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Kino: Die Päpstin:Sein Wille geschehe

Was ist wahr an der Geschichte von der Frau, die den päpstlichen Thron bestiegen haben soll? Johanna Wokalek als mittelalterliche Kirchenfürstin in Sönke Wortmanns Film "Die Päpstin".

Susan Vahabzadeh

Es gäbe guten Grund, weg zu wollen aus Johannas mittelalterlicher Welt - der Vater ist ein verkappter Sadist, die Mutter mit ihren heidnischen Anwandlungen neigt zum Duckmäusertum, das ganze Dorf ist ein feuchtes, todbringendes Schlammloch. Aber Johannas Aufbegehren ist lammfromm: Eine höhere Macht hat sie zu dem gemacht, was sie ist. Das kleine Mädchen hat mühelos Latein und Griechisch gelernt, der tumbe Bruder, den der Vater, selbst ein Priester, unbedingt auf der Domschule unterbringen will, kann's immer noch nicht.

Es gibt zwei Ansätze, wie man Johanna sehen kann, die erst wider des Weibes Natur lernt, dann so erfolgreich als Mann der Kirche lebt, dass sie es - Skandal! - bis zum Papst bringt: Als sturen Querkopf, als Frau, die die Welt und die ihr zugewiesene Rolle nicht akzeptieren mag; oder als eine, die findet, der Herr habe ihr diese Rolle zugewiesen. Sönke Wortmanns Johanna ist Letzteres: Die Schläge des Vaters, die Demütigungen des Domschullehrers können sie nicht beirren: Sie handelt, weil sie glaubt. Alles, was dabei herauskommt, ist göttliche Fügung. Widerstand zwecklos.

Im Video: "Päpstin" feiert Weltpremiere in Berlin Der Film basierend auf dem gleichnamigen Bestseller wurde am Potsdamer Platz präsentiert. Hauptdarstellerin Johanna Wokalek und ihre Co-Stars posierten dazu auf dem Roten Teppich.

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Dass der Roman einer amerikanischen Autorin in Deutschland verfilmt wird, ist in diesem Fall kein Wunder - Donna Woolfolk Crosses "Pope Joan" war in den USA kein besonders großer Erfolg, man hatte dort von einer Frau auf dem Heiligen Stuhl nie gehört und hat es dabei weitgehend belassen. Das Buch "Die Päpstin" war vor allem in Deutschland ein Erfolg, vielleicht wegen des deutschen Ursprungs der Johanna. Und das alles Jahre bevor Dan Brown der katholischen Kirche in "Sakrileg" Maria Magdalena als Kirchenmutter untergeschoben hat. Die Verfilmung des Romans hat eine bewegte Vorgeschichte, denn ursprünglich war "Die Päpstin" jahrelang Volker Schlöndorffs Film, bis er aus seinem eigenen Projekt hinausgekegelt wurde.

Es hat 1972 schon einmal einen "Pope Joan"-Film gegeben, mit Liv Ullmann. Donna Cross beruft sich mit ihrer "Päpstin" auf eine hartnäckige Legende, die seit dem 14. Jahrhundert durch Europa geistert und die nur noch ein wenig ausgeschmückt werden musste. Johanna Wokalek spielt diese heilige Frau wie ein changierendes Bild - ob sie durchgehen würde als Mann oder nicht, das ist immer wieder eine Frage der Perspektive. Johanna geht nach einem Überfall der Normannen, bei dem ihr Bruder ums Leben kam, an seiner Stelle ins Kloster. Eine schöne Analogie zu einem anderen Film ergibt sich da, der diese Woche startet - zu Günter Wallraff, der sich für "Schwarz auf Weiß" als Farbiger kostümierte.

In Sönke Wortmanns Bestsellerverfilmung "Die Päpstin" spielt die wandlungsfähige Johanna Wokalek nicht nur einen Mann, sondern sogar den Vertreter Gottes auf Erden

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Wortmanns Film muss sich auf den Plot und den Reiz der Hauptfigur berufen - denn was die Wiederauferstehung antiker Welten betrifft, den musealen Schauwert, kann nicht mal eine sündhaft teure deutsche Produktion mithalten mit den internationalen Glanzstücken. "Rom", die teuerste Fernsehserie überhaupt, hat in Bauten, Kostümen, computergenerierten Panoramen, vor allem aber in Materialschlachten geschwelgt, so kunstvoll und verschwenderisch, dass "Die Päpstin" natürlich den Vergleich scheuen muss. Aber diese Story, die ist einfach verdammt gut - vor allem die erste Hälfte braucht keine Materialschlacht, man möchte das alles wissen, wie es war in einem nasskalten mittelalterlichen Dorf, will wissen, was aus der bösartigen Rivalin wird, die sie doch zurückzudrängen versucht ins ärmliche Frauenschicksal, will sehen, wie sehr im Vergleich zu allem, was sie als Frau erreichen könnte, das kärgliche Klosterleben purer Luxus ist, folgt Johanna gespannt nach Rom, obwohl doch eigentlich klar ist, was sie dort erwartet.

Lesen Sie auf Seite 2, warum Johanna wohl nur eine Fikiton war.

Eine grandiose Verschwörungstheorie

Wortmann hat das unterhaltsam und humorvoll genug inszeniert. John Goodman als sinnenfreudiger Vorgänger-Papst beispielsweise hat einen köstlichen Auftritt - einer der Männer in Johannas Leben, die sind wie die guten Feen im Märchen: der älteste Bruder, der ihr Latein beibringt; der Lehrer, der ins Dorf kommt und das widernatürliche Kind gegen den Willen des Vaters fördert; der spätere Geliebte Gerold, der sie als Kind aufgenommen hat; ein Kirchenbruder, und eben der wahrhaft väterliche Papst. Das ergibt immer wieder eine schöne Spannung, doch Johanna bleibt dabei ein beschützenswertes Kind, verführerisch oder lustvoll wird sie nie.

Aus Johannas Leben als Mann macht der Film nichts. Eine Frau im Kloster, schließlich im Vatikan - die Problematik erschöpft sich im Abbinden ihrer Brust und im Verbergen ihrer Menstruation. Ansonsten bleibt Johanna, der kindlichen Schwärmerei für Gerold und der Schwangerschaft am Schluss zum Trotz, so rein und keusch, als hätte sich die Kirche selbst dieses Weib ausgedacht. Man würde dann doch vielleicht gerne wissen, was in einer anderen Version dieser Geschichte zu finden gewesen wäre, in der es nicht um Gott, sondern um Willen geht - um einen Kampf um Selbstbestimmung in einer Welt, die kein individuelles Verlangen, keinen Ungehorsam duldet.

Eine sehr verlockende Fiktion; ob es eine solche Frau im Mittelalter hätte geben können, ist eine andere Frage. Die Zeitangaben, wann die Päpstin Johanna amtiert haben soll, differieren ein wenig, entweder im 11. Jahrhundert oder - wie im Roman und bei Wortmann - im 9. Jahrhundert. Die Quellen für die Legende sind alle jünger, die wichtigste ist eine Chronik von Martin von Troppau. Eine Schwangerschaft beendet jedenfalls Johannas Laufbahn - sie kommt als Papst während einer Prozession nieder, und je nach Quelle wird sie anschließend verbannt, stirbt bei der Geburt oder wird während selbiger gesteinigt.

Dabei hätte man etwas mehr Wundergläubigkeit, ein wenig mehr Vertrauen in die Gebärfähigkeit des Stellvertreters Gottes auf Erden doch von einer Glaubensgemeinschaft erwarten können, die sich recht großzügig in Fragen der jungfräulichen Empfängnis verhält. Vielleicht haben die Geschichte tatsächlich böswillige Protestanten in die Welt gesetzt, die Daten können jedenfalls nicht stimmen, und einen zusätzlichen Papst aus jedem europäischen Kirchenbuch tilgen von Dublin bis Dubrovnik - das wäre eine logistische Monsteraufgabe, der nicht mal eine technisch hochgerüstete zeitgenössische Spezialeinheit Herr werden würde.

Eine grandiose Verschwörungstheorie steckt in der Geschichte trotzdem, es bleibt immer ein Rest von Zweifel. Woher kommt die tausendjährige Angst, es könnte dem Vatikan irgendwann mal eine Frau durchgeschlüpft sein? Das hinterher offen zuzugeben wäre ja in der Tat schwierig gewesen. Was die Legende nur befeuert hat. Man kann letztlich immer so argumentieren wie die Autorin Donna Cross selbst - wo so viel historischer Rauch ist, muss es auch ein Feuer gegeben haben. Einst glaubte jedenfalls die katholische Kirche selbst an die Geschichte von Johann Anglicus, der Päpstin aus Mainz.

Im Ende des Films, in seinen letzten Szenen, steckt jedenfalls viel subversive Energie. Da gibt es noch eine Frau in Rom, die unerkannt unter den Kirchenmännern lebt, und Wortmann wirft einen fast diabolischen Blick in die Menge, der alle Sicherheiten ins Wanken bringt: Sie können überall sein, und keiner weiß, wie viele - wie ein Angriff der Außerirdischen, eine unbemerkte Invasion der Körperfresser.

DIE PÄPSTIN, D 2009 - Regie: Sönke Wortmann. Drehbuch: Sönke Wortmann, Heinrich Hadding, nach dem Roman von Donna Woolfolk Cross. Kamera: Tom Fährmann. Mit: Johanna Wokalek, David Wenham, John Goodman. Constantin, 148 Minuten

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Quelle:
SZ vom 21.10.2009/iko
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