Süddeutsche Zeitung

"Hugo Cabret" Im Kino:Mechanik der Träume

Elf Oscarnominierungen hat Martin Scorseses "Hugo Cabret" eingeheimst - mehr als jeder andere Film der Saison. Die Geschichte um den jungen Hugo, der in einem Pariser Phantasiebahnhof der dreißiger Jahre unermüdlich die Uhren aufziehen muss, erinnert mit all seiner Mechanik an die Anfangszeiten des Kinos. Doch Scorsese bricht mit dem Film in die 3D-Zukunft auf - und lässt seine Kamera durch alle Winkel dieser Wunderwelt jagen.

Tobias Kniebe

Die Augen der Kinder, darum geht es hier. In ihnen soll die Welt sich spiegeln, sie sollen glänzen und leuchten, sich weiten vor Staunen und Glück. Ohne sie wäre alles andere nichts.

Diese Sets zum Beispiel, gebaut vom Großmeister des Produktionsdesigns, Dante Ferretti. Einen Bahnhof der Phantasie hat er für "Hugo Cabret" geschaffen, in voller Lebensgröße, zusammengeholt aus den schönsten Details der Bahnhöfe in ganz Paris.

Oder die Dekoration von Francesca Lo Schiavo, die Kostüme von Sandy Powell, ja selbst die grandiose Feinmechanik der Requisiten, der Uhrwerke, Zahnräder und Aufziehfiguren in diesem Film, konstruiert von Joss Williams.

All diese Namen muss man hier einmal nennen, so viel Liebe wurde in die Details von "Hugo Cabret" hineingesteckt. Elf Oscarnominierungen gab es auch schon dafür, mehr als für jeden anderen Film der Saison.

Und doch wäre das alles nur eine Übung in goldener mechanischer Handwerkskunst, wenn in dieser Wunderwelt nicht auch wirklich geträumt würde. Traum und Mechanik, und wie sie im Handwerk zusammenkommen - das ist das Thema des Films.

Es spiegelt sich ganz unmittelbar in dem jungen Hugo Cabret, der Anfang der dreißiger Jahre in diesem Phantasiebahnhof lebt. Sein Onkel war dafür zuständig, dort die vielen Uhren aufzuziehen - bis er verschwunden ist. Seither hält der dreizehnjährige Hugo die Mechanik am Laufen. Er lebt versteckt in den Innereien der Technik, zwischen Unruhen, Pendeln und Pleuelstangen. Nur der Bahnhofsvorsteher (Sacha Baron Cohen) mit seinem Dobermann darf ihn niemals erwischen - Kinder ohne Eltern bringt er sofort ins Waisenhaus.

Elegant und gut geölt, aber nichtsdestotrotz mechanisch

Asa Butterfield, der Darsteller des Hugo Cabret, hat nun in der Tat sehr große, expressive blaue Augen, in denen sich vieles spiegelt. Und bald kommt auch noch ein zweites staunendes Augenpaar dazu, das von Isabella (Chloë Grace Moretz) - auch sie ein Waisenkind. Einmal nimmt Hugo sie mit in seinen Bahnhofsturm, wo das größte und schönste seiner Uhrwerke tickt, und zeigt ihr die nächtliche Stadt Paris.

Um den erleuchteten Arc de Triomphe fließt da in bunten Lichtern der Stadtverkehr, und der Regisseur Martin Scorsese beschleunigt diese Bewegung noch, bis die Straßen sich zu drehen scheinen wie Zahnräder, und ein Schwenk auf die Zahnräder im Inneren des Turms greift diese Drehungen auf.

Und dann ist da der erleuchtete Eiffelturm, noch so ein technisch-mechanisches Wunderwerk, und Hugo erzählt von seiner Idee, dass die Welt eine einzige große Maschine sei. "In Maschinen gibt es keine überflüssigen Teile, sie bestehen immer aus exakt so vielen Teilen, wie nötig sind. Also dachte ich, wenn die Welt wirklich eine große Maschine ist, wäre auch ich ja wohl nicht überflüssig . . ."

Hier soll nun Emotion entstehen, aus Einsamkeit und kindlicher Not, die allen Träumen erst Flügel verleiht. Nur ist diese Szene, die auf Brian Selznicks Kinderbuch "Die Entdeckung des Hugo Cabret" beruht, selbst recht konstruiert. Elegant und gut geölt, feinmechanisch gewissermaßen. Aber mechanisch nichtsdestotrotz.

Mit fast siebzig Jahren immer noch Lust aufs Neue

Was will Scorsese damit? Will er nur in der Ausstattung schwelgen, seine Kamera durch alle Winkel dieser Wunderwelt jagen, und zwar in 3D? Wohl kaum. Nach den üblichen Definitionen stimmt es zwar, dass "Hugo Cabret" Scorseses erster 3D-Film ist. In einem erweiterten Sinn darf man das aber bezweifeln.

Was ist - um nur willkürlich ein paar Szenen zu nennen - etwa mit der Art, wie er sich in "Die Farbe des Geldes" auf die Billardtische stürzt, die einzelnen Kugeln im Raum verortet, die Stoßrichtung vorgibt und die Kamera durch sie hindurchgleiten lässt? Oder mit dieser langen Steadycamfahrt in "Goodfellas", in der der Junggangster Ray Liotta sein Mädchen ins "Copacabana" führt, von der Straße herein, vorbei an den Warteschlangen, durch die enge Küche und direkt vor die Bühne? Und all die anderen Kreis- und Zirkelfahrten erst, die der große Kameramann Michael Ballhaus im Lauf der Jahre für ihn gedreht hat . . .

Nein, wenn es einen Filmemacher gibt, der den dreidimensionalen Raum bereits erobert, beherrscht und körperlich spürbar gemacht hat, um die zweidimensionale Leinwand zu überwinden, dann ist es Martin Scorsese. Mit fast siebzig Jahren hat er noch immer Lust aufs Neue - aber beweisen muss er nichts. Die Räumlichkeit von "Hugo Cabret" ist ihm daher auch wunderbar handfest gelungen - und wunderbar natürlich dazu.

Das Herz dieser ganzen Mechanik, und auch das wahre Gefühl, liegt aber dann doch woanders. Es liegt in der großen Entdeckung, die Hugo macht: Isabellas Pflegevater (Ben Kingsley), den alle nur Papa Georges nennen, ist mehr als nur ein verbitterter Mann, der in einer Bude des Bahnhofs Spielzeugfiguren verkauft. In Wirklichkeit ist er der Filmemacher Georges Méliès - seines Werkes beraubt, von der Welt vergessen.

Übersättigt vom Budenzauber namens Kino

Und wie hier nun das wahre Schicksal des Stummfilmpioniers Georges Méliès in die glänzenden Zahnräder dieser Geschichte hineingreift, das lässt einem dann doch die Augen übergehen. Kaum dreißig Jahre nach der Geburt des Mediums, dessen frühester Träumer und Handwerker er war, wurde Méliès wirklich schon einmal vergessen - und betrieb aus Not einen Laden im Bahnhof Montparnasse.

Hugo, Isabella und ihre Helfer aber übernehmen es nun, Papa Georges mit sich selbst zu versöhnen - und so auch einen Rest seiner Arbeit für die Nachwelt zu retten. Und Martin Scorsese, der inzwischen einer der größten Sammler und Filmrestauratoren des Kinos ist, darf diese Passion seiner späten Jahre ganz unmittelbar auf diese jungen Helden übertragen. So zeigt er dann ganz nebenbei auch noch einige die schönsten Méliès-Szenen.

Und hier erkennt man auch, was er wirklich restaurieren will. Es ist nicht weniger als die Magie selbst, das Gefühl beim ersten Sehen dieser Filme, als das Kino noch jung war. Auch heutige Kinderaugen sollen sich noch weiten beim Anblick von Méliès' Zaubertricks - erst dann wäre der Triumph perfekt, die Sehnsucht des Cinephilen befriedigt.

Genau das versucht "Hugo Cabret". Ob jüngere Generationen aber nicht längst übersättigt sind, nach mehr als hundert Jahren dieses Budenzaubers namens Kino? Was sehen sie, wenn sie heute Méliès' "Reise zum Mond" sehen?

Auch Martin Scorsese weiß es nicht. Aber er erträgt dieses Nichtwissen mit Demut, und das macht diesen Film am Ende groß. Die Zukunft liegt in den Augen der Kinder.

HUGO, USA 2011 - Regie: Martin Scorsese. Buch: John Logan. Kamera: Robert Richardson. Musik: Howard Shore. Mit: Asa Butterfield, Chloë Grace Moretz, Ben Kingsley, Sacha Baron Cohen. Verleih: Paramount, 126 Minuten.

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Quelle:
SZ vom 08.02.2012/rela/pak
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