Süddeutsche Zeitung

Künstliche Intelligenz:Ein echter Rembrandt - aus dem Rechner

Kann man einem Computer beibringen, wie Rembrandt zu malen, gar zu fühlen? Ein Team in Amsterdam hat genau das getan.

Von Andrian Kreye

Man sieht dem neuen Rembrandt die Herkunft aus dem Computer buchstäblich an der Nasenspitze an. Ernst van de Wetering kann das erklären, der Kunsthistoriker, der vor zwei Jahren die sechsbändige "Corpus"-Ausgabe zu Rembrandts Gesamtwerk mit insgesamt 4800 Seiten abgeschlossen hat, die seit 1968 in Arbeit war. Van de Wetering ist ein sprachgewaltiger Herr, der sich dieses neue Bild gleich nach der Enthüllung in der vergangenen Woche angesehen hat und sehr kräftige Worte dazu findet. Aber dazu später. In dem neuen Porträt des Mannes mit Hut und Kragen, so sagt er, fehlt jedenfalls jener Lichtpunkt auf der Spitze, der einer Nase die Plastizität verleiht, die wiederum aus einem guten ein meisterhaftes Porträtgemälde macht.

Nasenspitzen gehörten zu den Details, auf die Rembrandt van Rijn besonders große Sorgfalt verwendete, weil eine grobe Nasenspitze einen Würdenträger zum Trottel machen kann. Die feinere Gesellschaft im Amsterdam des 17. Jahrhunderts sah ja keineswegs so fein aus, wie sie sich fühlte. Deswegen war Rembrandt auch eine Zeit lang einer der erfolgreichsten Auftragsmaler der Stadt. Er malte zwar keine Schmeichelbilder, das hätte den protestantischen Kaufleuten auch nicht gefallen, aber weil sie auf Rembrandts Bildern so unfassbar lebensecht wirkten, bauchte es das auch nicht. Bis er sich mit der Schützengilde der Stadt anlegte, weil er statt des bestellten Würdenwerks eines der radikal modernsten Gemälde seiner Zeit anfertigte. Aber auch dazu später mehr.

Hier geht es ums Rechnen, nicht ums Malen

Man muss der Fairness halber sagen, dass die Damen und Herren, die diesen neuen Rembrandt geschaffen haben, gar keinen Anspruch auf Meisterhaftigkeit haben. Auch wenn sie eineinhalb Jahre auf diesen Moment in der vergangenen Woche hingearbeitet haben, an dem sie der Welt jenes Bild vorstellten, das eine künstliche Intelligenz (KI) angefertigt hat, der sie beigebracht haben, wie Rembrandt zu denken und zu malen. Wobei künstliche Intelligenzen natürlich nicht denken und malen. Sie rechnen und drucken. In diesem Falle mit einem 3-D-Drucker, weil es darum ging, dem Rechner nicht nur Rembrandts Bildsprache, sondern auch seine Pinselführung und seinen Umgang mit Materialien beizubringen. Diese künstliche Intelligenz hat sich jedenfalls nach eingehendem Studium von 346 Rembrandt zugeschriebenen Gemälden einen neuen Rembrandt ausgedacht.

Weil es hier ums Rechnen und nicht ums Malen geht, gleich mal eine Grundgröße - "The Next Rembrandt", wie das Bild offiziell heißt, ist nicht der Durchschnitt, sondern die Summe dieser 346 Gemälde. Und die Summe ergab, dass ein typisches Rembrandt-Gemälde ein Porträt ist, das einen Herrn zwischen 30 und 40 Jahren mit Bart, Hut und Kragen zeigt, der nach rechts blickt.

Das mit der Summe ist Bas Corsten wichtig. Corsten ist ein smarter Herr, der sich das Projekt ausgedacht und dann auch durchgezogen hat. Im Hauptberuf ist er Kreativdirektor der Werbeagentur J. Walter Thompson. Da prallten bei van de Weterings Besuch natürlich Welten aufeinander: Kunstgeschichtswissenschaft und Werbewirtschaft. Corsten hat sich das mit einem neuen Rembrandt aus dem Digitalhirn ja auch nicht aus reiner Liebe zur Kunst ausgedacht, sondern für den niederländischen Finanzkonzern ING. Als Kampagne ist das perfekt - mit der Bank hat "The Next Rembrandt" nichts zu tun. Aber wenn alle über KI und Rembrandt reden, wenn neue Erkenntnisse für Technologie und Wissenschaften herauskommen, bleibt da auch sehr nachhaltig etwas bei der Bank hängen.

Herr Corsten und sein Team empfangen jedenfalls im verglasten Konferenzraum der Agentur in Amsterdam, die selbstverständlich in lichtdurchfluteten Herrschaftsaltbauräumen untergebracht ist, die mit den psychosozial tiptop durchdachten Büromöbelgruppen wie ein hippes Restaurant wirkt. Das Bild steht auf einer Staffelei am hohen Fenster, aus dem man auch einen dieser herrlichen Kanäle sehen kann, an denen zu dieser Jahreszeit die Tulpen besonders bunt blühen. Ein feines Leintuch verhüllt das Bild. Der Dramaturgie wegen, aber auch weil die Frühlingssonne der UV-Tinte arg zusetzen würde.

Große Malerei löst große Gefühle aus. Auch, wenn sie digital erschaffen wurde?

Die Dramaturgie sieht nun vor, dass man sich mit dem Team sehr ausführlich über den technischen Vorgang unterhält, mit dem man einer künstlichen Intelligenz so etwas wie Rembrandtmalen beibringen kann. Die Enthüllung nachher ist wichtig, weil das Projekt ja nicht nur herausfinden soll, ob das mit dem Malen klappt. Da steht auch die Frage im Raum, ob Computer Emotionen nicht nur erkennen und simulieren können - das können sie - sondern, ob sie im nächsten Schritt Emotionen auch auslösen können.

Das war bisher nicht so einfach. Am ehesten hat das in der Musik geklappt. Wenn ein Rechner zum Beispiel zwischen 90 und 120 Basstöne pro Minute in einen Raum pumpt. Auch wenn es dabei immer geholfen hat, wenn die Zuhörer ihre emotionale Empfänglichkeit mit chemischen Hilfsmitteln verfeinerten.

Ein Rembrandt ist aber kein Techno-Beat, der sich über Minuten aufbauen kann. Ein echter Rembrandt überwältigt in Sekunden und wirkt dann noch lange nach mit seinen feinen Lichtspielen, den Blicken, Gesten, dem Echo eines längst vergangenen Jahrhunderts, das da wieder zum Leben erwacht. Im Rijksmuseum kann man das erleben, das nur ein paar Fußminuten vom Sitz der Agentur liegt.

Das Ergebnis aus dem 3D-Drucker sieht so aus, als sei es Öl auf Leinwand

Also - erst mal warten mit der Betrachtung von "The Next Rembrandt". Die Formel: mehr Kontext = mehr Wirkung gilt zwar sonst vor allem für moderne Kunst, aber in diesem Falle auch.

Zunächst gibt es Daten. 18 Monate lang arbeiteten die Programmierer und Werber gemeinsam mit Wissenschaftlern der Technischen Uni Delft und KI-Experten von Microsoft an dem Projekt. In den letzten sechs Monaten taten sie das zu zwanzigst. Dabei generierten sie aus den 346 Rembrandt-Gemälden 150 Gigabyte Grafikdateien, mit denen sie die künstliche Intelligenz fütterten. Gleichzeitig schrieben sie die Algorithmen, jene Rechenvorschriften, die einem Computer sagen, was er zu tun hat. Wie viele? Chefprogrammierer Emmanuel Flores zuckt mit den Schultern. Unzählige. Neue Algorithmen. Algorithmen, die auf bestehende Algorithmen aufbauen. Algorithmen, die neue Algorithmen produzieren. Man musste der künstlichen Intelligenz (die sich übrigens auf mehrere Rechner bei J. Walter Thompson, der TU Delft und Microsoft verteilte) jeden noch so kleinen Aspekt eines Rembrandt-Gemäldes beibringen. Proportionen, Farben, Glanz, Licht und Schatten, Materialität und, und, und.

Herausgekommen ist dann eben jenes Bild des Herrn mit Hut und Kragen, das die künstliche Intelligenz aus 168 263 Bildfragmenten originaler Rembrandts in 148 Millionen Pixel umsetzte, die dann in 13 Durchgängen mit UV-Tinte von einem 3-D-Drucker so auf eine Kunststoffunterlage aufgetragen wurden, dass das Ergebnis so aussieht, als sei das Öl auf Leinwand.

Was bleiben wird, ist aber nicht nur das Bild. Microsoft will das Projekt weitertreiben, sagt Bas Corsten. Das "deep learning" hat ja erst begonnen. Vielleicht werden die Algorithmen bald schon Kunstfälschungen aufspüren. Einen Picasso malen. Oder einen neuen Bowie-Song schreiben.

Und?! Ja, doch, auf einen Laien wirkt die Enthüllung verblüffend. Der Herr mit Hut und Kragen blickt etwas erstaunt, etwas trotzig, als könne er es selbst nicht fassen, dass er aus dem Rechner stammt. Man darf das Gemälde sogar anfassen, mit einem Galeristenhandschuh über Risse und Unebenheiten fahren. Es sind feine Pinselstriche, wie sie der Rembrandt der 1630er-Jahre auf der Höhe seines Erfolgs gemalt hätte. Die späten Rembrandts wären für den Rechner viel zu schwierig gewesen.

Im Rijksmuseum erschließt sich das, da hängen auch die späteren Werke, "Die Judenbraut" von 1667 zum Beispiel, bei der das Rot ihrer Kleider klumpig aufgetragen ist, als hätte Rembrandt eine Mordswut auf das Bild gehabt. Das findet sich auf vielen Bildern, die nach seinem Hauptwerk "Nachtwache" entstanden. Und das mit der Wut ist gar nicht so abwegig.

Die "Nachtwache" zeigte - damals radikal - die Figuren nicht in Licht und Pose, sondern in Aktion und Schatten. Den ehrwürdigen Mitgliedern der Schützengilde gefiel das 1642 gar nicht. Da entstanden ganz neue Hierarchien und Zusammenhänge. Sie hängten das Bild dann doch auf. Aber es sprach sich rum. Für den Geschäftsmann Rembrandt war das eine Katastrophe. Die Aufträge brachen ein. Das Geld ging aus. Wer wäre da nicht wütend.

Nicht einmal weinen könnte der Mann mit Hut, beschwert sich ein Rembrandt-Kenner

Übrigens auch eine sehr starke Emotion. Und die kann der neue Rembrandt ganz hervorragend auslösen. "Absolute Scheiße" ist das Fazit, das Ernst van de Wetering zieht. Diese Frechheit, den Ruhm Rembrandts für so ein Projekt zu missbrauchen. Eigentlich will er gar keine Zeit darauf verschwenden, über diese Ahnungslosen zu reden, Programmierer, die behaupten, sie hätten seinen sechsten Band des "Corpus" als Vorlage verwendet.

Das mit der Nasenspitze sei ja nur ein Punkt. Am schlimmsten seien die Augen. Nicht nur Rembrandt, jeder ordentliche Porträtmaler hätte einen Tränenfilm gemalt, der auf dem Unterlid jedem Auge seinen Glanz gibt. Und dann die Reflexionen des weißen Kragens auf Kinn und Wangen, die dem Fleisch eine kühlere Farbe geben. Oder die Schatten am Rande der Nase, die mal weiche, mal harte Akzente setzen. Einfach weggelassen. Nichts verstanden.

Wenn das mal kein guter Auftakt für das Reden über KI und Rembrandt ist.

Bestens informiert mit SZ Plus – 4 Wochen kostenlos zur Probe lesen. Jetzt bestellen unter: www.sz.de/szplus-testen

URL:
www.sz.de/1.2949787
Copyright:
Süddeutsche Zeitung Digitale Medien GmbH / Süddeutsche Zeitung GmbH
Quelle:
SZ vom 15.04.2016/doer
Jegliche Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exklusiv über Süddeutsche Zeitung Content. Bitte senden Sie Ihre Nutzungsanfrage an syndication@sueddeutsche.de.