Süddeutsche Zeitung

Wolf Wondratschek zum 70. Geburtstag:Lyrik wie Rockmusik

In den Siebzigern war er Kult: Wolf Wondratscheks Texte hatten eine Intensität, die tatsächlich auch Musiker anlockte. Zu seinem 70. Geburtstag hat sich der Poet nun mit dem wunderbar leichten Buch "Mittwoch" selbst beschenkt.

Von Ulrich Rüdenauer

Klappentexte haben ihren eigenen, selten sehr diskreten Charme. Sie erzählen entweder in dürren Worten den Inhalt eines Buches nach oder protzen mit Superlativen, die jedem Schriftsteller die Schamesröte ins Gesicht treiben dürften.

Der Umschlag des neuen Romans "Mittwoch" ( Jung und Jung, 243 Seiten, 22 Euro) von Wolf Wondratschek dokumentiert die Verweigerung eines solchen Werbeblocks: Der Verleger, bittet der Autor in einem dort zitierten Brief, möge auf das verzichten, was man einen Klappentext nennt. Es sei doch nur ein Notbehelf. "Allerdings", so Wondratschek weiter, "las ich gestern in den 1967/68 gehaltenen Harvard-Vorlesungen von Jorge Luis Borges einen Satz, der das, was ich versucht habe, genau beschreibt: 'Er ließ seinen Geist schweifen, und er gab diesem Geist die Gestalt vieler Personen.'"

Schöner und prägnanter lässt sich kaum fassen, was Wolf Wondratschek in seinem Roman eines Allerweltstages macht. "Es ist ein Mittwoch", damit beginnt dieses umherschweifende Buch.

Der erste Satz schubst den Text an wie ein Windhauch einen Dominostein, der wiederum Geschichte um Geschichte anstößt. Das Poetische entsteht hier daraus, dass die Dinge klar benannt und zugleich ganz luftig sind, ein Windhauch eben auch für den Leser. Geld hält dabei, wie so oft, zusammen, was gar nicht zusammengehört, in einem höheren Sinne aber eben doch miteinander zu tun hat.

An besagtem Mittwoch kommt ein Amerikaner in ein Hotel, hinterlegt einen Hundert-Euro-Schein an der Rezeption, um sich ein bereits reserviertes Zimmer auch wirklich zu sichern. Dieser Geldschein wandert weiter zu einem Mechaniker; von dem, mittels einer Pferdewette, zum Sohn des Gastwirts; der wiederum trägt ihn ins Bordell; die Hure bringt ihn ihrer Freundin, einer Friseuse; die händigt den Hunderter ihrem Chef aus, bis er schließlich in einem Tabakladen (ein Tabakladen wie in Ang Lees "Smoke") landet, in dem alte Männer eingehüllt in Qualm so beherzt übers Leben philosophieren, dass man sich sofort eine Zigarette anstecken und sich dazu gesellen will.

Auf jeder Seite ein zupackender Satz

Es kommt ein trauriger Boxer vor in diesem Buch, und eine jüdische Violinistin, die es sich mit den russischen Behörden in Prä-Perestroika-Zeiten verscherzt - lauter Leben, die leichthändig skizziert werden, in Umrissen nur, aber doch so, dass man die Menschen dahinter mit all ihren Falten und Narben erkennen kann.

Auf mindestens jeder Seite steht ein Satz, den man sich unterstreichen muss, weil er etwas Zupackendes und Wahrhaftiges hat und zuweilen auch so zupackend und wahrhaftig ist, dass man manchmal nicht recht weiß, ob man ihn nicht auch ein bisschen aufdringlich finden soll: "Niemand kann verlangen, dass Gott ein Heiliger ist. Er ist Biologe." Oder: "Der Friseur weiß natürlich um seine Wirkung. Wenn er die Kopfhaut seiner Kundinnen massiert, streichelt er ihre Seelen."

"Mittwoch" erinnert in seiner Form an einen frühen Film von Richard Linklater mit dem Titel "Slacker", der an einem einzigen Tag in Austin spielt. Darin folgt die Kamera einer Herumtreiber-Figur immer nur ein paar Minuten lang, bis sie eine andere interessanter findet und mit dieser weiterzieht.

So geht man auch bei Wondratschek immer einige wenige Seiten mit seinen Helden mit, lässt sich führen oder besser verführen, treibt ein bisschen haltlos und manchmal auch orientierungslos umher in diesem Buch, das zwar viele erinnerungswürdige Hauptsätze hat, aber wunderbarerweise aus lauter Nebensätzen zu bestehen scheint. Irgendwann ist dann auch nicht mehr so klar, ob diese ganzen Begegnungen, die man profan dem Zufall zuschreiben will, nicht doch etwas Schicksalhaftes haben.

Nichts geht über eine Geschichte, auch wenn sie erfunden ist

Wolf Wondratschek, der an diesem Mittwoch 70 Jahre alt wird, mag das Geheimnisvolle und Schwermütige, das Unstete und Exzentrische, das Scheitern und Triumphieren, das sich in seiner unverstellten Prosa manchmal fast in ein Gedicht verwandelt.

Ein bisschen so darf man sich wohl auch sein Leben vorstellen. Wondratschek war ein Popstar, ein Ereignis, ein testosteronstrotzender Dichter, feinfühlig und machistisch zuweilen in ein und demselben Vers. "Früher begann der Tag mit einer Schusswunde" - wer mit so einem cowboyhaften Titel debütiert, 1969 war das, gibt sich nicht mit einer Nebenrolle zufrieden.

In den Siebzigern hatte jeder junge Mensch mit romantischen Impulsen den Band "Chuck's Zimmer" neben dem Futon liegen, Gedichte, die Wondratschek als Privatdruck herausgab und die sich dann mehr als 100.000 Mal verkauften.

Lyrik sollte wie Rockmusik sein, verlangte Rolf Dieter Brinkmann damals. Wondratschek befolgte den Rat, seine Texte waren suggestiv und hatten eine Intensität, die tatsächlich auch Musiker anlockte, für die er dann Songzeilen dichtete. Übers Boxen schrieb und redete er mit ebenso großer Leidenschaft wie über Frauen.

Von der Banalität des Menschseins

Dass er in seinen jüngeren Jahren ein Stubenhocker gewesen wäre, kann man kaum behaupten: Man wird nicht ohne Verdienste um das Nachtleben zur Figur in einem Dietl-Film (in "Rossini" spielt Jan Josef Liefers den Dichter). "Es hieß, ich sei drogensüchtig. Es hieß, ich triebe mich im Milieu in St. Pauli herum, mit Huren, Zuhältern und Boxern. Ich war dafür richtig prominent", notierte er in einer kurzen Selbstauskunft. "Tatsache war, dass ich mit dem Schreiben trotzdem nie aufhörte."

Er hörte nicht auf, aber die Neunziger wurden für den Schriftsteller schwierig. Verrisse und sinkende Auflagenzahlen kratzten an der Wondratschek-Aura, und vielleicht wurde er selbst auch seines öffentlichen Bilds ein wenig überdrüssig.

Er zog nach Wien, die "Echokammer einer untergegangenen Welt", und auch in seinen Arbeiten hallte ein etwas anderer Ton wider, leiser und feinsinniger. So entstanden in den vergangenen zehn Jahren wunderbare Prosastücke, "Mozarts Friseur" oder "Das Geschenk", und nun also "Mittwoch", eine episodenhafte Erzählung, die sich an den Aufmerksamkeitsrändern tummelt, von der Banalität des Menschseins handelt, zärtlich und intensiv und angetrieben von einer Poesie des Nebenbei.

"Ein schöner Gegenstand braucht eine Geschichte, und nichts geht über eine Geschichte, auch wenn sie nur erfunden ist, und wenig über einen, der sie mit Leidenschaft gegen jeden Verdacht verteidigt, sie sei, auch ohne Beweise liefern zu können, am Ende möglicherweise nicht wahr", heißt es darin. Dieser Satz könnte als Motto über allen Büchern Wondratscheks stehen.

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Quelle:
SZ vom 14.08.2013/pak
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