Süddeutsche Zeitung

"In the Darkroom" im Kino:Die Frau des Kriegers

Die Doku "In the Darkroom" lässt Magdalena Kopp erzählen, vom Untergrundkampf in den Siebziger- und Achtzigerjahren und von ihrem Mann, dem Terroristen Carlos. Es ist die ungeheuerliche Geschichte einer Frau, bei der sich die Frage stellt, ob sie selbst Opfer war oder Täterin.

Von Martina Knoben

Es sind selten die Frauen, die in den Krieg ziehen. Aber oft gibt es eine Frau im Hintergrund, wenn ein Mann kämpft und tötet. Während er im Krieg ist, passt sie auf die Kinder auf. Das ist die Schuld der Frauen: politische Naivität, Opportunismus, Verführ- und Manipulierbarkeit - Männer zu lieben, die schlimme, falsche, mörderische Dinge tun. Auch das hält den Krieg am Laufen.

"In the Darkroom" von Nadav Schirman erzählt von einer Frau, die als "die Frau des Terroristen" bekannt wurde: Magdalena Kopp, die über 13 Jahre hinweg die Lebensgefährtin, zeitweise auch Ehefrau von Ilich Ramírez Sánchez war, besser bekannt als Carlos, der Schakal. In den Siebziger- und Achtzigerjahren war er der meistgesuchte Terrorist der Welt. Wie kann man einen solchen Menschen lieben?

Nadav Schirman ist der Sohn eines israelischen Diplomaten. Er lebte als Kind mit seiner Familie in Paris, als Magdalena Kopp dort 1982 im Gefängnis saß nach einem gescheiterten Sprengstoffanschlag. "Ich weiß noch, dass ich abends nicht einschlafen konnte, wenn meine Eltern ausgegangen waren, bis ich endlich die Schritte meiner Mutter im Flur hörte, weil ich jedes Mal Angst hatte, sie könnten von einer Bombe zerfetzt, erschossen oder entführt werden", erzählt Schirman im Interview. Und doch hätte er großes Mitgefühl mit Magdalena Kopp empfunden, als er sie zum ersten Mal sah, hätte sich gefragt, ob sie Opfer oder Täterin war.

Ein hartes, verbittertes, zerquältes Gesicht

Es ist eine ungeheuerliche Geschichte, die Schirman nacherzählt - die er sich vielmehr erzählen lässt von einer Frau, die sich mit ihrer ungeheuerlichen Biografie irgendwie arrangieren musste und die Lebenslügen, Halb- oder Dreiviertelwahrheiten, die sie nun erzählt, womöglich selber glaubt. Im Zwielicht einer rötlichen Dunkelkammerbeleuchtung ist Magdalena Kopp zu sehen: schwarze Haare, rote Lippen, ein hartes, verbittertes, von tiefen Mundfalten zerquältes Gesicht.

Der Titel des Films "In the Darkroom" erinnert an Andres Veiels großartigen Dokumentarfilm zum deutschen Terrorismus, "Black Box BRD" (2001), über die parallelen Leben des Deutsche-Bank-Vorstandssprechers Alfred Herrhausen und des RAF-Terroristen Wolfgang Grams. So viel Material Veiel auch gesammelt hatte, es bleibt ein großer Rest - produktives - Unverständnis in seinem Film. Warum sich der eine der Protagonisten zum Bankier, der andere zum Terroristen entwickelte, lässt sich mit Gewissheit auch nach dem Film nicht sagen.

"In the Darkroom" weiß ebenfalls um diese Lücke, die sich beim Anblick von Magdalena Kopp ausbreitet - und sich nicht schließen lässt. Wenn sie direkt in die Kamera spricht - Schirman hat die Interrotron-Methode von Errol Morris kopiert, bei der das Gesicht des Interviewers mit einem Teleprompter vor die Kameralinse projiziert wird - erinnert das visuell an ein Verhör, das aber erstaunlich wenig Wahrheit ergibt: Weil Schirman die Frage nach Opfer oder Täterin selbst nicht beantwortet, weil Magdalena Kopp sich vielleicht selbst fremd und unverständlich ist.

Aufgewachsen in einer schwäbischen Kleinstadt, in einer spießigen, vielleicht eher lieblosen Familie, ließ sie sich von der 68er-Protestbewegung begeistern, ging nach Frankfurt, gründete die linksradikalen "Revolutionären Zellen" mit. So typisch wirkt dieser Prozess der Radikalisierung, dass Schirman Archivmaterial schon mal im Splitscreen-Verfahren zeigt, um den Zuschauer nicht zu langweilen. Dabei geht dieser Lebenslauf schnell über das für diese Zeit nicht unübliche revolutionäre Mitgerissensein hinaus: Magdalena Kopp wurde die Freundin des Terroristen Johannes Weinrich. Sie geht mit ihm in den Untergrund, lässt sich von palästinensischen Freiheitskämpfern ausbilden.

Opportunismus und Sich-treiben-Lassen

Der Film von Nadav Schirman lässt mindestens so viele Fragen offen, wie er beantwortet. Die Frage etwa, wie viel Magdalena Kopp von Carlos' Verbrechen wusste, erst recht die Frage, was für ein Mensch Carlos ist - Freiheitskämpfer, machtgeiler Macho, psychopathischer Auftragskiller? Spannend ist der Film aber doch, weil die Folgen von politischer Ahnungslosigkeit, von Opportunismus und Sich-treiben-Lassen in der Person von Magdalena Kopp so offensichtlich werden.

Die Fragen, denen sie auch heute noch ausweicht, werden von ihrer Tochter Rosa offensiv gestellt, deren Auseinandersetzung mit dem Vater das eigentlich Beeindruckende dieses Films ist. Im Gegensatz zu ihrer Mutter hatte Rosa ja nie eine Wahl, konnte sich diesen Vater - und auch die Mutter! - nicht aussuchen. Nun reist sie zu einem früheren Sprecher der Volksfront zur Befreiung Palästinas, einem alten Kämpfer, der mit seiner verstümmelten Hand gestikuliert und versucht, Rosa vom Sinn des bewaffneten Widerstandes der Palästinenser zu überzeugen. Rosa lässt sich ein Palästinensertuch überwerfen: "Irgendwie fange ich an, den Gedanken zu akzeptieren, dass vielleicht nicht alles sinnlos war."

Sie trifft sogar den Vater im Gefängnis, nachdem sie ihn fast zwanzig Jahre nicht gesehen hat. Nichts hätte er sie gefragt, klagt Rosa, nur eineinhalb Stunden monologisiert. Aber einen alten, verwaschenen rosa Waschlappen, der angeblich von ihr stammt, hat er ihr gegeben. Ein Zeichen seiner Liebe? Rosa beginnt zu weinen, da ist sie wieder, die verdammte Liebessehnsucht der Frauen: "Ich will, dass die Geschichte wahr ist."

In the Darkroom, D/Israel/Finnland/Rumänien/Italien 2012 - Regie: Nadav Schirman. Buch: N. Schirman, Lasse Enersen. Kamera: Tuomo Hutri. Schnitt: Joelle Alexis. Verleih: Real Fiction, 90 Min.

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SZ vom 26.09.2013/ihe
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