Süddeutsche Zeitung

Filmfestspiele von Venedig:Ein "Joker" für die Filmgeschichte

  • Todd Philipps neuer "Joker" ist beim Filmfestival von Venedig gewaltig eingeschlagen.
  • Der Film wirkt wie die meisterhafte Vorgeschichte von Christopher Nolans Werk "Dark Knight".
  • All das könnte kaum funktioneren ohne den Schauspieler Joaquin Phoenix, der die Qual dieser Figur in jeder Faser seines Körpers spüren will.

Sein zwanghaftes Lachen schmerzt in den Ohren, sein dürrer Körper ist kaum anzuschauen, die Qual in seinen Augen haut einen um. Und dann ist da noch dieses unkontrollierte Zittern in den Beinen, dieser Hang zum anfallartigen, völlig entrückten Ausdruckstanz, dieses Flackern von Glamrock, Lampenfieber und nacktem Wahnsinn. Joaquin Phoenix, das wurde am Samstagabend bei der Weltpremiere in Venedig klar, ist ein "Joker" für die Filmgeschichte. Und das will etwas heißen bei dieser Rolle, die schon Heath Ledger zu einer Intensität getrieben hat, hinter der dann nur noch der Tod lauerte.

Was hat diese Figur aus dem Universum der DC-Comics, Erzfeind des Superhelden Batman? Alle, die sich der Rolle annehmen, scheint sie an ihre Grenzen zu führen: Schon Jack Nicholson ließ 1989 in Tim Burtons "Batman" alle Sicherungen durchbrennen, was augenzwinkernden Camp betraf, und in eine ähnliche Richtung geht Jared Leto, im Duo mit seiner Gangsterbraut Harley Quinn in "Suicide Squad". Nochmal anders relevant und gefährlich aber wird es, als die gesamtgesellschaftliche Sprengkraft des "Jokers" zum Tragen kommt, in den Performances von Heath Legder und jetzt eben Joaquin Phoenix.

Christopher Nolan war es mit seinem Film "Dark Knight" (2008), der die Figur neu definierte: als Agent des reinen Chaos. Mitten in der globalen Finanzkrise wurde der Joker nicht nur der Feind jeder Ordnung, sondern auch der Hauptfeind des globalen, alternativlos gewordenen Kapitalismus der Superreichen. "Why so serious?" fragte er und demonstrierte, dass es sehr wohl Alternativen gibt, wenn man der Krise ins Gesicht lacht und nichts mehr zu verlieren hat - die Feuerwerke des Untergangs. Das traf beim Publikum weltweit einen erstaunlichen Nerv.

Fallstudie eines Mannes, der brutal in die Fresse kriegt

Todd Philipps neuer "Joker", der beim Filmfestival von Venedig gewaltig einschlug (deutscher Kinostart: 10. Oktober), wirkt wie die meisterhafte Vorgeschichte dieses Films. An Superschurkentum ist da Anfangs gar nicht zu denken - während Gotham im Müllstreik versinkt, nimmt der psychisch schwer gestörte Arthur Fleck, der an krankhaft unmotivierten Lachanfällen leidet, brav seine Medikamente, schlägt sich mit winzigen Werbejobs im Clownskostüm durch und träumt vom Erfolg als Standup-Comedian, obwohl nicht einmal seine kranke delirierende Mutter ihn für lustig hält.

Dies hat mit einer Comicverfilmung, wie man sie bisher kennt, nichts mehr zu tun - es ist die Fallstudie eines Mannes, der wirklich bei jeder Gelegenheit brutal in die Fresse kriegt, in einer Stadt voller Hoffungsloser und aggressiver Bullies. Und der dann eines Tages eine Pistole hat, weshalb die nächsten Bullies in der Subway, drei üble Investmentbankerschnösel, sterben müssen. Die Massen feiern den unbekannten Mörder mit der Clownsmaske, woraufhin der Boss der Getöteten, der Milliardär Thomas Wayne, gleich alle Armen als "Clowns" bezeichnet. Es brodelt in Gotham, plötzlich sind Clownsmasken überall.

Thomas Wayne ist niemand anders als der Vater von Bruce Wayne, des künftigen Batman. Dieser ist hier etwa acht Jahre alt und ein unschuldiges Kind, aber sein alter Herr wird als ein derartiges Schwein gezeigt, dass sich die Sympathiewerte im ganzen Batman-Kosmos bedenklich verschieben. Kaum besser ist Murray Franklin (Robert de Niro), ein populärer Talkshow-Host. Als jemand Arthur Flecks gescheiterte Standup-Versuche mitfilmt, bringt er sie ins Fernsehen und macht sich gnadenlos darüber lustig. Dann lädt er den Gedemütigten, der seine Show über alles liebt, auch noch in seine Sendung ein.

Joaquin Phoenix - fast zu intensiv, um normale Menschen zu verkörpern

Sagen wir mal so, das hätte er besser nicht getan. Denn das wird nun die eigentliche Geburtsstunde des "Jokers" - kein zufälliger Sturz in einen Säuretank, wie er früher (und auch noch bei Jack Nicholson) die Herkunft des "Joker"-Wahnsinns erklären musste. Nein, dieser "Joker" ist menschengemacht, er ist auch das Produkt von Budgetkürzungen im Gesundheitswesen, wodurch er seine Medikamente verliert, eines durch und durch herzlosen Systems. Kann eine derart flammende Anklage von Todd Phillips kommen, bisher vor allem bekannt durch die wilden "Hangover"-Komödien? Offenbar ja - und das heißt, dass jetzt fast alles möglich ist. Wenn Hollywood seine Gesellschaftskritik in diesem Tempo weiter verschärft, sind sie in zwei Jahren beim direkten Aufruf zur Revolution.

Aber all das könnte kaum funktioneren ohne einen Schauspieler, der die Qual dieser Figur in jeder Faser seines Körpers spüren will. Joaquin Phoenix war schon all die Jahre fast zu intensiv, um normale Menschen zu verkörpern, aber hier stürzt er sich in den Wahnsinn und schaut nicht mehr zurück. Man spürt keinen Millimeter Distanz zu den Träumen dieses Arthur Fleck, zu seinen Hoffnungen und Illusionen, seiner Erniedrigung, seinem Schmerz und seiner Wut. Phoenix habe in diesem Film einen "Zustand der Gnade" erreicht, sagt Alberto Barbera, der Festivalchef von Venedig, und sei an Orte gelangt, "wo wenige Schauspieler je hinkommen, wo es verstörend wird. Müsste ich den Oscar vergeben, hätte ich keinerlei Zweifel".

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