Süddeutsche Zeitung

Zaha Hadid und Chipperfield gegen Putin:Auf Eis

Lesezeit: 4 min

In Russland steht die große Architektur jetzt still, die Büros von Zaha Hadid und Chipperfield stoppen wegen des Kriegs ihre Projekte. Hier war immer möglich, was andernorts scheiterte.

Von Laura Weißmüller

Der große Baustopp hat in der Architektur nicht lange auf sich warten lassen. Fast egal, bei wem man nachfragt, die meisten, die Projekte in Russland durchführen, haben diese wegen des Ukraine-Krieges mittlerweile auf Eis gelegt. Die Liste der betroffenen Büros liest sich dabei wie das Who's who der Architektinnen und Architekten: Zaha Hadid Architects und David Chipperfield sind genauso darunter wie OMA, MVRDV, Herzog & de Meuron oder gmp aus Hamburg. Sie alle betonen ihre Solidarität mit der Ukraine.

Dass derart bekannte Vertreter ihrer Sparte sich zum Handeln gezwungen sehen, ist nicht wirklich überraschend. Russland hat in den vergangenen 20 Jahren, ähnlich wie China oder die arabischen Emirate, gerne mit spektakulären Gebäuden der internationalen Architektenelite für Aufsehen gesorgt. Was andernorts an Budgets oder Bauauflagen scheiterte, war hier möglich. So baute etwa Rem Koolhaas 2015 Russlands bekanntester Kunst-Mäzenin Darja Schukowa (damals Noch-Ehefrau von Roman Abramowitsch) mit dem Garage Museum of Contemporary Art ein silbern glänzendes, mondänes Kunstmuseum in den Moskauer Gorki-Park.

Im selben Jahr lieferte Zaha Hadid mit dem Dominion-Bürogebäude der russischen Hauptstadt ein dynamisch geschlungenes Bürogebäude, dessen Treppenhaus es mit einer Piranesi-Zeichnung aufnehmen könnte. Der dänische Architekt und Fußgängerpapst Jan Gehl beriet Moskau, wie die Stadt menschenfreundlicher werden könnte. Und Diller Scofidio + Renfro, das US-amerikanische Büro, dem New York seine Highline verdankt, gestaltete vor fünf Jahren den Moskauer Sarjadje-Park dermaßen glamourös und gleichzeitig visionär um, dass die urbane Zukunft endgültig in Moskau gelandet zu sein schien.

Vorbei. Das niederländische Büro OMA, mitbegründet von Rem Koolhaas, erklärte Anfang der Woche etwa: "Aufgrund der von der russischen Führung initiierten Aggression in der Ukraine hat OMA alle Arbeiten an russischen Projekten bis auf Weiteres eingestellt." Betroffen von dieser Entscheidung ist etwa die renommierte Neue Tretjakow-Galerie in Moskau. An der Renovierung des sanierungsbedürftigen Originalbaus aus den Sechzigerjahren arbeitet OMA schon seit Jahren.

Der britische Wirtschaftsminister erklärte, Unternehmen seien "moralisch verpflichtet", Russland zu isolieren

Bei dem ebenfalls in Rotterdam ansässigen Büro MVRDV heißt es: "Wir sind solidarisch mit all den Menschen, die sich diesem Krieg widersetzen und dagegen protestieren, und wir verurteilen die Gewalt aufs Schärfste. Als Architekten und Stadtplaner arbeiten wir in vielen Ländern, um etwas zu bewegen, und wir glauben von ganzem Herzen an den internationalen Dialog und an den Frieden. Aus diesem Grund haben wir unsere Beteiligung an Projekten in Russland bis auf Weiteres eingestellt." Zu diesen gehört etwa das knapp 80 Meter hohe, spektakulär zerklüftete rote Wohngebäude "Red 7" in Moskau.

Auch David Chipperfield Architects und Zaha Hadid Architects wollen ihre Bauprojekte in Russland aktuell nicht fortführen. Erstere erklären in einem Statement: "Angesichts der Invasion in der Ukraine und mit dem vollen Verständnis und der Unterstützung unserer Kunden hat David Chipperfield Architects beschlossen, alle Arbeiten in Russland einzustellen. Wir verurteilen die Handlungen Putins und der russischen Regierung und stehen in Solidarität mit der Ukraine und ihrem Volk. Als Büro glauben wir an Dialog, Offenheit und Engagement; Werte, die in direktem Gegensatz zu dem anhaltenden Krieg stehen. Wir fordern ein sofortiges Ende dieser menschlichen Tragödie und sind in Gedanken bei den unschuldigen Opfern dieser ungerechtfertigten Aktion." Konkret pausiert deswegen nun die Sanierung des Zentralen Telegrafengebäudes in Moskau aus den Zwanzigerjahren.

Zaha Hadid Architects (ZHA) aus London unterstreichen in ihrem Statement zunächst die Bedeutung von Russland für das Büro: "ZHA ist seit vier Jahrzehnten in Russland tätig. Zaha Hadid wurde ursprünglich von den Werken der russischen Avantgarde inspiriert, und viele unserer Mitarbeiter haben Architekturstudenten an Universitäten im ganzen Land unterrichtet." Trotzdem ziehen ZHA die gleichen Schlüsse aus dem Ukraine-Krieg wie ihre Kollegen: "Wir sind zutiefst schockiert und traurig über den Konflikt in der Ukraine und haben unsere beiden laufenden Projekte in Russland auf Eis gelegt." Weswegen aktuell die Arbeit am Sberbank Technopark in Moskau, Russlands Silicon Valley, nicht fortgesetzt wird. Weiter heißt es bei ZHA: "Wir haben unsere Arbeiten an allen anderen Projekten in dem Land abgeschlossen und verfolgen weiterhin die Anweisungen der britischen Regierung."

Im Statement des Büros der verstorbenen Zaha Hadid klingt damit an, dass die Architekten sich bei ihrer Entscheidung auch an Vorgaben aus der Politik halten. So hatte der britische Wirtschaftsminister Kwasi Kwarteng auf Twitter erklärt, dass "britische Unternehmen nun moralisch verpflichtet sind, Russland zu isolieren", und dass "Russlands nicht provozierte Invasion in der Ukraine ein Weckruf für britische Unternehmen mit Geschäftsinteressen in Russland sein muss".

Einen derartigen Appell hat es von der deutschen Regierung an hiesige Firmen bislang noch nicht gegeben. Gleichwohl wird es in absehbarer Zeit sowieso schwierig werden, Bauprojekte in Russland überhaupt noch zu realisieren. Nach dem Ausschluss russischer Banken aus dem internationalen Zahlungs- und Kommunikationssystem Swift dürfte der Zahlungsverkehr bei schnell mal mehrere Hundert Millionen Euro teuren Bauprojekten problematisch werden. Ganz zu schweigen vom rasant fallenden Rubelkurs.

Unabhängig vom wirtschaftlichen Druck erhöht sich aber auch der moralische Druck in der Architekturwelt. Mit Bee Breeders und Malcolm Reading Consultants haben zwei der führenden Unternehmen, die internationale Architekturwettbewerbe veranstalten, bereits verkündet, in Zukunft keine russischen Einreichungen mehr zu berücksichtigen. Die Nationale Architektenunion der Ukraine fordert derweil die Internationale Architektenunion (UIA) auf, die Union der Architekten Russlands aus der Organisation auszuschließen. "Diejenigen, die das Vorgehen Russlands nicht verurteilen, unterstützen es", erklärte der Präsident der Nationalen Architektenunion der Ukraine, Oleksandr Chyzhevsky, in einem Brief an die UIA. "Wir sind überzeugt, dass die UIA über die Mitgliedschaft Russlands entscheiden muss." Bislang versichert ein Statement der UIA auf deren Homepage der Ukraine "nur" ihre Solidarität.

Bei allen Architekturbüros, die ihre Projekte auf Eis gelegt haben, klingt in ihren Statements die Hoffnung durch, diese wieder aufnehmen und fertigstellen zu können, sobald die politische Lage das erlaubt. Klar ist aber auch, dass selbst die transparentesten, optimistischen und glamourösesten Entwürfe nicht darüber hinwegtäuschen werden, in welchem Land diese Gebäude entstehen.

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