Süddeutsche Zeitung

66. Filmfestspiele in Cannes:Coen-Brüder können auch Melancholie

Ihre Filme waren oft blutig und brutal, doch in Cannes präsentieren die Coen-Brüder nun eine melancholische Studie über die Musikszene im Greenwich Village der Sechzigerjahre. Ihr neues Werk kam beim Publikum an, denn ihren Humor bewahren die Brüder.

Die aufregendsten Schlagzeilen machten am vierten Tag des Filmfestivals von Cannes nicht die Filme und auch nicht die Stars oder Sternchen, sondern Ereignisse am Rande: ein Raub von Schauspielerjuwelen inklusive Tresor, der in einem Hotel verübt wurde, und ein verwirrter Mann mit einer Schreckschusspistole, der die Schauspieler Christoph Waltz und Daniel Auteuil an Angst und Schrecken versetzte, als sie am Strand ein Fernsehinterview führten.

Waltz bekannte, dass er um sein Leben gefürchtet habe: "Ich hatte Todesangst", sagte er der britischen Tageszeitung Daily Mail. Verletzt wurde zur Erleichterung aller aber niemand, und auch die geschädigte Schmuckmanufaktur Chopard beteuerte, dass ihr Schaden erheblich unter den eine Million Dollar liege, die von den Medien verbreitet wurden. Für die Filmfestspiele bedeutete das, dass das Rennen um die Goldene Palme vielleicht schon bald wieder auf mehr Aufmerksamkeit hoffen kann.

Denn immerhin fanden sich die Brüder Ethan und Joel Coen auf dem roten Teppich ein, um ihre Folkmusik-Studie "Inside Llewyn Davis" vorzustellen. Die mehrfachen Oscarlaureaten haben die Goldene Palme schon einmal gewinnen können - für ihr surreales Drama "Barton Fink", doch das ist mehr als zwanzig Jahre her.

In ihrem neuen Film tauchen sie in die Folkmusikszene der 1960er Jahre in den USA ein. Im Mittelpunkt steht Llewyn Davis (Oscar Isaac), der sich im Greenwich Village in New York als Folkmusiker durchschlägt - wenig erfolgreich. Dass er immer wieder auf den Sofas seiner Freunde schlafen muss, unter anderem bei Jean (Carey Mulligan) und Jim (Justin Timberlake), ist nur eines seiner Probleme, die er aber stoisch erträgt. Denn er kann seine Gefühle nur in der Musik äußern.

Auch bei ihrem neuen Werk finden die Coen-Brüder den richtigen Ton und beweisen, dass sie auf kein Genre festlegbar sind, vielmehr betreten sie einmal mehr neues Terrain. Dass dies gelungen ist, liegt auch an Kameramann Bruno Delbonnel, der sich mit "Die fabelhafte Welt der Amelie" einen Namen gemacht hat, und mit dem die Coen-Brüder zum ersten Mal zusammenarbeiteten. Die Farben sind gesättigt, und langsame Kamerafahrten erzeugen eine ganz eigene, ruhige Stimmung, die gleichzeitig bestens zur melancholischen Grundstimmung des Protagonisten passt.

Dabei gelingt es den Coen-Brüdern allerdings, dem Werk trotz aller Tragik den für sie berühmten lakonischen Humor zu bewahren. In Details und einzelnen Bildern erkennen sie das Absurde und Skurrile und bringen die Zuschauer damit immer wieder zum Lachen. Auch in dem blutigen Thriller "No Country for Old Men" von 2007 und dem bitter-komischen Kriminalfilm "Fargo" von 1996 tauchte dieser spezielle "Coen-Witz" trotz all der dargstellten Widrigkeiten auf.

In der Hauptrolle glänzt Oscar Isaac, doch auch Erfolgsmusiker Justin Timberlake und vor allem Schauspielerin Carey Mulligan - die schon im Cannes-Eröffnungsfilm "Der große Gatsby" zu sehen war - können mit ihren kleineren Parts Akzente setzen.

Einen Geheimtipp, wie strauchelnde Musiker erfolgreich werden können, hatte Timberlake in Cannes dann zwar nicht parat. Er riet jedoch, nicht zu schnell aufzugeben, sondern an sich zu glauben. "Man darf nicht zu sehr daran denken, was die Reaktion anderer Menschen sein könnte." Das dürfte auch eines der Erfolgsrezepte der Coen-Brüder sein - ihr Film gehört bislang zum Kreis der möglichen Gewinneer der Goldenen Palme.

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