Süddeutsche Zeitung

Plattenkabinett:Noch mehr Alben des Jahres

Lesezeit: 6 min

Daft Punk tanzen auf Rollschuhen durchs Wohnzimmer, Tocotronic schreiben ein Manifest mit Schulaufsatz-Titel und Deafheaven sieben Stücke für die Apokalypse. Die Autoren des Plattenkabinetts haben ihre Alben des Jahres 2013 gekürt.

Von Thierry Backes, Kathleen Hildebrand und Bernd Graff

Vergessen Sie das rosa Hemd, die Pornobrille und die Rotzbremse, trug man damals halt so. Es geht hier um den Oscar, den Giorgio Moroder mitgebracht hat. Wir sind auf der Bühne von Auf los geht's los und ARD-Showmaster Joachim Fuchsberger sagt Sachen wie " Das isn Ding, nicht?" Moroder hatte den Goldjungen 1978 mit "The Case" gewonnen, der Filmmusik zu "Midnight Express", die er elektronisch eingespielt hatte. "Mit einem Synthesizer?", fragt Blacky. "Oder wie das heißt."

35 Jahre später widmen die französischen Elektro-Roboter von Daft Punk Moroder das Herzstück ihres Albums "Random Access Memories", ach was, sie schenken es ihm, sie werfen sich vor ihm in den Staub. Neun Minuten und fünf Sekunden lang reisen sie in den Kosmos des Komponisten und lassen ihn - ziemlich ungewöhnlich für ein Pop-Album - erzählen:

"I wanted to do an album with the sounds of the 50s, the sounds o f the 60s, of the 70s and then have a sound of the future. Wait a second: I know the synthesizer. Why don't I use the synthesizer, which is the sound of the future? (...) I knew that could be a sound of the future, but I didn't realize how much the impact would be."

Das alles gipfelt im wunderbaren Satz: "My name is Giovanni Giorgio, but everybody calls me..." Pause. "Giorgio." Irgendwann wird man sich an diese Passage erinnern wie an das Bild von Leonardo DiCaprio, der auf der Reling der animierten Titanic steht und ruft: "I'm the king of the world!"

Daft Punk untermalen ihrer Eloge an den Großmeister des Munich Disco Sound mit Synthesizer-Melodien, die auch aus Moroders Musicland Studios im Arabellapark hätten stammen können. Guy-Manuel de Homem-Christo und Thomas Bangalter verzichten zwar weitgehend auf Samples. Aber sie arbeiten mit den Mitteln von damals, mit fiesen Stimmverzerrern (Vocodern) etwa - Moroder spricht an einer Stelle auch von einem legendären Zaubergerät namens Moog Modular - und gießen den Klang in eine perfekte High-End-Produktion. Retrofuturismus haben die Kritiker das getauft, und das trifft es ganz gut.

Soweit zur Theorie. In der Praxis erreichen Daft Punk mit Clubmusik die breite Masse. Sie werfen die Nebelmaschinen an und die Lasermaschinen, kleben Glitzer auf ihre Helme und tanzen auf Rollschuhen durch die heimischen Wohnzimmer. Sie lassen Julian Casablancas, ja, den Strokes-Sänger, glänzen ("Instant Crush"), schreiben mal eben den Hit des Jahres ("Get Lucky") und schließen das Album mit einer kunstvollen Soundbreiorgie ab, die zum Abspann jedes x-beliebigen David-Lynch-Films laufen könnte. Das untermalt noch einmal den Anspruch von "Random Access Memories". Egal, was die Kollegen schreiben: Besser war 2013 niemand. (Thierry Backes)

Das Christkind legt dieses Album gerne unter den Baum von Trekkies. Alle anderen haben es eh schon.

Diese Alben waren ebenfalls Anwärter auf den Titel "Platte des Jahres": Moderat - "II"; Woodkid - "The Golden Age"; Arcade Fire - "Reflektor".

Wer dieses Album in zehn Jahren auflegt, denkt: "Geil, was die in den Siebzigern so gemacht haben. (...) Wie, das ist nicht aus den Siebzigern?"

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Manifest mit Schulaufsatz-Titel

Es gibt nur wenige zyklisch wiederkehrende Kulturereignisse, die mein Leben im Rückblick strukturieren - an denen ich mich zurückhangeln kann und die mich sagen lassen: Ach, das war das Jahr, in dem... Das Erscheinen eines neuen Tocotronic-Albums gehört dazu. Ein Jahr, in dem ein Tocotronic-Album erscheint, ist ein Tocotronic-Album-Erscheinungsjahr, da kann kommen, was will. Und natürlich gilt auch der Rückschluss: Das Album eines solchen Jahres ist für mich eben - ja, genau.

Das annum tocotronici 2013 begann verheißungsvoll: "Hey, hey, hey", sang Dirk von Lowtzow sanft in leicht psychedelische Beach-Boys-Klänge hinein und kündete von einer sanften, fröhlichen Revolution. Für die Dauer von einer Stunde und zwanzig Minuten schien der Wandel der Welt zum Guten nur eine Ansage zu brauchen: "Wie wir leben wollen". Als müsste man nur mal ein kleines Manifest mit diesem Schulaufsatz-Titel schreiben. Jetzt sagt halt mal. Dann wird das schon!

Tocotronic tun einfach so, als sei es bereits so weit. Als seien alle Schlachten längst gewonnen, singen sie heitere Hymnen an die Passivität ("Warte auf mich auf dem Grund des Swimmingpools"), an alles Weiche ("Wir haben weiche Ziele/Wir sind Plüschophile"), das Dämmerlicht, die Schwäche, das gemütliche Mittelmaß. An all das, was in der Welt sonst keinen Platz mehr hat. So wie das analoge Equipment aus den Fünfzigern, mit dem die Band dieses Album aufgenommen hat.

Konkrete politische Zeilen kippen in diesen Post-Revolutionsliedern sofort wieder ins Rätselhafte: "Europas Mauern werden fallen/An Anemonen und Korallen". Das ist schön, weil die Lieder so nie zum schlicht-linken Demo-Soundtrack werden - aber natürlich lässt es einen auch ein bisschen verzagt in der lyrischen Diskurswolke zurück: Wie denn nun, Tocotronic, wollt ihr leben? Nix zu machen: "Eins zu eins ist jetzt vorbei", sang von Lowtzow schon auf dem weißen Album von 2002.

Egal. "Wie wir leben wollen" ist nicht nur ein überquellender Utopienfundus, es birgt auch die schönsten, kitschärmsten Liebeserklärungen der jüngeren deutschsprachigen Popmusik. Die Nummer eins, zu finden im Lied "Neutrum": "Möchtest du mich begleiten/ Als lebenswichtiges Organ". (Kathleen Hildebrandt)

Das Christkind legt dieses Album gerne unter den Baum von Menschen, die davon reden, in ein alternatives Wohnprojekt ziehen zu wollen.

Diese Alben waren ebenfalls Anwärter auf den Titel "Platte des Jahres": Haim - "Days are gone"; Dagobert - "Dagobert".

Wer dieses Album in zehn Jahren auflegt, denkt: "Was für Propheten!"

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Sieben Tracks zur Apokalypse

Diese Entscheidung ist nicht leicht gefallen. Und, falls das noch jemanden außer mir interessiert, sie offenbart einen etwas unsteten, disparaten Musikgeschmack, der auf einen kleinsten gemeinsamen Nenner verzichtet. Komisch, rührend, verrückt. Keine Ahnung. Nur: Wie kann man das gleichzeitig gut und jahresalbenverdächtig finden? Denn es wurde im Verlauf dieser Kür der Platte des Jahres ernsthaft erwogen, Patty Griffins "American Kid", ein reinrassiges, unverstelltes American Folk-Album, Nick Cave & The Bad Seeds Live-Album "Live from KCRW" mit noch einer Version von Mercy Seat, The National mit "Trouble Will Find Me", dazu noch The Knife mit "Shaking Habitual" und Vampire Weekends "Modern Vampires of the City" als Bestalbum auszuwählen.

Diese Alben haben alle miteinander das zu tun: gar nichts. Und das Album, dass dann schließlich gewählt wurde, passt exakt in diese Reihe. Auch dieses hat nichts mit allen anderen zu tun.

Warum ich mich nun aber für "Sunbather" von Deafheaven entschieden habe und nicht für "Outlaw Gentlemen & Shady Ladies" von Volbeat, auch dieses ist 2013 erschienen, liegt daran, dass Deafheaven sicherlich weniger oft melodisch arbeiten, dafür viel konsequenter ihre Shoegazing- und Post-Metal-Einflüsse betonen als die Metall-Dänen. Auch wenn ein Stück wie "Irresistible" daherkommen mag wie die Almweihnacht in Kitzbühel, sorgt schon der anschließende Titelsong "Sunbather" dafür, dass die Band wieder mit sich im dunklen Lot ist.

Nur sieben Tracks hat dieses Album, es sind die sieben Tracks zur Apokalypse: Schwarz wie richtig guter Kaffee ist dieses Album also, das so harmlos rosarot verpackt ist. Stücke sind gerne mal über 10 Minuten lang, es dringt ein Inferno-Gedrumme und eine kreatürlich gequälte schmerzensstarke Stimme aus ihnen, die einem das Herz zerreißt und klingt, als habe man sie erst bis zur Verzerrung verstärkt, um sie dann wieder zu dimmen.

Man weiß darum gar nicht: Ist das jetzt Aggression oder Notwehr, was da aus den Boxen herausschwemmt, ist es Polizeifunk oder Schwarze Messe, wo genau ist die Granate eingeschlagen und: Kann Musik verrückt machen? Man versteht also nicht gleich, auf welcher Beerdigung man sich gerade befindet, nur, dass einen die auch in sich wandelbaren Tracks sehr und nachhaltig beschäftigen, das ist sicher.

Zuletzt hat der Wüstenrock von Kyuss so angefasst wie die Wall of Sound, welche die mal zwei, mal fünf Herren aus San Francisco da aufbauen. Und, bitte einmal hinhören, das ist nicht mehr nur Black Metal, da glimmt und glüht immer etwas feuerrot, man weiß nur nicht, was es ist: Die heiß gelaufenen Gitarren? die Sticks des Drummers Daniel Tracy? Die Augen des Sängers George Clark oder die Nerven der Zuhörer, die das Wechselbad der Songgefühle nicht aushalten? Eine richtig sehr gute Platte also! Hat sich das Jahr also doch gelohnt. (Bernd Graff)

Das Christkind legt dieses Album gerne unter den Baum von Menschen, die auf den düstereren Bildern des niederländischen Renaissance-Malers Pieter Bruegel dem Älteren zu sehen sind - den noch lebenden Menschen auf diesen Bildern, versteht sich.

Diese Alben waren - wie gesagt - ebenfalls Anwärter auf den Titel "Platte des Jahres": Patty Griffin: "American Kid"; Nick Cave & The Bad Seeds: "Live from KCRW"; The National: "Trouble Will Find Me"; The Knife: "Shaking Habitual"; Vampire Weekend: "Modern Vampires of the City".

Wer dieses Album in zehn Jahren auflegt, denkt: "Jetzt weiß ich wieder, warum die Jungs nie im Radio gespielt werden."

Falls Sie die Playlist nicht abspielen können, melden Sie sich bitte bei Spotify an. Unten finden Sie Platten, die in dieser Rubrik in der Vergangenheit besprochen wurden:

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