke selbst sind die Reaktionen von Angela Merkel darauf.

Von Cornelius Pollmer

Angela Merkel weiß, was ein sehr gutes Abschiedsgeschenk ist, vor drei Jahren hat sie selbst eines bekommen. Es war auf dem CDU-Parteitag in Hamburg, bei dem Merkel den Vorsitz aufgab und gewissermaßen in die Altersteilzeit wechselte. Volker Bouffier, der manchmal aussieht, als würde er unter einem Stein leben, referierte auf großer Bühne zunächst das Pflichtenheft für alle betrieblichen Abschiedsgeschenke. Solche bringen idealerweise berufliche Zuständigkeiten mit privaten Neigungen in eine irgendwie stimmige Verbindung, jedoch ohne Raum zu lassen für missgünstige Interpretationen.

Bouffier ließ Merkel nach seinem Vortrag einen Taktstock überreichen. Merkel, die politische Dirigentin, der private Klassik-Ultra - das konnte niemand nicht begreifen. Es gab aber noch Bonuspunkte, für die Wahl des konkreten Objekts. Es handelte sich um den Taktstock, mit dem Kent Nagano auf Wunsch der Kanzlerin zum Auftakt des G20-Gipfels in der Elbphilharmonie Beethovens Neunte dirigiert hatte, während draußen - gegen den Wunsch Merkels - Hamburg in Flammen aufgegangen war.

Angela Merkel weiß, was ein sehr komisches Abschiedsgeschenk ist, vor wenigen Tagen hat sie selbst eines bekommen. Tilman Kuban, der oft guckt wie der unsichere Gebrauchtwagenhändler Gil bei den "Simpsons", brachte Merkel zum Abschiedsgespräch im Kanzleramt ein Paar weißer Sneaker mit - und gab ihr in einem Eintrag bei Instagram auch noch die Schuld, für die Einführung dieser idiotischsten aller Ideen der Jungen Union verantwortlich zu sein. Vor Jahren habe sich Merkel bei ihm, Kuban, erkundigt, was "so die gängigsten Marken" im Weißsportschuhbereich seien. Seitdem wirft Kuban jedem Politiker ein Paar dieser Schuhe hinterher, bei dem er sich irgendwie einschmeicheln will.

Definiere Kollateralnutzen: Wenn die Beschenkten wie Armin Laschet leichtsinnig genug sind, diese Schuhe dann auch noch anzuziehen, sind sie wenigstens auch so gut zu Fuß, dass sie abhauen können, wenn Kuban mal wieder ein Selfie machen will. Der Merkel-Blick auf dem Selfie mit Kuban jedenfalls ist kurz vor dem Merkel-Blick zum jährlichen Karnevalsempfang im Kanzleramt. Letzterer Merkel-Blick ist eine Mischung aus "muss ja" und Mottoshirt, denn rosenmontags könnt' ich kotzen.

Bevor Angela Merkel bald endlich aus dem Hochsicherheits- und Verantwortungsknast entlassen wird, der die Führung dieses sonderbaren Landes bedeuten muss, steht zum Ende ihrer Kanzlerschaft die vielleicht härteste soziale Prüfung noch mehrfach bevor, die des Adäquat-Reagierens auf die tollsten Abschiedsgeschenke aus dem erweiterten Kollegium.

Die ostdeutschen Ministerpräsidenten haben das Thema vor einer Weile schon abgeräumt und sich für ein Album gemeinsamer Bilder entschieden, das rührend selbstgemacht und nach dm Foto-Paradies aussah. Herausfordernder geriet für die Kanzlerin die letzte Sitzung des Bundeskabinetts am Mittwoch dieser Woche. Auf Bildern ist Merkel mit geschürzten Lippen zu sehen, es sieht so aus, als habe selbst sie als gestählte Top-Verhandlerin der eigenen Mimik nur einen Minimalkonsens abringen können. Man kann das verstehen angesichts des unförmigen Gebindes, das ausgerechnet Merkels designierter Nachfolger Scholz ihr übergewuchtet hat. Diesem Gebinde fehlt nicht viel, um auszusehen wie ein blühendes Spike-Protein - Merkel guckt entsprechend, aber gala.de schreibt: "Olaf Scholz, 63, überreichte der scheidenden Kanzlerin einen bunten Blumenstrauß, den Merkel freudestrahlend entgegennahm."

Nicht nur die Gala als Fachmagazin fürs Freudestrahlen berichtet im Folgenden, Merkel habe vom ganzen Kabinett zudem ein Laubbäumchen geschenkt bekommen, einen Pagoden-Hartriegel (auch bekannt als Riesen- oder Etagen-Hartriegel) der Sorte "Carpe Diem". Ausweislich des von von der Noch-Bundesgartenbauministerin Klöckner ordnungsgemäß bei Twitter dokumentierten Etiketts hat sich das "Bonsai-artige, sehr edle Zwerggehölz" durch ein "anerkanntes Kulturverfahren" die Prädikate "robust, langlebig und reichblühend" erworben - was mehr ließe sich wünschen für den Ruhestand?

Bevor die Ruheständlerin Merkel ihre diems aber mal so richtig heftig carpen kann, werden sich noch ein paar Geschenke ansammeln, sicherlich mehr als sich - #allesindenarm - auf einmal davon tragen ließen. Schwerer als die Geschenke selbst aber wiegt sehr wahrscheinlich die Tatsache, das Merkel die ungelenken Momente ihrer Übergabe nicht in einer siffigen Teeküche oder in einem Konferenzraum der Sorte "Stromberg" aussitzen kann. Nein, halb Deutschland schaut zu beim großen Schrottwichteln.

Können wir einfachen Bürger daraus etwas lernen? Vielleicht ein weiteres Mal, dass weniger mehr sein kann, selbst beim Schenken an Weihnachten. Der schwierige Strauß ist Olaf Scholz unbedingt zu verzeihen. Er fällt in die Kategorie "gerade echt viel los bei mir", in der Ansprüche zwangsläufig sinken und man als Geschenkwein für Freunde am Abend auch mal mit Mut zum Risiko zu einer Flasche greift, die einst - wer weiß - vielleicht als Geschenk von exakt denselben Freunden den Weg zu einem ins Regal gefunden hatte.

Noch aber ist Zeit bis Weihnachten. Noch lässt sich vermeiden, etwas zu kaufen, das in der Familie der Komikerin Carolin Kebekus in schönstem Rheinisch immer "Stehrümchen" genannt wurde, weil es bald nach dem Schenken nur noch... Und noch lässt sich ebenfalls die Methode Stoiber vermeiden, die Angela Merkel ebenso wenig gerecht wird wie allen anderen Frauen auf dieser Erde.

Von dieser Methode Stoiber berichtete die ehemalige Dombaumeisterin Barbara Schock-Werner vor einer Weile dem Kölner Stadt-Anzeiger. Im Wahlkampf 2002, dessen Führung Merkel beim legendären Wolfratshauser Frühstück dem bayerischen Ministerpräsidenten überlassen hatte, reiste Edmund Stoiber nach Köln, er traf Schock-Werner und was dann offenbar geschah, sei zum Schluss als Abschiedsgeschenk an die Leserinnen und Leser ohne weitere Dekoration einfach nur zitiert. Also, Frau Schock-Werner, übernehmen sie! "Bei der Verabschiedung an der Pforte wandte er sich an einen Menschen aus seinem Tross und sagte den - für mich bis heute sensationellen - Satz: Die Dame erhält von uns ein Dankgeschenk zweiter Klasse."

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