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Neues Album "Day Breaks":Norah Jones - Ihre Songs sind keine Seufzer mehr, sondern Statements

Fünf Alben lang klang die amerikanische Musikerin unerträglich weinerlich. Auf "Day Breaks" bekommt die Musik von Norah Jones endlich den Soul, den sie verdient hat.

Albumkritik von Andrian Kreye

Man sollte mit einer kleinen, gehässigen Anekdote beginnen, um zu illustrieren, warum Norah Jones zwar seit fast fünfzehn Jahren weltweit so erfolgreich ist wie Adele, aber gleichzeitig vielen - und nicht nur Jazzhörern - all die Jahre ziemlich auf die Nerven ging. Was dann in der Folge der Botschaft mehr Gewicht verleiht, dass ihr mit "Day Breaks" (Blue Note) ein wirklich gutes Album gelungen ist. Und zwar nicht nur, weil sie zu ihren Wurzeln im Jazz zurückgekehrt ist.

Die Begebenheit spielt an einem Sommerabend in New York. Norah Jones war bei einem der Musikfestivals, mit denen die vielen Stadtparks in den warmen Monaten um Besucher konkurrieren, der Headliner des Abends. Gleich vor ihr trat Robbie Williams auf. Das war natürlich nicht ganz fair von den Veranstaltern oder auch einfach nur dumm, weil Robbie Williams seine Auftritte mit dem Hochdruck eines Las-Vegas-Entertainers absolviert und das Publikum in einem euphorischen Erschöpfungszustand zurücklässt, gegen den niemand eine Chance hat, schon gar keine Sängerin mit jazzigen Folkballaden. Aber weil in Amerika kaum jemand Robbie Williams kennt, musste er sich eben mit einem Vorgruppen-Platz zufrieden geben. Was dazu führte, dass einige "Young Americans" im Publikum, die sich gerade eineinhalb Stunden begeistert gefragt hatten, warum sie von diesem britischen Weltstar noch nie etwas gehört hatten, sich nach zwei Strophen von Norah Jones verwundert ansahen und einer trocken bemerkte: "Da kriege ich Lust, mir die Pulsadern aufzuschneiden."

Das klingt böser, als es gemeint war (in amerikanischen Großstädten ist der Ton auch bei den gesitteten Ständen etwas rauer als in Europa), bringt das Problem mit Norah Jones aber auf den Punkt.

Diese Rehäugigkeit, die Norah Jones auch auf ihren Bildern inszeniert, ist ein Problem

Beim nochmaligen Durchhören ihres Gesamtwerks von bisher fünf Alben und ein paar Gemeinschaftsprojekten fällt einem ja zunächst einmal auf, was für eine beständig gute Songschreiberin und Musikerin sie ist. Wenn man genau hinhört, transportierte sie die Tradition der "Torch Songs" in die Gegenwart, jene Klagelieder enttäuschter Liebe, die Dinah Washington, Judy Garland und Barbra Streisand groß gemacht haben. Jones reduzierte dafür die großen Gesten mit Orchester auf jenen Minimalismus, der mit heruntergedimmten Gospelorgeln, defensivem Schlagzeug und Gitarren mit Country-Einschlag für jene Zeitlosigkeit guten Geschmacks sorgt, die es erlauben soll, mit Popmusik älter zu werden.

So weit, so gut, wäre da nicht Norah Jones' - nein, es ist nicht einmal ihre Stimme. Es war immer diese emotionale Werkeinstellung, die ihren Gesang einer Melancholie unterwarf, die eigentlich weit unter ihrem Potenzial lag. Das war bisher eben nicht die inbrünstige Verzweiflung der Torch Songs, die zum Beispiel Adele so furios heraufbeschwört. Und es war auch nicht der Blues, der den Minimalismus des Erwachsenenpop zum Glühen und Lodern bringen kann.

Es war vielmehr diese Rehäugigkeit, die Norah Jones auch auf ihren Pressebildern inszeniert, diese Mischung aus Demut, Seufzern und gespielter Unschuld, die ihrer Musik im Kern eine Weinerlichkeit aufzwang, die sehr viel kleiner war als ihre Songs und ihr Talent. Man möchte ihr beim Anhören der bisherigen Alben am liebsten Sheryl Sandbergs "Lean In" oder sonst irgendeines dieser Ermächtigungsbücher auf den Klavierdeckel knallen, in denen steht, dass Frauen ihre Stimme nicht so devot verhauchen oder am Satzende wegrutschen lassen sollen.

Sicher steckt in der Kritik an ihrer Säuseligkeit ein ähnlich unangenehmer Chauvinismus wie im Gequengel konservativer Jazzhörer, dass da eine junge Folksängerin die Unverfrorenheit besessen hat, ihr ehrwürdiges Blue Note Label zu retten, weil sie es eben mit allen fünf Alben in Amerika und Deutschland auf die ersten drei Chartplätze schaffte.

Blues kann nur jemand singen, dessen Leben ein Jammertal ist

Wobei man sagen muss, dass sie damit ja wirklich nicht nur Männern auf die Nerven geht. Die Ungerechtigkeit in der eingangs zitierten fiesen Bemerkung im New Yorker Stadtpark liegt eher in der Arroganz der Gutgelaunten, die den kleinen Melancholien absprechen, genauso weh zu tun wie ein handfester Blues. Von dem heißt es ja, dass man ihn wirklich nur singen kann, wenn die Familie vor Generationen aus der Heimat vertrieben wurde und das Leben auch sonst ein Jammertal ist.

Das alles wäre einem vielleicht nicht weiter aufgefallen, man hätte sich das neue Album vielleicht gar nicht so genau angehört, weil man ja nicht alles gut finden muss, was sehr viele mögen, wenn "Day Breaks" nicht ein Neuanfang wäre. Musikalisch ist sich Jones durchaus treu geblieben. Auch wenn sie ihre neuen Songs öffentlich zum ersten Mal im Sommer beim Newport Jazz Festival vorstellte (das an diesem Abend zum ersten Mal seit fünfzehn Jahren wieder ausverkauft war). Und auch wenn sie jetzt wieder mehr Klavier als Gitarre spielt und sich ein paar alte und jüngere Veteranen des Blue Note Labels ins Studio holte, wie den Saxofonisten Wayne Shorter, den Organisten Lonnie Smith und den Schlagzeuger Brian Blade.

Mit einem Mal sind ihre Torch Songs keine Seufzer mehr, sondern klare Statements

Das Credo ihrer Erneuerung findet sich im dritten Song "Flipside". Da singt sie "I finally know who I'm supposed to be. My mind was locked but I found the key" (Ich weiß endlich, wer ich sein soll, mein Verstand war verschlossen, aber ich habe den Schlüssel gefunden). In dem Song liegt auch der musikalische Subtext, der sich durch das Album zieht. "Flipside" ist eine unverhohlene Variation der Bürgerrechtshymne "Compared To What" von Les McCann und Eddie Harris. Den Song habe sie vor einiger Zeit wie manisch immer wieder durchgehört, sagte sie neulich.

Überhaupt scheint sie sich tief in ihrer Plattensammlung vergraben zu haben. "Carry On" ist ein Hybrid aus dem Swing-Klassiker "Makin' Whopee" und "Bridge Over Troubled Water" in der Gospelversion, die Aretha Franklin auf ihrem "Live at Fillmore West"-Album sang. Damit ist Jones sicherlich ganz auf der Höhe der Zeit, weil sich von Kendrick Lamar über Beyoncé bis zu David Bowie in letzter Zeit offensichtlich die gesamte Popwelt durch ihre Jazzplattensammlungen gehört hat.

Was aber wirklich überrascht, ist die neue Festigkeit in ihrer Stimme, die sie in "Flipside" thematisiert. Mit einem Mal sind ihre Torch Songs keine Seufzer mehr, sondern klare Statements. Mit dieser neuen Festigkeit bekommen ihre Songs auch endlich den Soul, den sie verdient haben. Mit den zwölf Songs singt sie sich auf "Day Breaks" in die erste Reihe, in die sie ihr Erfolg längst katapultiert hat. Und wie es sich gehört, knüpft sie mit drei Coverversionen auch gleich noch an mächtige musikalische Wurzeln an, singt "Don't Be Denied" von Neil Young, "Peace" von Horace Silver und beweist sich bei "Fleurette Africaine" auch noch als Pianistin, die es sich erlauben kann, sich an Duke Ellington zu versuchen.

Man hat das übrigens ahnen können. Vor drei Jahren veröffentlichte sie zusammen mit Billy Joe Armstrong von Green Day das Album "Songs Our Daddy Taught Us", auf dem sie zusammen Lieder von den Everly Brothers sangen. Das war für beide so etwas wie ein Manifest, dass man im Pop durchaus älter und alt werden kann, weil es längst ein historisches Fundament gibt, auf das man bauen kann.

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Quelle:
SZ vom 08.10.2016
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