Süddeutsche Zeitung

Zukunft der Arbeit:Gleicher Lohn für alle

Alle Beschäftigten kriegen das gleiche Gehalt. Die Höhe bestimmen sie gemeinsam. Sie genehmigen sich selbst den Urlaub, entscheiden über den Gewinn des Unternehmens und reden bei Neueinstellungen mit. Und das soll funktionieren?

Sibylle Haas

Bei der Mediengruppe CPP Studios in Offenbach sehen Lohnverhandlungen so aus: Am Ende des Jahres setzen sich alle zusammen und entscheiden, was mit dem Gewinn passiert. Wie viel investiert wird, wie viel man zurücklegt und wie viel die Mitarbeiter im kommenden Jahr verdienen werden. Auch der Bonus wird so ausgehandelt oder die Gehaltskürzung, wenn es schlecht läuft. Alle 32 CPPler, einschließlich der zwei Chefs, haben dabei eine Stimme. Entschieden wird mit einfacher Mehrheit.

Das System funktioniert, denn jeder verdient das Gleiche. Egal ob einer 50 ist oder 25, egal welchen Job er macht - alle bekommen dasselbe Gehalt. Nur die beiden Geschäftsführer Gernot Pflüger, 46, und Thomas Lutz, 49, verdienen mehr - weil sie das finanzielle Risiko tragen.

Die Idee mit dem Einheitslohn entstand vor mehr als 20 Jahren. Pflüger arbeitete als Musiker und Journalist und machte sich in den achtziger Jahren mit Freunden in der Veranstaltungstechnik selbständig. So entstand die Mediengruppe CPP Studios, die heute multimediale Produktionen und Veranstaltungen konzipiert, plant und umsetzt - vom Werbefilm für die Deutsche Bank bis zum Kirchentag der katholischen Kirche - und die im Jahr inzwischen mehr als fünf Millionen Euro umsetzt.

Am Anfang waren wir nur wenige, und jeder verdiente das Gleiche", erklärt Pflüger. Die Firma wuchs, die Sache mit dem Einheitslohn blieb. Nur einmal wurde das Gleichheitsprinzip in Frage gestellt. Einige Ältere fanden es ungerecht. Bis tief in die Nacht hinein wurde diskutiert, der Einheitslohn wurde gekippt, und die Jüngeren bekamen ein Viertel weniger. Funktioniert hat das nicht. Denn die Jungen machten früher Feierabend, fühlten sich nicht mehr zuständig und schoben den Älteren die Verantwortung zu. Es gab viel Streit - und der Einheitslohn wurde wieder eingeführt.

Die CPP Studios kommen ohne Gewerkschaften und ohne Betriebsrat aus. "Wir sind basisdemokratisch", sagt Pflüger. "Unsere Mitbestimmung geht viel weiter als die der Gewerkschaften." Dabei ist das Unternehmen keineswegs ein "Laubsägenkollektiv", wie Pflüger gerne betont. "Wir stehen im harten Wettbewerb und wollen besser sein als unsere Konkurrenten", sagt er. Gearbeitet wird deshalb viel. Manchmal bis tief in die Nacht hinein, wenn ein Projekt in der Schlussphase steckt. Wer dann nicht mehr mit dem Auto heimfahren will, der schläft im Büro. Für solche Fälle gibt es Gästebetten und Duschen in der Firma.

Vetorecht gegen Neueinstellungen

Nicht nur beim Gehalt, auch bei Neueinstellungen haben alle ein Wort mitzureden. Mitbestimmung wird bei Personalangelegenheiten sogar ganz besonders groß geschrieben. "Die Zustimmungsbarriere ist da viel höher", erklärt Pflüger. Da reicht nicht wie beim Gehalt die einfache Mehrheit für den Beschluss. Schon zwei oder drei Gegenstimmen aus der Belegschaft sind genug, um eine Einstellung zu verhindern. "Das ist wichtig, denn wir arbeiten in den Projekten eng und viele Stunden zusammen. Da muss die Chemie stimmen." Oft würden Einstellungen neuer Mitarbeiter nicht blockiert, aber wenn, werde das ausgiebig in der Gruppe diskutiert.

Pflüger will, dass sich seine Leute verantwortlich fühlen für das, was sie tun. Hierarchien gibt es deshalb nicht. "Chef ist derjenige, der gerade ein Projekt leitet. Das kann beim nächsten Projekt schon wieder anders sein", erklärt er. Auch die Urlaubsplanung macht jeder selbst. "Wir nehmen uns so viel Urlaub, wie wir brauchen", sagt er. Ausgenutzt zu Lasten der Kollegen habe das bisher keiner. "Wenn man den Mitarbeitern Verantwortung gibt, sind sie viel sorgfältiger und vernünftiger, als man ihnen so nachsagt", meint Pflüger. Das Problem der CPPler sei eher die Selbstausbeutung.

Die CPP Studios haben sich in einer alten Fabrik niedergelassen. Graphikdesigner, Filmemacher oder Kameraleute arbeiten in dem roten Backsteingebäude in Offenbach in der Nähe von Frankfurt. Anders als man vermuten könnte, trifft man dort keineswegs nur junge Leute an. Der jüngste Mitarbeiter ist 25, der älteste 52 Jahre. Die Fluktuation ist gering.

Michael Wiederhold ist 50. Er ist gelernter Bankkaufmann und kam mit Pflüger zusammen, als sie gemeinsam Musik machten. Das Konzept der Firma gefiel ihm, und er übernahm zunächst einige Hilfsarbeiten. Das ist jetzt 20 Jahre her. Heute hat Wiederhold Prokura, ist für den kaufmännischen Bereich zuständig, vom Controlling bis zur Personalabteilung. "Unseren Verwaltungs-Wasserkopf", nennen sie ihn hier schmunzelnd.

1600 Quadratmeter mit "Pinguin-Kolonie"

Auf den etwa 1600 Quadratmetern der Firma gibt es ein Mini-Kino und mehrere Aufnahmestudios. Herzstück aber ist die "Pinguin-Kolonie". So nennt Pflüger das Großraumbüro, in dem die Angestellten Schreibtisch an Schreibtisch arbeiten. Auch die Chefs sitzen mittendrin, "weil man so auf Zuruf schnell mal was klären kann". Es herrscht geordnetes Chaos, auf den Schreibtischen stapeln sich DVDs, Papiere, Hefte, Ordner, Süßigkeiten. Hier und da steht eine Kaffeetasse mit eingetrocknetem Kaffee, fast auf jedem Tisch ein voller Aschenbecher. Hinter den Bildschirmen herrscht konzentrierte Ruhe. Momentan arbeitet die Kreativ-Truppe an einem Großprojekt für einen Autohersteller. Es geht um die Kommunikationsstrategie für ein neues Auto. Mehr will Pflüger dazu nicht sagen. Die Sache ist zu frisch.

Pflüger ist von der Art, wie sie bei CPP zusammenarbeiten, überzeugt. "Unsere Leute haben viel Freiräume, deshalb sind sie so kreativ", erklärt er. Die meisten Firmen seien hingegen in einer "spätmittelalterlichen Phase" hängengeblieben. "Viele Beschäftigte geben die Freiheiten des 21. Jahrhunderts an der Tür ihres Arbeitgebers ab. Sie lassen sich behandeln wie Kinder. Das ist Irrsinn", sagt er. Der hierarchische Führungsstil führe nur dazu, dass die Menschen Dienst nach Vorschrift machten. Sein Fazit: "Das bringt die Unternehmen aber nicht weiter."

Die Gewerkschaften funktionierten nach dem gleichen Machtprinzip und seien dem "neoliberalen Denken verfallen, statt sich um die Belange der kleinen Leute zu kümmern", kritisiert Pflüger. Deshalb verlören sie an Bedeutung. "Dabei ist die Lage für die Gewerkschaften so gut wie lange nicht mehr", sagt er. "Die Menschen haben Angst um ihre berufliche Zukunft, und viele zweifeln, ob es ihren Kindern einmal besser gehen wird als ihnen selbst. Da liegt doch eine große Chance für die Gewerkschaften, neue Mitglieder zu gewinnen."

Pflüger und seinem Team ist es wichtig, dass die Arbeit erfüllend und sinnstiftend ist. Geld dagegen sei nicht so wichtig. Allerdings betont Pflüger, dass Arbeit natürlich "die Existenz absichern" müsse. Wie hoch der Einheitslohn bei CPP momentan ist, will er nicht sagen.

Manche könnten woanders sicher mehr Geld verdienen. Doch sie bleiben. Weil sie in der alten Fabrik in Offenbach flexibel, frei und selbstverantwortlich arbeiten können.

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SZ vom 06.09.2011/tina
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