Süddeutsche Zeitung

60. Deutscher Filmpreis:Barbara Schöneberger - die Wursthaut hielt

Glück pur beim Deutschen Filmpreis: Moderatorin und Fast-Mutter Schöneberger umarmt die Welt und Michael Haneke hat einen großen Abend.

Es ist ein bisschen so, als wolle Berlin an Michael Haneke das wieder gut machen, was ihm Hollywood an Enttäuschung zugemutet hat.

Da war der österreichische Regisseur vor ein paar Wochen nach Los Angeles gereist, um sich mit seinem Film Das weiße Band um den Oscar für den besten fremdsprachigen Film zu bewerben - und dann gewann ein anderer Österreicher einen Academy Award. Auch Christoph Waltz ist an diesem Abend in den Friedrichstadtpalast gekommen, doch diesmal ist Michael Hanekes schwarzweißer Vorkriegsgrusel nicht nur in beinahe jeder Kategorie für eine Auszeichnung nominiert: Er nimmt tatsächlich auch zehn goldene Lolas mit nach Hause, den Preis für die beste Regie und den besten Film inklusive.

Ja, es ist ein großer Abend in Berlin, nicht nur für Michael Haneke.

Ziemlich groß schon - der Scherz liegt fast zu nahe - ist der Bauch der Moderatorin. Barbara Schöneberger ist schwanger (beziehungsweise nach Augenschein kurz vor der Niederkunft) und hat ihren wirklich beeindruckend riesigen Babybauch in eine glitzernde Wursthaut gepresst. Noch nie habe sie sich in einem Zelt so wohlgefühlt, versichert sie.

Schöneberger führt wie gewohnt ein kleines bisschen zu laut und eben gerade deswegen ziemlich lustig durch den Abend. Das Publikum vor Ort reagiert auf ihre Scherze - auch das wie gewohnt - eher verhalten.

Dachte Angela Merkel an Griechenland?

Zum 60. Mal wurde der Bundesfilmpreis am Freitagabend verliehen, und zum Jubiläum kam die Kanzlerin persönlich zur abendlichen Gala. Ob Angela Merkel nun die Staatshilfe für Griechenland aufs Gemüt geschlagen hatte, oder ob ihr das Reden vor den im Vergleich zu ihren Bundestagskollegen vielleicht noch versierteren Selbstdarstellern schwer fiel: Eine große Rede war es nicht, die die sichtlich nervöse Regierungschefin da hielt, auch wenn sie tapfer versicherte, dass sie das mit dem Filmemachen in Deutschland eine "tolle Sache" findet.

Und noch ein anderer tat sich an diesem Abend schwer mit seiner Rede: Bernd Eichinger wurde von der Filmakademie mit dem Ehrenpreis ausgezeichnet. Eichinger, der eitle große Mann des deutschen Films, oft mit Häme bedacht, aber unvergleichlich erfolgreich, ist sichtlich gerührt, als die Kollegen das Klatschen nicht lassen wollen und er nicht zu Wort kommt. Da zittert Eichinger die Stimme. Eine große Ehre sei ihm dieser Preis, sagt er - und man hat tatsächlich das Gefühl, dass dieser Abend für ihn ein großer Abend ist.

Absolut keinen Zweifel daran lässt Sibel Kekilli. Für ihre Rolle in Die Fremde von Feo Aladag wird sie mit dem Preis als beste Hauptdarstellerin ausgezeichnet, womit sie so wenig gerechnet zu haben scheint, dass sie sich zur Preisvergabe erst mal ihre Schuhe anziehen muss. Auf der Bühne setzt sie sich zunächst auf den Boden und während sie noch verspricht, diesmal sicher nicht zu heulen, kullern ihr schon die ersten Tränen die Wangen hinunter.

Doch trotz aller geweinten und verdrückten Tränen, es ist am Ende der ganz große Abend des Michael Haneke. Nach zwei Stunden (zumindest in der geschnittenen Fernsehversion) haben er und seine Schauspieler, Kameramänner, Kostüm- und sonstigen Bildner, Preise in so ziemlich allen Kategorien abgeräumt, am laufenden Band gewissermaßen, auch dieser Scherz liegt fast zu nah.

Zumindest Haneke also ist am Ende des Abends sichtlich zufrieden. Und die Moderatorin ist glücklicherweise immer noch schwanger.

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