Süddeutsche Zeitung

Talkshow "3 nach 9":Der Schöne und das Biest

"Man kann doch eine Persönlichkeit nicht spalten": Dass "Feuchtgebiete"-Autorin Charlotte Roche mit Giovanni di Lorenzo "3 nach 9" moderiert, ist im kleinen Bremen ein großes Politikum.

Es wäre ja zu interessant zu wissen: Würde Charlotte Roche künftig auch 3 nach 9 moderieren, hätte sie den Roman Feuchtgebiete nicht geschrieben?

Hätten also ihre Fähigkeiten als Moderatorin bei Viva ausgereicht, sich für den Platz an der Seite von Giovanni di Lorenzo bei Radio Bremen zu empfehlen? Und falls man diese Frage mit "Ja" beantworten könnte, was eine gewagte Annahme ist: Hätte trotzdem eine solche Empörung über diese Personalie angehoben? Roche und 3 nach 9 sind ein Politikum in Bremen.

Die Freitags-Talkshow im Dritten ist längst derart institutionalisiert, dass die Frage, wer da abends in lockerer Runde zwei Stunden plaudern darf, zu einer Staatsangelegenheit geworden ist. Man liest denn auch allenthalben, Roche sei als Nachfolgerin von Amelie Fried an die Seite di Lorenzos "berufen" worden, so wie Richter an die höchsten Gerichte berufen werden oder der Papst nach Rom. Dabei hat sie der Sender einfach nur engagiert.

Daran ist zu ermessen, wie sehr sich Bremen, der Kleinststaat der Republik, mit seinem Staatsfernsehsenderchen identifiziert. Radio Bremen - und damit Bremen - hat vor 30 Jahren und ein paar zerquetschten die Talkshow erfunden. Früher war das revolutionäres Fernsehen, eine Sendung, in der Fritz Teufel den damaligen Bundesminister Hans Matthöfer mit Zaubertinte aus einer Wasserpistole beschoss. Unvergessen. Solche Ereignisse haben den Ruf der Runde als frischer, frecher und freier als alle anderen begründet.

Zuletzt sind solche Sachen aber nicht mehr vorgekommen. 3 nach 9 ist TV-Establishment, und die spannendsten Sendungen der jüngeren Zeit waren Rückblicke auf lange vergangene Tage. Die Mutter aller Talkshows war spießig geworden.

Vor diesem Hintergrund ist es eine gewitzte Entscheidung, Charlotte Roche, 31, den Job neben Giovanni di Lorenzo, 50, anzubieten. Der Schöne und das Biest regen die Phantasie an und die Politik auf, so sehr, dass die frühere Bremer Kulturstaatsrätin Elisabeth Motschmann bereits den Untergang des Senders samt Abendland befürchtet.

Wer sich selbst als "perverse Sau" bezeichne und seine Romanfigur Helen Memel sagen lasse, sie könne sich "sehr gut und gerne Sex mit meinem Vater vorstellen", sollte nicht bei Radio Bremen einziehen. Deshalb zog Motschmann mit einem sechsseitigen Positionspapier wider die Quotengier in eine Sitzung des Fernsehausschusses von Radio Bremen, deren zweite Vorsitzende sie ist.

Der Fernsehausschuss tat sich dann etwas schwer, der CDU-Politikerin zu folgen, da er sich selbst daran erinnerte, er habe Sendungen zu bewerten, wenn diese tatsächlich gesendet wurde - und nicht Moderatoren zu kritisieren, bevor die das erste Wort gesprochen haben.

Zurück zum Anfang: Elisabeth Motschmann glaubt nicht, dass Radio Bremen nur Roche, die Moderatorin, eingestellt hat, sondern vor allem Roche, die Autorin: "Man kann doch eine Persönlichkeit nicht spalten." Naja, wenn ein Medium Persönlichkeiten spalten kann, dann ist es das Fernsehen. Die öffentliche Spaltung von Charlotte Roche beginnt am Freitag, denn 11. September, 22 Uhr, live im Dritten Programm des NDR.

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SZ vom 17.08.2009/gba
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