Süddeutsche Zeitung

Kazuo Ishiguro:Die zerbrechliche Welt, in der wir leben

Vergessen und Erinnern sind zwei der Lieblingsthemen des Literaturnobelpreisträgers Kazuo Ishiguro. Die Würdigung der Jury ist etwas rätselhaft.

Leicht lässt sich Kazuo Ishiguro nicht einordnen. Der japanisch-britische Schriftsteller steht etwas zwischen den Schubladen des Literaturbetriebs. Vermutlich hatte deshalb auch niemand damit gerechnet, dass ausgerechnet er nun mit dem Nobelpreis ausgezeichnet wird. Ishiguro stand jedenfalls auf keiner der oft sehr umfangreichen Listen, die im Vorfeld der Verleihung kursieren. Aufgewachsen in Großbritannien, schreibt er auf Englisch, aber seine Texte handeln meist von anderen Welten, von einem Japan, das er sich aus Kindheitserinnerungen und Erzählungen erschuf und in den späteren Romanen von einem historisch oder dystopisch verfremdeten England.

"Meine Mutter war in Nagasaki, als die Atombombe abgeworfen wurde", berichtete er 2008 dem amerikanischen Literaturmagazin The Paris Review. "Plötzlich war es diese brennende Stadt aus Asche. Für mich war es der Ort, an dem ich lebte, bis ich fünf war." Ishiguro wurde 1954 in eben diesem Nagasaki geboren, seine Familie emigrierte dann nach England, nach Guildford, in der Nähe von London. Ishiguro studierte Anglistik und - damals in den späten Siebziger-Jahren eine Kuriosität - Kreatives Schreiben. Nach Japan, das er seit seiner Jugend nicht mehr besucht hatte, fand er durch das Schreiben zurück. "Ich entdeckte, dass meine Vorstellungskraft lebendig wurde, wenn ich mich von den Dingen um mich herum entfernte. (...) Wenn ich über Japan schrieb, ging irgendein Schloss in mir auf."

Seine ersten beiden Romane bauen auf das japanische Erbe: "Damals in Nagasaki" ist die stark autobiographisch geprägte Geschichte einer Familie in seiner zerstörten Heimatstadt; "Der Maler der fließenden Welt" ist das Porträt eines Künstlers, der sich im Zweiten Weltkrieg in die Dienste der japanischen Kriegspropaganda gestellt hat und sich in dem neuen Japan nicht mehr zurecht findet, wo die alten Stadtviertel Hochhäusern weichen, "Godzilla" im Kino als Gespenst der eigenen nationalen Verfehlungen verstanden wird und die meisten seiner Freunde von der Vergangenheit nichts mehr wissen wollen.

Ein ähnliches Thema behandelt er in seinem dritten Buch, "Was vom Tage übrigblieb", in dem sich ein Butler mit der eigenen und der zweifelhaften Vergangenheit seines ehemaligen Herrn auseinandersetzen muss. Der Roman wurde 1989 mit dem Booker Prize, dem wichtigsten Preis für englischsprachige Literatur ausgezeichnet, vier Jahre später mit Emma Thompson und Anthony Hopkins in den Hauptrollen verfilmt.

Die etwas schematisch konstruierten frühen Romane zeigen schon die Ambitionen Ishiguros, aber auch die Themen, die sich durch alle seine Bücher ziehen: die Auseinandersetzung mit der Vergangenheit, die Austauschbarkeit und Fragilität der Welt, in der wir leben, und die subjektive Perspektive des Individuums in diesen Konflikten. Denn das Emotionale ist in seinen Texten nie dem Rationalen untergeordnet, es ist gleichberechtigtes Erkenntnisinstrument.

Die schwedische Akademie lobte Kazuo Ishiguro in ihrem etwas rätselhaften Statement als Autor, "der in Romanen von starker emotionaler Wirkung den Abgrund unserer vermeintlichen Verbundenheit mit der Welt bloßgelegt hat". Vermutlich bezieht sich die Jury dabei auf zwei seiner letzten Werke: "Der begrabene Riese", erschienen 2015, spielt in einer fantastischen, mittelalterlichen Welt, in der Monster hausen, der Tod als unheimlicher Wanderer durch Ruinen streift und steter, undurchdringlicher Nebel herrscht. Der Roman wurde auf verschiedene Arten gelesen, als Fantasy-Geschichte, mit deren Umsetzung sich Ishiguro nach eigener Aussage übrigens sehr schwer tat, und als geschichtsphilosophische Allegorie auf das Vergessen und Erinnern, zwei Lieblingsthemen Ishiguros.

Das Werk, das aber sicher mit ausschlaggebend für die Verleihung des Preises war, ist "Alles, was wir geben mussten" von 2005, verfilmt 2010 mit Carey Mulligan und Keira Knightley. Die Erzählerin Kathy erinnert sich an ihre Arbeit in einem Jugendheim, dessen Zweck aber nicht der Schutz oder die Ausbildung der Jugendlichen war: Die dort lebenden Kinder waren Klone, die nur als Ersatzorganlager dienten und die oft gar nicht begriffen, was das bedeutet, da sie keine andere Welt als die des Heims kannten. Die Geschichte könnte eine zynische Kapitalismuskritik sein. Aber Ishiguro zeichnet seine Charaktere in einer ahnenden Trauer und gleichzeitigen Lebensfreude, naiv und erwartungsvoll, dass er den Leser ganz auf diese eigentlich untergeordnete, grauenvolle Welt der Heimkinder einstimmt. Als gäbe es keine andere Welt.

Für das Offenlegen dieser Mechanismen der eigenen und der fremden Imagination hat Kazuo Ishiguro den Literaturnobelpreis bekommen.

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