Süddeutsche Zeitung

Fernsehen:Öfter mal was Altes

Warum sehen Menschen sich so gerne Filme und Serien an, die sie schon hundertmal gesehen haben? Über das relativ neue Kultur-Phänomen der Wiederholung, die zum Ritual wird.

Von David Pfeifer

Man kann sich um diese Jahreszeit natürlich bei Nieselregen in die Schlange stellen, um den neuesten Teil der nie endenden "Star Wars"-Saga im Kino zu sehen. Oder man fügt sich der Erkenntnis, dass das Bekannte und Erprobte einen gewissen Frieden unter die Menschen bringt. Dazu passt natürlich, die immer gleichen Filme anzusehen, von "Drei Haselnüsse für Aschenbrödel" über den "Grinch" bis zu "Kevin - Allein zu Haus".

Die Klassiker, die im herkömmlichen Fernsehen gut laufen und mittlerweile auch auf Streamingdiensten beliebt sind, umfassen die "Stirb langsam"-Filme genauso wie die "Harry Potter"-Teile. "Das Leben hat keine Replay-Taste", hat der Schriftsteller und Philosoph Rüdiger Safranski in seinem Bestseller "Zeit - was sie mit uns macht und was wir aus ihr machen" geschrieben. Die Zeit vergeht, Wiederholungen aber können das Bleibende simulieren. Vor ein paar Wochen erst wechselten die Verwertungsrechte für die Comedy-Serie "Friends", die bereits 2004 auslief, vom Streamingdienst Netflix zum Konkurrenten Prime, laut Branchendiensten für mehr als 100 Millionen Dollar.

Ein unabhängiger, popkultureller Kanon hat sich gebildet

Dass "Friends" 15 Jahre später zur heißen Ware in den sogenannten "Streaming Wars" wurde, in denen neben den genannten Konzernen auch noch Apple TV, Disney Plus und andere um Zuschauer buhlen, liegt an einem Phänomen, das in den USA "Comfort Binge" genannt wird. Der Begriff beschreibt das Wohlgefühl der Wiederholung - im Gegensatz zur Überforderung durch das immer Neue. "Friends" und "Stirb langsam" haben gemeinsam, dass man sie sehr entspannt ansehen kann, ohne etwas zu verpassen. Man trifft alte Bekannte wieder, man amüsiert sich im Heute, indem man an früher denkt.

Dabei ist das Phänomen der Wiederholungen kulturgeschichtlich relativ neu. Dass Filme nicht nur wenige Monate im Kino laufen, sondern gekauft, geliehen und beliebig oft abgespielt werden können, wurde erst durch die Verbreitung der Videorekorder möglich. Das "Video Home System" setzte in den 1980er-Jahren zum Siegeszug an, einer Ära, die auch als Beginn des Franchise- und Blockbuster-Kinos gilt, "Krieg der Sterne" lief groß in den Kinos, und später immer wieder klein in den Wohnzimmern. Zur Not digital restauriert. Zu Beginn der Neunzigerjahre verfügten bereits mehr als 70 Prozent der US-Haushalte über mindestens einen Videorekorder, in den Videotheken wurden mehr als 300 Millionen Filme pro Monat ausgeliehen. Und im Gegensatz zum etablierten Klischee, dass vor allem die Porno-Industrie den Videos zum Durchbruch verhalf, waren die überwiegende Mehrheit der geliehenen Filme Hollywood-Produktionen, wie der Filmwissenschaftler Vinzenz Hediger in seiner Arbeit "Rituale des Wiedersehens" erklärt.

Erst durch diese Reproduzierbarkeit hat sich ein popkultureller Kanon gebildet, der weder von der Kulturkritik noch vom Willen der Filmverleiher abhängt. Man kann sich heute fast alles beschaffen und es beliebig oft ansehen. So wird das Erlebnis ersetzt durch ein Ritual. Und Rituale, das spürt man gerade an Weihnachten deutlich, entstehen, wenn sich mehrere Menschen auf etwas einigen können; was heutzutage immer seltener der Fall zu sein scheint.

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Quelle:
SZ vom 23.12.2019/tmh
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