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Album "Ye":Die Kardashianisierung des Kanye West

Das neue Album des US-Rappers ist das bislang unspektakulärste seiner Karriere. Warum man es trotzdem hören sollte.

Kann man Kanye West unterschätzen? Den Mann, der sich als den Albert Einstein seiner Generation bezeichnet? Der sich selbst einen Song zum Beweis seiner Göttlichkeit geschrieben hat? Der sich wahlweise mit dem Apostel Petrus oder Pablo Picasso identifiziert? Ja, man kann.

Kanye West hat ein neues Album veröffentlicht, nicht im Geheimen natürlich, aber doch weit entfernt vom großen Brimborium der Weltpremiere von "The Life of Pablo", als er den Madison Square Garden von seinem Laptop aus in der merkwürdigsten Listening-Session der Welt beschallte. Zur Veröffentlichung von "Ye" hat West ein paar ausgesuchte Gäste in ein Studio nach Jackson Hole, Wyoming, eingeflogen, wo das Album in den vergangenen Wochen entstanden ist. Man stellt es sich so vor (und ein paar Video-Schnipsel bei Twitter bestätigen das): brutzelnde Lagerfeuer, Rocky-Mountains-Panorama und ein paar mächtige Lautsprecher, aus denen die sieben neuen Songs von "Ye" dröhnen. Ein paar Stunden später tauchte das Album bei den üblichen Streaming-Anbietern auf.

Hört man nun die knapp 24 Minuten von "Ye" zum ersten Mal, drängt sich ein gewisses Gefühl der Enttäuschung auf. "Ye" ist zweifelsfrei das bislang unspektakulärste Album in der Karriere von Kanye West. Oder ist der Lärm um die öffentliche Person von West so laut geworden, dass die Musik überhaupt nicht mehr durchdringen kann?

West sagte, die Sklaverei war eine "Wahl"

Wer heute an Kanye West denkt, der denkt nicht an sein Wunderkind-Debüt "The College Dropout", als er mit gebrochenem Kiefer "Through the Wire" rappte. Oder an sein Opus Magnum "My Beautiful Dark Twisted Fantasy", das der Megalomanie des Hip-Hop eine neue Daseinsform schenkte. Nein, Kanye West im Jahr 2018, das sind Boulevardschlagzeilen. Über seine Unterstützung von US-Präsident Trump, über ein missglücktes Interview, in dem er sagte, die Sklaverei sei eine "Wahl" gewesen, was schon sehr nach "selbst schuld" klang.

Letzteres thematisiert West im Song "Wouldn't Leave": "I said, 'Slavery is a choice', they say, 'How, Ye?'/ Just imagine if they caught me on a wild day/ [...] My wife callin', screamin', say, 'we about to lose it all!'/ Had to calm her down cause she couldn't breathe". Wer es in den vergangenen Wochen nicht bei Twitter mitlesen konnte oder wollte (was aber unbedingt zu empfehlen ist, weil herrlich amüsant), der bekommt jetzt die Zusammenfassung zum Nachhören: West baut Mist, der meist darin besteht, dass er wirres und/oder diskriminierendes Zeug von sich gibt, Ehefrau Kim Kardashian ruft ihn aufgelöst an, pfeift ihn zurück.

Nun hat West seine Songs schon immer und noch ein bisschen mehr als andere Künstler aus seiner unmittelbaren Lebenswelt gefüttert. Der Unterschied: Seine Lebenswelt ist jetzt der Boulevard. Weshalb man das, was auf "Ye" zu erleben ist, als die Kardashianisierung des Kanye West bezeichnen kann. Und die funktioniert in zwei Richtungen. Zum einen ist da die kompromisslose Inszenierung der eigenen Person als Fixstern und Mittelpunkt der eigenen Kunst. Bei West und Reality-TV-Star Kardashian dreht sich alles ganz und gar um sich selbst, klar. Aber sie werden eben auch als ein solches Gesamtkunstwerk ohne privaten Rückzugsraum wahrgenommen. Wests psychische Probleme sind öffentlicher Debattenstoff, die Namen, die die beiden ihren Kindern geben, werden von Online-Medien interpretiert.

Natürlich trägt West sehr viel selbst dazu bei, den Boulevard anzufeuern. Viele Menschen werden nun das neue Album absuchen nach kontroversen Äußerungen, nach Erklärungen für das erratische Verhalten des Rappers. Und sie werden etwas finden. Eine merkwürdige Zeile über neue Führer und Nordkorea etwa, oder einen Seitenhieb auf die "Me Too"-Bewegung. Auf das Cover der Platte hat West geschrieben: "Ich hasse es, bi-polar zu sein, es ist großartig". Und man denkt sich sofort, oh weh, jetzt zieht er auch noch die psychisch kranken Menschen hinein in seine Welt der merkwürdigen Theorien.

Er war immer nur ein mittelguter Rapper

Was aber nun, wenn man diesen Kreislauf der Kardashianisierung durchbrechen will? Wenn man nicht mehr darüber berichten will, wie Kanye West auf seinem neuen Album austeilt? Damit Kanye West nicht noch ein neues Album macht darüber, wie man darüber berichtet, dass Kanye West auf seinem neuen Album austeilt. Wenn man diesen Kreislauf durchbrechen will, dann muss man wieder über den Musiker Kanye West reden.

Der Musiker Kanye West war immer nur ein mittelguter Rapper. Und ein noch schlechterer Sänger. Aber er war und ist ein Ausnahmetalent als Produzent. All das feine Handwerkszeug, das West über die Jahre angesammelt hat, auf "Ye" lässt es sich in seiner reduziertesten und schönsten Form bestaunen. Als Kanye West vor etwas mehr als 15 Jahren in die Welt des Hip-Hop trat, war das visionärste, was er mit sich brachte, seine Stimme. Oder besser: die Art, wie er mit seiner Stimme arbeitete, wie er sie veränderte, modulierte. Die Stimmkorrektur-Software Auto-Tune, die im Pop der Gegenwart als ausgestelltes Stilmittel so allgegenwärtig erscheint, ohne Kanye West wäre sie es nicht.

"I Thought About Killing You", der Eröffnungssong von "Ye", besteht beinahe nur aus Stimmen. Ein kleiner, verzerrter Chor zieht melodische Schlieren. Im Vordergrund spricht Kanye West, er pitcht seine Stimme hoch, er verlangsamt sie, er verfremdet sie, so lange, bis man glaubt, West stünde mit zwei Gästen im Studio. Aber da ist nur er. "All Mine" hingegen hat tatsächlich zwei Gäste, klingt aber mit seinem unzuverlässig niederklappernden Beat wie das löchrige Skelett eines Songs. Es ist die Macht der Stimme, die Kanye West auf dem sonst so zurückgenommenen "Ye" zelebriert und die etwa "Wouldn't Leave" wie eine Gospel-Hymne klingen lässt, obwohl da nur vier Männer zum Refrain anheben.

Der merkwürdigste und schönste Song auf Wests neuem Album aber ist "Ghost Town": Ein Orgelsample brummt, darüber thront John Legends Stimme. Dann bohrt sich eine mächtig verzerrte Gitarre in den Mix, die den Song immer wieder durchwühlt und umgräbt, während das Schlagzeug voranscheppert. Am Ende überlässt West das große Finale der jungen Newcomerin 070 Shake: "Once again I am a child", singt die 20-Jährige. Und weiter: "I put my hand on a stove, to see if I still bleed/ Yeah, and nothing hurts anymore, I feel kinda free". Das Kind, das die Hand auf den Herd legt, um herauszufinden, ob es sich verbrennt. Das ist die Essenz von Kanye Wests Kunst. Er ist kein Einstein, kein Petrus, kein Picasso. Aber ein Visionär mit der Neugier eines Kindes.

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