Süddeutsche Zeitung

Zehn Trends in der Berufswelt:Wie wir morgen arbeiten

Flexibles Arbeiten jenseits des Büros, projektbezogene Aufträge, wachsende Bedeutung von Wissen: Die Arbeitswelt wandelt sich rapide - und stellt die Beschäftigten vor neue Herausforderungen. Denn sie müssen mit größerer Unsicherheit leben und lernen, sich ständig zu vermarkten. Ein Überblick über die wichtigsten Entwicklungen in der Arbeitswelt.

Sibylle Haas

Nichts bleibt wie es ist. Das klingt banal. Doch für viele Menschen sind Veränderungen schwierig. Sie reagieren mit Angst und Widerstand - und manchmal mit Verdrängung. Das ist in der Arbeitswelt nicht anders als sonst auch.

Und es verändert sich ständig irgendetwas: Alte Berufe verschwinden und neue entstehen, Wissen veraltet und neue Fähigkeiten sind gefragt. Gestern wurde gelobt, wer seinem Arbeitgeber ein Leben lang treu blieb. Heute ist begehrt, wer sich in mehreren Jobs qualifiziert hat.

Am deutlichsten haben sich die Bedingungen, unter denen die Menschen arbeiten, gewandelt. Noch vor 100 Jahren war die Fabrik das Zentrum der Arbeiter. Große Industrieanlagen beherrschten die Arbeitswelt. Es ging darum, die Arbeit an den Werkbänken zu "humanisieren", so dass die Menschen sicher und körperlich unversehrt ihre Tätigkeit verrichten konnten.

Auch heute sind die Arbeitsbedingungen an die Menschen anzupassen. Doch Humanisierung in der modernen Arbeitswelt bedeutet zum Beispiel, psychische Belastungen zu mindern oder den Zeitdruck abzufedern, den die Mobilität mit sich bringt. Zehn Trends, welche die Arbeitswelt von morgen bestimmen, haben sich in dieser Serie herauskristallisiert.

Chef ist, wer das Projekt betreut

Die Mobilität. Die westliche Welt befindet sich im Übergang von der industriellen zur nachindustriellen Wirtschaft. Die digitale Revolution fordert die Gesellschaft heraus. Sie stellt die alten, gut eingefahrenen Strukturen in Frage, ja löst sie teilweise sogar auf. "Den" festen Arbeitsplatz wird es bald nicht mehr geben. Schon heute arbeiten viele mobil, schlagen ihr Büro dank Laptop und Blackberry mal hier und mal dort auf. Damit sind für Unternehmen die Mitarbeiter ständig und überall verfügbar. Für die Beschäftigten lösen sich Zeitgrenzen auf. Arbeitstage, die um neun Uhr beginnen und um 17 Uhr enden, werden seltener. Immer mehr Menschen arbeiten selbstbestimmt, legen Arbeitszeit und Freizeit eigenständig fest: Die große Herausforderung wird sein, die Balance zu finden und Grenzen selbst zu ziehen.

Das Wissen. Wissensarbeit ist zu einer dominierenden Form der Erwerbsarbeit geworden. Teamorientierte Projektarbeit ist auf dem Vormarsch. Hierarchien werden unwichtig, sind von gestern. Morgen ist "Chef", wer gerade ein Projekt betreut. Der Erfolg von Firmen wird immer mehr davon abhängen, wie die Wissensarbeiter zusammenarbeiten und wie kreativ sie dabei sind. Dabei läuft ohne Kooperation und Vernetzung im Job bald gar nichts mehr. Man trifft sich in Netzwerken wie Facebook oder Google+.

Die Dienstleister. Arbeit wird nicht weniger, sie wird nur anders. Das zeigt sich bereits an der Bedeutung der Wirtschaftsbereiche. Noch vor sechzig Jahren arbeitete hierzulande gut ein Viertel aller Beschäftigten in der Land- und Forstwirtschaft und in der Fischerei. Heute sind es gerade noch knapp zwei Prozent. Mehr als zwei Drittel der Beschäftigten ist inzwischen in den Dienstleistungen tätig. Damit hat sich der Anteil seit 1950 mehr als verdoppelt. Die wissensbasierten Dienste boomen, aber auch die sozialen: Familiendienste jeglicher Art, von der Kinderbetreuung bis zur Altenpflege, werden wichtiger.

Selbstdarsteller im Vorteil

Neue Arbeitsverhältnisse. Auf dem Weg in die Wissensgesellschaft und Kreativarbeit entstehen neue Erwerbsformen. Projektarbeit, Honorar- und Zeitverträge sind damit verbunden. Die Firmen fordern mehr Flexibilität: Leiharbeit und befristete Jobs nehmen mitunter deshalb zu. Und der Staat unterstützt das, indem er die Gesetze anpasst. Das kann für gering qualifizierte Menschen zum Fluch werden. Sie müssen sich mit unsicheren und schlecht bezahlten Arbeitsplätzen begnügen, denn nicht selten bleiben sie in diesen "prekären" Jobs hängen. Doch es gibt auch eine andere Seite, geprägt von der Avantgarde der Arbeitsgesellschaft. Es ist eine "Elite", eine neue kreative Klasse, mit starker Affinität zu den neuen Technologien. Sie pfeift auf den festen Job, weil sie den Arbeitsalltag selbst gestalten will.

Die Selbstvermarkter. Zurückhaltung war einmal. Die Arbeitswelt von morgen bevorzugt Extrovertierte, Exoten und Selbstdarsteller. Wer sich gut in Szene setzen kann, der setzt sich durch. Denn wenn Arbeitsverhältnisse immer kürzer und immer lockerer werden, wenn Unternehmen nicht mehr nach Arbeitnehmern, sondern nach Auftragnehmern suchen, dann profitieren vor allem jene, die beim schnellen ersten Blick gut aussehen. Das gilt auch für das Internet. Um die berufliche Karriere voranzutreiben, werden Arbeitnehmer von morgen die neuen Plattformen nutzen müssen.

Die Demographie. Die Menschen werden älter, und sie bleiben länger gesund. Immer weniger Arbeitnehmer kommen für die Renten auf. Da liegt es auf der Hand, dass die Menschen länger arbeiten werden. Der Trend zur Frühverrentung ist bereits gestoppt. Der Anteil der 60- bis 64-Jährigen unter den Arbeitnehmern hat sich seit dem Jahr 2000 auf 41 Prozent verdoppelt - das zumindest zeigen Daten der Bundesregierung. Lebenslanges Lernen und Beschäftigungsfähigkeit bis ins hohe Alter hinein gewinnen an Bedeutung. Daher gilt: Arbeitsplätze müssen an die Bedürfnisse Älterer angepasst werden, ebenso die Arbeitszeiten. Für die Gewerkschaften ist das eine große Herausforderung. Das Festhalten an starren Rentenaltersgrenzen passt nicht mehr in die Zeit.

Frauen - bereit für die Karriere

Der Fachkräftemangel. Kluge Köpfe, sogenannte personelle Ressourcen, werden dafür verantwortlich sein, ob Firmen morgen wachsen oder nicht. Bereits 2015 werden in Deutschland drei Millionen Arbeitskräfte fehlen, vor allem Naturwissenschaftler und Ingenieure, aber auch Handwerker. Schon heute gibt es in bestimmten Branchen und Regionen zu wenig gute Leute, etwa im Maschinenbau-, bei Elektro- und Fahrzeugbauingenieuren, bei examinierten Altenpflegern, bei Erziehern oder Ärzten.

Die Bildung. Sie ist die beste Investition in die Zukunft. Doch bei den Bildungsausgaben liegt Deutschland im OECD-Vergleich nur auf Rang 23 unter den 27 wichtigsten Ländern. Viele Betriebe klagen bereits über mangelnde Disziplin, Leistungsbereitschaft und Belastbarkeit der Jugend. Das müssen die Schulen aufgreifen. Doch Bildungspolitik hat auch den drohenden Fachkräftemangel zu berücksichtigen. Und sie muss dafür sorgen, dass Abschlüsse auch über die Grenzen Europas hinweg anerkannt werden.

Das weibliche Potential. Viele Frauen sind gut ausgebildet und dennoch gibt es noch immer die klassische Arbeitsteilung: Der Mann sichert den Lebensunterhalt, die Frau sorgt für die Familie. Flexiblere und familienfreundliche Arbeitszeiten sind erforderlich, um das Potential zu nutzen. Im internationalen Vergleich liegt Deutschland bei den Angeboten zur Kinderbetreuung weit zurück. Hier muss sich etwas ändern. Auch müssen Firmen in der Personalentwicklung gezielt auf die Frauenförderung setzen. Und nicht zuletzt liegt es an den Frauen selbst: Wenn sie nicht bereit sind, Karriere zu machen, wird daraus nichts.

Der Weltmarkt. Der Arbeitsmarkt von morgen ist international. Doch die Last der Anpassung liegt momentan auf den Arbeitnehmern in den Industrieländern. Seit dem Zusammenbruch des kommunistischen Systems kam knapp eine Milliarde Arbeitnehmer neu auf den Weltmarkt und begann, mit denen des Westens zu konkurrieren. Besonders die Löhne gering qualifizierter Beschäftigter gerieten unter Druck. Ein Weg aus der Misere ist gute Bildung. Je besser die Arbeitnehmer qualifiziert sind, desto besser sind ihre Chancen in der Konkurrenz mit China, Indien und anderen Schwellenländern. In China etwa steigen inzwischen die Löhne, weil Arbeitskräfte knapp werden und weil die Beschäftigten nach dem Vorbild des Westens für ihre Rechte eintreten. Freihandel und Globalisierung nutzen langfristig also allen.

Der Wandel der Arbeitswelt bietet neue Möglichkeiten: Beruf und Freizeit können leichter verknüpft werden, Job und Familie ebenso. Und: Der Wandel vollzieht sich auf einem sozialen Fundament, das es vor 100 Jahren noch nicht gegeben hat. Darauf kann die Gesellschaft heute aufbauen, damit Menschen in neuen Arbeitsverhältnissen und Berufen auch künftig gut arbeiten können.

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Quelle:
SZ vom 29.11.2011/gal/gba
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