Süddeutsche Zeitung

Wacken-Open-Air:Göttliche Raserei

Wer wirklich böse sein will, muss ganz schön gut sein: Wie Lemmy Kilmister und die weiteren aktuellen Inkarnationen von Dionysos und Bacchus beim 25. Wacken-Open-Air die Freuden und Tücken des Rausches zelebrierten.

Kurz die gute Nachricht vom Open Air in Wacken: Ian Kilmister hat diesmal durchgehalten, mehr oder weniger. Und jetzt noch einmal mit ein bisschen mehr Anlauf: Der Gott Dionysos, den die Römer Bacchus nannten, ist einer der ältesten der Antike, der durch ihn bezeichnete Sachverhalt, die Freuden und Tücken des Rauschhaften, gehört zu den anthropologischen Konstanten, seit der Mensch die alkoholische Gärung kennt.

Man hat Dionysos genauso wie Bacchus oft mit einem Gefolge aus Mänaden dargestellt, deren enthusiastische (und das heißt wörtlich: gotterfüllte) Raserei durch das fliegende Haupthaar kenntlich gemacht ist, und nicht selten sind auch lüsterne, bierbäuchige Satyrn dabei.

Die Bäuche dürften auch daran liegen, dass etliche der Künstler, denen wir diese Vorstellungen verdanken, aus dem Norden kamen, wo eher Hopfen wächst als Wein. Solche mythischen Figuren sind dafür da, den jeweils eigenen Umständen angepasst zu werden. Es spricht daher einiges dafür, dass die aktuellen Inkarnationen von Dionysos und Bacchus John Osbourne und eben Ian Kilmister heißen, Ozzy und Lemmy, wie ihre jeweiligen Mänadenscharen sie nennen.

Beide Briten, beide Langzeitüberlebende legendärer Intoxikationsexzesse, der eine ansonsten mit bleibenden Verdiensten um die Schwere in der Rockmusik, der andere mit solchen um die Kategorie der Geschwindigkeit, genauer: des Rasens.

Das fliegende Haupthaar ist da, die satyrnhafte Fokussierung gewisser Teile des Anhangs aufs Geschlechtliche, mitunter auch wirklich eindrucksvolle Bäuche, denn manche Strukturprinzipien bleiben stets die gleichen, auch wenn die Personifikationen wechseln.

Antike Götter vs. zeitgenössische Rocksänger

Der Vorteil von antiken Göttern gegenüber zeitgenössischen Rocksängern ist nur der, dass sie selbst nicht dem körperlichen Verfall durch das von ihnen Repräsentierte unterliegen. Während Ozzy Osbourne nach einem Rückfall in die alten Alkohol- und Drogensüchte zuletzt trotzdem wieder erstaunlich bravourös zweieinhalbstündige Monsterkonzerte mit Black Sabbath aufgeführt hat, musste Lemmy Kilmister seinen Auftritt auf dem Heavy-Metal-Festival von Wacken im vorigen Jahr nach noch nicht einmal einer halben Stunde wieder abbrechen: die Gesundheit.

Allerdings ist Osbourne inzwischen auch 65 und Kilmister sogar 69 Jahre alt. Die SPD, nur mal zur Erinnerung, hält schon deutlich Jüngere für nicht mehr arbeitsfähig, selbst wenn die nie Trinker oder drogensüchtig oder prägende Figuren des Heavy Metal waren.

Jedenfalls: Deshalb war dieses Jahr der Auftritt von Ian Kilmister, genannt Lemmy, mit seiner Band Motörhead beim Festival in Wacken so zentral. Es geht nicht nur um ihn, es geht um das Ganze.

Und als er am Freitagabend Punkt 21 Uhr auf die Bühne trat, da sah er, das muss man leider sagen, schon erschreckend tatterig aus, geschwächt, ja: greisenhaft, seine Stimme flatterte wie die eines Opas, der seine Enkel zum letzten Mal um sich weiß, aber dann wurden ihm seine eigenen Lieder praktisch zur Krücke, er richtete sich an ihnen auf und gewann an Sicherheit durch Tempo.

Rasender Rollator

Das hätte man ja auch früher mal nicht gedacht, dass Motörhead eines Tages wie ein rasender Rollator klingen würden, und man Ehrfurcht davor hat. Nach zwanzig Minuten erstes ausgedehntes und übrigens sehr schönes Gitarrensolo von Phil Campbell, daher sofort Sorge, denn so hatte sich der Zusammenbruch beim letzten Mal auch angekündigt.

Aber diese Solos müssen jetzt offenbar regulär für die Pausen sorgen, in denen Kilmister hinter der Bühne ans Sauerstoffgerät darf. Nach 35 Minuten übernimmt deshalb sein wunderbarer Schlagzeuger Mikkey Dee diese Aufgabe, und dann macht Kilmister die Stunde tatsächlich noch voll, singt "Killed by Death" (zusammen mit der als unangekündigter Überraschungsgast über das Festival geisternden Doro Pesch) und als Zugabe auch noch "Overkill", und mehr als 70 000 Menschen vor seiner Bühne feiern beglückt den Fakt, dass er immer noch lebendig genug ist, um den Tod zu besingen. Denn der war, anders als in Arkadien, in Wacken immer schon zu Hause, allerdings als lyrisches Subjekt.

Aktuelles Lexikon: Power-Akkord

Der Power-Akkord, oft auch Powerchord genannt, ist das Grundelement des Hardrock und seiner jüngeren Varianten wie dem Heavy Metal. Power-Akkorde zeichnen sich durch ihre brachiale Druckwirkung aus, die vor allem bei jüngeren Zuhörern den Drang auslösen, die Gestik eines Gitarristen nachzuäffen. Bekannte Powerchord-Motive findet man im Song "You Really Got Me" von den Kinks, in "Smoke on the Water" von Deep Purple und dem überwiegenden Teil des Repertoires der Bands, die am Wochenende beim Open Air in Wacken auftraten. Für Gitarrenschüler sind Powerchords zu Beginn oft ein Rätsel, weil die klassischen Akkorde auf den sechs Saiten einer Gitarre nie eine solche Wucht entwickeln wie die Vorbilder. Der Trick des Power-Akkordes ist, dass er aus lediglich zwei Tönen besteht. Dabei handelt es sich um den Grundton und dem fünften Ton darüber, der Quint, wobei der Grundton oft noch mit seiner Oktave darunter oder darüber verstärkt wird. Notiert wird ein Power-Akkord beispielsweise in der Tonart C als C5. Entscheidend ist das Weglassen des sonst üblichen dritten Tons über dem Grundton, der Terz. Denn eine Terz führt bei einem Akkord, der elektrisch bis zur Verzerrung verstärkt ist, zu Dissonanzen. Beim Power-Akkord dagegen entstehen in der elektrischen Verstärkung durch Intermodulation Zwischenfrequenzen, die den Eindruck einer Klangwand schaffen. Andrian Kreye

Besingen von Tod und Teufel, bis die Kasse stimmt

Jetzt aber wird er zunehmend auch als reale Herausforderung greifbar: Die Zeitlichkeit hat Einzug gehalten in die Welt des Heavy Metal, wo Fortschritt sonst eigentlich eher keine Kategorie ist, bisher auch nicht der des Alters.

Aber nun konnte das Wacken Open Air an diesem Wochenende selber schon seinen 25. Geburtstag feiern, und Tom Araya, der Sänger der Gruppe Slayer, der selbst mit seinem weißen Wallebart inzwischen ausschaut wie ein Prophet des Alten Testaments, gratulierte fast ein wenig ergriffen.

1990, als das Festival ins Leben gerufen wurde, war Jeff Hannemann, der wichtigste Komponist der Gruppe, selber 25 Jahre alt, die entscheidende Phase seines Schaffens lag da bereits hinter ihm, und heute ist er schon nicht mehr unter uns: Vor zwei Jahren gestorben an einer Krankheit, die er sich selber ausgedacht haben könnte, als stimmungsvollen Songtitel: Necrotizing fasciitis.

Mit welcher Eisigkeit die verbliebenen Kollegen daraufhin mit einem Ersatzmann wieder zum Tagesgeschäft zurückkehrten, dem Herunterknüppeln des musikalischen Bestandes, das wurde selbst in ihrem fanatischen Anhang etwas pikiert zur Kenntnis genommen.

Die Zeitschrift Metal Hammer forderte mehr oder weniger sogar die Auflösung von Slayer, was etwas heißen will bei einem Magazin von ansonsten komplett panegyrischen Haltungen. Aber vielleicht ist Pietät nichts, was man ausgerechnet von Leuten erwarten sollte, die ihr Geld damit verdienen, Tod und Teufel zu besingen, und zwar nicht einmal wegen des Todes oder des Teufels, sondern wegen der Notwendigkeit, die beiden so oft und vor so vielen Leuten zu besingen, dass die Kasse stimmt.

Nachfrage größer als das Angebot

Metal ist ja - das lässt sich selbst bei konsequentester Weltflucht in Märchenreiche, wo nur Drachen und Streitäxte noch eine Rolle spielen, nicht ganz ausblenden - immer auch ein Business.

Das Organisieren von Open-Air-Festivals ist auf der anderen Seite gleichfalls ein Geschäft, das Marktbedingungen unterliegt, und auf diesem Markt ist das Angebot an sogenannten Headlinern augenscheinlich geringer als die Nachfrage.

Auch zum 25. Geburtstag sind daher weder Metallica noch AC/DC, die gemessen an ihrer Reichweite größten Bands des Genres, auf dem inzwischen größten Metal-Festival der Welt zu sehen, inzwischen fast die einzigen, die noch nicht da waren.

Stattdessen unter vielen anderen aber Megadeth, Kreator, Saxon, Accept und eben Slayer sowie Motörhead, auf Festivalplakaten eher die klassische zweite Reihe (was nichts über die Qualität sagt, nur über die kommerzielle Größenordnung). Der eigentliche Headliner, so hört man als offizielle Sprachregelung, sei das Festival inzwischen selber: Wacken Open Air als Gesamtereignis. Das klingt selbstbewusst, aber dazu besteht auch Grund.

Mythischer Bombast mit viel Rummsbumms

Bayreuth hat in diesem Jahr ja auch keine neue Inszenierung und ist trotzdem ausverkauft. Der Vergleich der Wagner- mit den Metal-Festspielen hat sich nicht nur wegen der Terminkongruenz eingebürgert. Es sind die beiden deutschen Musikereignisse mit der größten internationalen Ausstrahlung, ein Grund, im Hochsommer dieses Land zu besuchen.

Auch ist oft zu hören, dass in beiden Fällen mit viel Rummsbumms mythischer Bombast behandelt würde, worin sich in der Regel eine gewisse Skepsis gegenüber Gesamtkunstwerkszusammenhängen ausdrückt, in deren Innerem es völlig wurscht ist, was draußen darüber gedacht und gehöhnt wird, weil die sich ihre Kriterien selber geben.

Höllenwärts in den Boden gerammt

Der wesentlichste Unterschied wäre vielleicht am ehesten der, dass bedeutende Metal-Gitarristen noch mehr Stunden mit Üben zubringen als klassische Orchestermusiker, aber anders als diese ihr Geld komplett selber verdienen müssen, also ohne staatliche Subventionen. Wer wirklich böse sein will, muss nämlich ganz schön gut sein, das ist das ästhetische Paradox des Metal.

Die Feinfingrigkeit der eigentlichen Arbeit auf engen Gitarrensaiten bildet immerhin einen Kontrast zur Wucht von Klangwirkung und Publikums-Habitus, der letztlich immer noch gewaltiger ist als diese Klangwirkung und dieser Publikums-Habitus selber.

Diese Virtuositäts-Krawall-Dichotomie ist der Kern eines ästhetischen Wirtschaftens, das man vielleicht insofern als dionysisch bezeichnen könnte, als es dauernd Dinge aus der eher apollinischen Welt der Barockmusik entlehnt, elektrisch verstärkt und kopfüber, höllenwärts, in den Boden rammt.

Auch das Altersheim schaut vorbei

Kann also sein, dass das immer breiter werdende, inzwischen auch durchaus akademische Interesse an dem einst als eskapistischer Proletenradau abgetanen Heavy Metal (3sat! Arte Concerto!!) nicht nur ein typischer Fall dessen ist, was die Amerikaner "to get high on the low" nennen, Begeisterung am Niedrigen, weil: So "low" ist es ja eben nicht, selbst wenn das durch brüllende Trunkenheitszurschaustellungen immer wieder beteuert wird.

Das verstärkt den ästhetischen Gesamtkomplex sogar eher noch. Dass der wiederum in sich so mustergültig rund und geschlossen, so ganz auf sich selbst bezogen ist, macht ihn mittlerweile offenbar auch von außen bedenkenlos goutierbar:

Von seiner Besichtigungsfahrt (mit anschließender Besprechung der Eindrücke bei Kaffee und Kuchen) ließ sich zum Beispiel das Altersheim Itzehoe auch in diesem Jahr weder durch Obszönitäten noch Blasphemien abschrecken.

Lautester Campingplatz der Welt

Wacken, das schleswig-holsteinische Dorf, ist an diesem ersten Wochenende im August seit 25 Jahren vieles: ein Festival extremer Musik, der lauteste Campingplatz der Welt, die größte Bierausschankstelle, die einer bestimmten Brauerei aus Norddeutschland in den Schoß fallen konnte.

Alles zusammengenommen ist es vor allem das am preußischsten organisierte Bacchanal, das sich vorstellen lässt - auch in der Selbstreflektion, von der an diesen Tagen überall Schilder künden, auf denen dann steht: "Wer schwankt, hat mehr vom Weg. Wir helfen Euch dabei." Zum Spektakulären daran gehört, wie reibungslos trotzdem alles abläuft, und wie friedlich, geradezu lieb die Menschen da miteinander und mit ihren Räuschen umgehen.

Ian Kilmister, genannt Lemmy, ist das Versprechen, dass dieses Wochenende im Prinzip ein ganzes Leben dauern könnte. Auch alle Wutlust will ja Ewigkeit, und an den vier Tagen von Wacken ist sie nahe dran.

Dauerfeuer macht mürbe

Das hat offenbar kathartische Wirkungen. Bilder trunkener Gewalttätigkeit, wie sie im Vorfeld jenes Westberliner AC/DC-Konzertes entstanden, das dann in dem Film "Wir Kinder vom Bahnhof Zoo" als, bizarrer Einfall, Konzert von David Bowie ausgegeben wurde, die verschwinden offensichtlich mit der zunehmenden Härte, Geschwindigkeit, Brutalität der Musik. Man könnte auch sagen: Das Dauerfeuer macht mürbe.

In der Feldkuhle, wo das Festival einst begann und jetzt die Künstlergarderoben stehen, da wird nach dem Auftritt Sushi und Eiskrem gegessen, man bekommt Tee, und: Ein Pianist klimpert leise Barmusik. Das muss man den Siebzigtausend, die vorne professionell zum Rasen gebracht werden, nicht unbedingt sagen. Aber verstehen kann man es irgendwie.

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Quelle:
SZ vom 04.08.2014/rus
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